„Soziale Netzwerke als demokratische Kraft retten“ – das ist die Überschrift auf der Homepage von Save Social. Nicht zu verwechseln mit „Safe“ Social, also “sicheren” sozialen Netzwerken. Das Wort „retten“ soll bewusst den Handlungsdruck der Bewegung verdeutlichen. „Das Internet zurückerobern, Alternativen stärken!“ heißt es weiter. Aber sind soziale Netzwerke bedroht oder sind sie nicht sogar selbst die Bedrohung?
Den Tech-Riesen gehört das Internet
YouTube, LinkedIn, Facebook, Instagram, Whatsapp, TikTok. Das sind die bekanntesten der sozialen Netzwerke, gegen die sich die Initiative richtet. Das Problem: Wenige dieser Monopolplattformen vereinnahmen den Großteil der digitalen Reichweite und haben damit einen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Informations- und Debattenkultur. Die Dienste arbeiten aber weder filterfrei noch unabhängig.
Die Akteure von Save Social sehen dadurch den Artikel 5 des Grundgesetzes bedroht: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet.“
Dieser Aspekt ist im digitalen Raum nicht gewährleistet. Zwar lassen sich online fast jegliche Informationen teilen, aber wer diese angezeigt bekommt, darüber entscheiden Empfehlungsalgorithmen. Sie arbeiten nicht nach qualitativen Kriterien, sondern stumpf nach Aufmerksamkeit. In einzelnen Fällen pushen sie sogar gezielt Inhalte, die der eigenen Ideologie folgen, wie im Falle von X, das allen Nutzenden die Posts von Eigentümer Elon Musk anzeigt.
Dazu kommt, dass in Folge der erneuten Wahl Donald Trumps die US-Tech-Konzerne bei der Bekämpfung von Desinformation abrüsten. Zuletzt schaffte Meta Anfang des Jahres Faktenchecks ab. Auch diskriminierende und menschenfeindliche Inhalte werden weniger bekämpft, gewinnen wegen ihrer inhärent provokanten Botschaften sogar noch Aufmerksamkeit.
Die Initiative Save Social beschreibt es als eine „Flut von Hass, Häme, Hetze und Desinformation“, mit der wenige Monopolplattformen die Demokratien zersetzen würden und die jeden Menschen gefährdeten. Drastische Worte für ein drastisches Problem.
Wer steht hinter Save Social?
Rund 100 Akteurinnen und Akteure aus Kultur, Wirtschaft und Medien haben sich im Februar dieses Jahres zu der Initiative zusammengeschlossen, darunter Verbände wie Greenpeace oder der Deutsche Journalisten-Verband, Medienvertreter wie Justus von Daniels, Chefredakteur von Correktiv, der Musiker Jan Delay und private Medienschaffende wie Autor Marc-Uwe Kling, Ralph Ruthe oder Dr. Eckart von Hirschhausen. Auch aus der Wissenschaft oder aus dem Gesundheitssektor gibt es Unterstützung.
Save Social umfasst auch eine Petition an die Parteichefs und Fraktionsvorsitzenden der demokratischen Parteien im Bundestag, die Ministerpräsidenten der Länder und die EU-Kommission. Nach zwei Monaten haben über 250.000 Menschen unterschrieben.
KI als weiterer Brandbeschleuniger
Die Initiatoren benennen nicht nur die Social-Media-Plattformen als Problem. Die rasante Entwicklung von KI betrachten sie ebenfalls kritisch. Immer mehr Informationssuche und -verarbeitung finde über Chatbots und KI-Assistenten statt, die nicht selten auch zu den großen Tech-Konzernen gehören.
Die KIs übertragen die Funktionslogik der Social-Media-Plattformen auf alle Inhalte des Internets. Das birgt gleich zwei Gefahren: Erstens werden durch KI nur Informationen zusammengefasst, ohne dass diese zwangsläufig zuvor geprüft wurden. Außerdem kann der Tenor der aufbereiteten Informationen dabei erheblich geändert werden. Zweitens nimmt es Nutzenden den Anlass, die Webseiten der Originalquellen zu besuchen.
