Marketingforschung jenseits des Elfenbeinturms 

Wissenschaftliche Marketingvereinigungen schlagen Brücken zwischen Theorie und Unternehmenswelt. Mit Konferenzen, Top-Journals und Videoformaten machen sie wissenschaftliche Ergebnisse greifbar. Unser Kolumnist stellt drei wichtige Institutionen vor.
Customer Engagement : Kolumne Marko Sarstedt
Marko Sarstedt ist Professor für Marketing an der Ludwig-Maximilians-Universität München. (© Maximilian Sydow, Montage: Olaf Heß)

Beim Stichwort Marketing denken viele sofort an kreative Kampagnen, Storytelling und Markenmanagement. Doch auch die wissenschaftliche Seite des Marketings hat einiges zu bieten: Die Welt der Marketingwissenschaft lebt von starken Vereinigungen, die Forscher, Dozenten und Praktiker zusammenbringen. Zu den bekanntesten gehören die American Marketing Association (AMA), die European Marketing Academy (EMAC) und die Academy of Marketing Science (AMS)

Die großen Player in der Marketingforschung 

Die AMA in den USA gilt als Urgestein: Sie bringt seit Jahrzehnten Marketer, Forschende und Lehrende an einen Tisch und setzt Standards – nicht zuletzt mit renommierten Journals wie dem „Journal of Marketing“ und dem „Journal of Marketing Research“. Die EMAC wiederum ist das europäische Pendant, das vor allem mit der jährlich stattfindenden Konferenz Akteure aus der Marketingforschung auf hohem Niveau versammelt und den Austausch zwischen Forschenden fördert. 

Und dann ist da noch die AMS. Was viele nicht wissen: Die AMS wurde 1971 als Alternative zur AMA gegründet. Ihr Gründer, Dr. Harold W. Berkman, wollte eine Plattform schaffen, die ganz bewusst den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis fördert. Und genau das lebt die AMS bis heute. Hier stehen nicht nur Theorien und Modelle im Fokus – die Brücke in die Unternehmenspraxis ist Teil der DNA. 

Zwei internationale Konferenzen im Jahr – eine in Nordamerika, die andere in einem anderen Teil der Welt – bieten Raum für Diskussionen, Praxisvorträge und Netzwerkchancen. Hier entstehen nicht nur Kontakte, sondern oft auch gemeinsame Projekte, etwa zu aktuellen Marketingtrends oder Innovationen im Konsumentenverhalten. Bis heute werden Marketingpraktiker auf den Konferenzen für herausragende Beiträge und Marketingforscher für besonders praxisrelevante Arbeiten geehrt – ein schöner Beleg, wie eng die Verbindung zur Praxis ist. 

„JAMS“ – eine weltweit führende Marketingzeitschrift 

Die AMS ist Herausgeberin zweier bedeutender Fachzeitschriften: dem „Journal of the Academy of Marketing Science“ (JAMS) und der „AMS Review“. „JAMS“ zählt zu den weltweit führenden Marketingzeitschriften und veröffentlicht sowohl empirische als auch konzeptionelle und methodologische Beiträge. Aktuelle Sonderhefte beschäftigen sich beispielsweise mit Themen wie „From Buzz to Business: Analyzing the Post-Hype Phase of Influencer Marketing“ oder zur Nutzung von KI im Retailing. Die Zeitschrift ist in den „Financial Times Top 50“ gelistet und genießt sowohl in der Forschung als auch in der Praxis hohes Ansehen. „AMS Review“ legt ihren Schwerpunkt auf konzeptionelle Arbeiten und neue theoretische Ansätze im Marketing.  

Sowohl „JAMS“ als auch „AMS Review“ fördern den internationalen Austausch aktueller Forschungsergebnisse und tragen dazu bei, Trends und Entwicklungen im Marketing frühzeitig zu identifizieren. Allerdings sind manche der Beiträge zugegebenermaßen sperrig mit vielen Formeln, komplizierten Fachbegriffen und Zahlenwüsten. Um die Ergebnisse trotzdem für die Praxis nutzbar zu machen, hat die AMS die Videoserie „AMS Sparks“ ins Leben gerufen. Hier werden wesentliche Studienergebnisse zusammengefasst – verständlich, praxisnah und auf Augenhöhe. 

Wissenschaft & Praxis: Zusammen unschlagbar 

Die großen Marketingvereinigungen wie AMA, AMS und EMAC zeigen, dass Marketingwissenschaft längst nicht mehr im Elfenbeinturm stattfindet. Deren Fachzeitschriften, früher oft als realitätsfern kritisiert, erwarten heute praktische Relevanz und echte Daten, häufig gemeinsam mit Unternehmen gesammelt. Zudem fördern diverse Formate den Austausch zwischen Forschenden und Marketingtreibenden – und zwar in beide Richtungen.   

Marko Sarstedt ist Leiter des Instituts für Marketing an der Munich School of Management der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Fokus seiner Forschung liegt auf dem Verhalten von Konsument*innen.