Frau Bonitz, auf welchem Weg sind Sie in Ihre aktuelle Führungsposition gekommen, und was waren dabei Schlüsselmomente oder Wendepunkte in Ihrer Karriere?
Ich habe schon eine ziemliche Reise hinter mir, bei der auf jeden Fall der rote Faden immer Strategie war. Ich bin seit 16 Jahren Strategin und habe in unterschiedlichsten Kontexten, Agenturen und Beratungen gearbeitet. Der Schlüsselmoment für meine Führungskarriere war sicher meine erste Geschäftsführungsrolle bei SinnerSchrader – relativ jung, verantwortlich für 600 Menschen in einer dynamischen und digitalen Agentur, mitten in der Integration zu Accenture Song. Das war herausfordernd, aber auch unglaublich prägend, gerade im Hinblick auf Transformationen.
Sehr wichtig war auch die alleinige CEO-Rolle bei der Strategieberatung Diffferent, wo wir die Organisation neu aufgestellt haben. Letztes Jahr habe ich mich dann entschieden, meine eigene Beratung zu gründen – aus dem Wunsch heraus, in noch größerer Unabhängigkeit gestalten zu können, und noch mehr Wert für meine Kunden zu schaffen. Mein Gestaltungsdrang war zwar schon immer da, aber in dieser Form kann ich ihn noch konsequenter leben.
Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren?
Tatsächlich habe ich anfangs eher Diskriminierung aufgrund meines Alters erlebt als wegen meines Geschlechts. Letzteres fiel mir erst später, dann aber deutlich auf. Bis zu meiner ersten CEO-Rolle hatte ich keine einzige weibliche Vorgesetzte, sondern ausschließlich männliche Chefs. Vorbilder haben mir völlig gefehlt, und mir war schnell klar: So will ich das nicht machen – ich muss meinen eigenen Führungsstil entwickeln.
Was hat Sie dabei angetrieben?
Ich erlebe unser System noch immer so, dass Frauen gern Verantwortung übernehmen dürfen, solange sie daraus keine Macht ableiten. Zwischenmenschliches, Mitdenken, Lücken füllen – alles gern gesehen. Aber den Raum, den man sich erarbeitet hat, auch als Machtposition zu nutzen, stößt oft auf Irritation.
Das führt zu weiteren Herausforderungen: wenige Frauen in Führungspositionen, schwierigeres Knüpfen von Allianzen, immer argumentieren aus der Minderheitsperspektive. Oft war ich die einzige Frau im Raum – das „Tokenmodell“. Das bringt eine zusätzliche Verantwortung mit sich: nicht nur für die eigenen Werte einzustehen, sondern auch für die Frauen, die nachkommen.
Wie definieren Sie weibliche Führung?
Ich halte wenig davon, Führung in „weiblich“ und „männlich“ zu unterteilen. Für mich geht es um authentische Führung. Jeder sollte aus den eigenen Stärken und Überzeugungen heraus führen. Konsequenz und Durchhaltevermögen sind zentral, und die gelingen nur, wenn man sich nicht ständig verstellt.
Bei Frauen zeigt sich dieses „sich nicht verstellen“ oft in anderen Facetten, aber entscheidend ist, den Mut und die Freiheit zu haben, im Einklang mit der eigenen Individualität zu führen. Das erlebe ich auch im Mentoring: Eine enorme Kraft entsteht, wenn man keine Maske tragen und sich nicht in fremde Systeme oder Schubladen quetschen muss. Von diesem Führungsverständnis würden übrigens auch Männer profitieren – auch die geraten in Rollenbilder, die ihnen nicht immer guttun.
Welche Rolle spielt Diversität – insbesondere Geschlechtervielfalt – in Ihrem Team?
Eine sehr große. In meiner gesamten Karriere im Innovationsbereich habe ich erlebt, dass diverse Teams kreativere, resilientere und schlicht bessere Ergebnisse liefern, selbst wenn es mehr Reibung gibt. Geschlechtervielfalt ist dabei nur ein Aspekt, auch andere Perspektiven sind wichtig.