Wie bereits durch die Social-Media-Plattformen verlieren damit unabhängige Angebote ihr Publikum und somit auch einen Teil ihrer Finanzierung. Stattdessen müssen sich Medienschaffende aller Welt zunehmend den Regeln der Tech-Riesen unterordnen, wenn sie ihre Inhalte verbreiten wollen.
Durch die wachsende Potenz generativer KIs ist auch der Anteil eigenständiger kreativer Inhalte im Netz bedroht. Das Training der KIs macht auch vor dem Urheberrecht nicht halt: Kreative müssen nicht nur um ihre zukünftigen Werke fürchten, sondern auch um ihre bisherigen. Das jüngste Beispiel bietet OpenAIs „Ghibli-Update“, das einerseits einen Hype KI-generierter Bilder im Stil der Ghibli Animes auslöste, andererseits auch auf große Kritik stieß. Hayao Miyazaki, der Erschaffer der Ghibli-Filme, hat sich selbst mehrfach gegen KI ausgesprochen.
Save Social: Ein Zehn-Punkte-Plan
Um das Problem zu lösen, sind laut Save Social alle gefragt. Schließlich sind soziale Medien ein Ort, an dem viele Menschen zusammenkommen. Die Petition aber richtet sich an die Politik und die Initiatoren haben auch bereits Maßnahmen erdacht, die politischen Rückenwind bräuchten.

In zehn Punkten schlägt die Initiative vor, Plattformen offener zu gestalten, aber auch Alternativen zu entwickeln und zu fördern. Mitinitiator, Journalist und Autor Björn Staschen erklärt: „Wir wollen alternative Plattformen stärken, die auf Basis offener Protokolle einen fairen Austausch erlauben. Heute finden wir das beispielsweise im Fediverse, einige setzen auch große Hoffnungen auf Bluesky.“
Auch die Kreativen sind gefragt: Gemeinwohlorientierte Angebote müssen her. Die Creators sollen Verantwortung für ihre Inhalte und Communities übernehmen, auch auf den Monopolplattformen. „Viele unserer Unterstützenden wissen, dass sie heute nur dort ihre Communities finden. Wir fordern daher, den Austausch auf den Big-Tech-Plattformen fairer zu machen“, so Staschen.
Am 3. Mai 2025, zum internationalen Tag der Pressefreiheit, plant die Initiative einen Aktionstag und ruft dazu auf, das Handy zur Seite zu legen. Staschen schreibt: „So, wie am Earth Day viele Institutionen ihr Licht ausschalten, wollen wir den Big-Tech-Konzernen zeigen, dass wir Nutzenden gemeinsam Kraft entfalten können und den Algorithmen der Konzerne nicht ausgeliefert sein müssen.“
Was heißt Save Social für Social-Media-Marketing?
Im Online-Marketing aller moderner Unternehmen ist Social Media fest verankert. Als Unternehmen kommt man an den Tech-Riesen nicht vorbei, denn auf ihren Plattformen tummeln sich die meisten Zielgruppen. Auch darin erkennt Staschen ein Problem: „Auch mittelständische Unternehmen der Absatzwirtschaft sind den Big-Tech-Algorithmen ausgeliefert. Das bedeutet eine große Abhängigkeit von Entscheidungen US-amerikanischer oder chinesicher Konzerne“
Er betont: „Der Aufruf, YouTube, Facebook etc. nicht zu nutzen, bezieht sich nur auf den 3. Mai. Save Social ruft nicht zu einem generellen Boykott der Plattformen auf.“ Marken sind ebenfalls als Creators gefragt, in ihren Inhalten Verantwortung zu übernehmen, offenen Diskurs zu fördern und Sichtbarkeit zu schaffen.
Immer mehr Stimmen und Initiativen beschäftigen sich kritisch mit der Machtposition der Tech-Giganten. Ein anderes Beispiel dafür ist die Initiative 18, die sich dafür einsetzt, unabhängige und freie Medien als 18. Nachhaltigkeitsziel der UN zu etablieren. Ein weiterer Kritikpunkt hier ist, dass die amerikanischen Big-Tech-Konzerne nicht nur den Großteil digitaler Reichweite erhalten, sondern auch den Großteil an Werbespendings.
