Media Resilienz statt Reaktion 

Um Resilienz in der Medien- und Werbebranche konkret umsetzbar zu machen, braucht es belastbare Grundlagen. Dabei sind Fairness, Nachhaltigkeit und Innovation die Erfolgsfaktoren, meint unsere Kolumnistin.
Lisa-Charlotte Wolter schreibt über nachhaltige Medien- und Marketingstrategien. Im IU Research Center for Sustainable Media & Marketing (RCSMM) erarbeiten sie und ihre Kolleg*innen, wie Resilienz als Erfolgsfaktor strategisch und praktisch verankert werden kann.
Lisa-Charlotte Wolter ist Expertin für nachhaltige Medien- und Marketingstrategien. Im IU Research Center for Sustainable Media & Marketing erarbeiten sie und ihre Kolleg*innen, wie Resilienz als Erfolgsfaktor strategisch und praktisch verankert werden kann. (© privat, Montage: Olaf Heß)

Die Medien- und Werbeindustrie ist nicht in allen Tiefen fair. Das ist kein vages Gefühl, sondern Fakt. So zeigt etwa der aktuelle Policy Brief „Digital Fairness Act“, wie Nutzer*innen in digitalen Umgebungen durch Dark Patterns, emotionale Beeinflussung und intransparente Entscheidungsarchitekturen strukturell benachteiligt werden.  

Fairness ist keine moralische, sondern eine strukturelle Frage. Sie hat messbare Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft. Man kann auf diese Strukturen mit einem reaktiven Verhaltensmuster antworten, oder sie zum Ausgangspunkt machen, um Resilienz zu entwickeln. 

Vom Reaktionsmuster zur Einordnung 

Seit Jahren folgt die Medienbranche einem vertrauten Muster: Tech-Companies bringen innovative Angebote in den Markt, Medien und Verbaucher*innen reagieren. Resilienz bedeutet nicht noch schneller zu reagieren, sondern besser zu verstehen, wie man als Akteur in dem dynamischen System handlungsfähig bleiben kann.  

Der Begriff Resilienz stammt vom lateinischen resilire („abprallen“) und beschreibt ursprünglich die Fähigkeit von Materialien, sich nach einer Verformung wieder in die ursprüngliche Form zurückzubewegen. Übertragen auf die Medien- und Werbeindustrie bedeutet das, nicht starr in bestehenden Logiken zu verharren, sondern Fairness und Werte auch unter Markt- oder Technologiedruck zu bewahren.  

Politik und Wirtschaft erkennen Resilienz zunehmend als Stabilitätsfaktor 

Beim World Economic Forum 2025 in Davos wurde Resilienz als „Core KPI of Future Business Sustainability” hervorgehoben. Einen „Media Resilience KPI“ gibt es bisher nicht. Das MIT Media Lab beschreibt Resilienz als Fähigkeit, auf einer menschlichen, gemeinschaftlichen und gesellschaftlichen Ebene widerstandsfähig zu bleiben.  

Im Value-Media-Kontext ergänzen wir: Medien agieren auf zwei Märkten, dem Nutzermarkt (Aufmerksamkeit, Zeit) und dem Werbemarkt (faire Vermittlung dieser Ressource an Werbetreibende). Ein nachhaltiges Resilienzverständnis bedeutet, dass beteiligte Akteure bewusster mit der „Ressource mediale Aufmerksamkeit“ umgehen. Medienhäuser könnten künftig als „Resilience Enabler“ agieren, indem sie Verbraucher*innen Orientierung und Schutz bieten und Werbetreibenden faire Kommunikationsumfelder liefern. 

Stärkung von Medien und Medienkompetenz 

Auch Politik und Regulierung erkennen die Relevanz. Die EU startete 2025 ein Media-Resilience-Programm zur Stärkung unabhängiger Medien und Medienkompetenz. Zudem ist Resilienz in den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) verankert. Dort heißt es: „The undertaking shall disclose a qualitative and, when applicable, a quantitative analysis of its resilience to the material risks disclosed…”

Für die Medienbranche eröffnet sich die Chance, diesen offenen Rahmen mit konkreten Indikatoren zu füllen. Insbesondere durch Anknüpfungen an ESRS S3 (Communities), ESRS S4 (Consumers) oder G1 (Governance). 

Mit den richtigen Resilienz-KPIs lassen sich Fairness und Wirtschaftlichkeit verbinden.