Entscheidend ist jedoch, nicht nur verschiedene Stimmen an den Tisch einzuladen, sondern Strukturen und Räume zu schaffen, in denen sie bleiben, gehört werden und sich wohlfühlen. Das ist tägliche Kulturarbeit und hat viel mit Prozessen, Strukturen und Wertschätzung zu tun. Als Neugründerin habe ich es leichter als Großkonzerne, weil ich von Anfang an mit diesem Mindset bauen kann, ohne bestehende Machtverteilungen umkrempeln zu müssen.
Welche Rolle spielen Vorbilder für Ihren beruflichen Werdegang?
Da ich lange keine weiblichen Vorbilder im direkten Arbeitsumfeld hatte, habe ich viel aus sogenannten „Anti-Helden“ gelernt, also aus Beispielen, wie ich es nicht machen möchte. Inspiration habe ich bewusst auch außerhalb von Schubladen gesucht. Wichtig sind für mich zudem Coaches und die externe Reflexion, um blinde Flecken zu erkennen. Und nicht zuletzt habe ich durch „Reverse Mentoring“ viel von jüngeren Kolleginnen gelernt, denn Führung dreht sich nicht nur um die Perspektive der Führenden, sondern auch um die der Geführten.
Gab es Personen, die Sie dabei besonders geprägt oder inspiriert haben?
Ein großes Vorbild ist für mich Susanne Franz, ehemalige CMO von Volkswagen – eine Frau, die strategische Weitsicht, Klarheit und Integrität mit einer Leichtigkeit vereint, die mich tief beeindruckt und inspiriert. Auch der Austausch mit Branchenkolleginnen wie Kim Alexandra Notz inspiriert mich – gerade weil wir unterschiedliche Perspektiven haben.
Welche Ratschläge geben Sie jungen Frauen, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben?
Der wichtigste erste Schritt ist: Wissen, was man will und es klar formulieren. Das klingt banal, wird aber oft vernachlässigt. Implizite Wünsche werden nicht mitgedacht, deshalb muss man selbst deutlich machen, was man anstrebt.
Ich halte wenig von dem pauschalen Rat „mehr Raum einnehmen“. Besser ist es, eigenen Raum zu schaffen und diesen aktiv zu gestalten. So entsteht eine Position, die wirklich zu einem passt. Außerdem habe ich für mich entschieden, nicht ständig darüber zu klagen, dass Systeme unfair sind – auch wenn sie es oft sind. Stattdessen nutze ich meinen Einflussbereich, um Alternativen zu schaffen und neue Strukturen aufzubauen, die besser funktionieren. Funktionierende Lösungen sind überzeugender als theoretische Argumente, auch wenn das bedeutet, zusätzliche Arbeit, Zeit und Energie zu investieren.
Und schließlich: Allianzen schmieden. Netzwerke und gegenseitige Unterstützung sind entscheidend, um voranzukommen, besonders in einem Umfeld, in dem man immer noch oft in der Minderheit ist.
Wie gelingt es Ihnen, berufliche Ambitionen und private Bedürfnisse in Einklang zu bringen (Stichwort: „Work-Life-Balance“)?
Ehrlich gesagt habe ich keine Balance und habe auch aufgehört, danach zu streben. Stattdessen arbeite ich in Phasen: sehr intensive Arbeitsperioden, in denen das Privatleben zu kurz kommt, und umgekehrt. Der Balance-Gedanke hat mich eher unter Druck gesetzt, weil er ein unrealistisches Ziel ist.
In vielen Organisationen ist Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen aber nach wie vor nicht ausreichend berücksichtigt. In meinen Führungsrollen habe ich deshalb immer dafür gekämpft, die Bedingungen zu verbessern – auch wenn wir davon noch weit entfernt sind.
Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?
Wir brauchen eine echte Reorganisation von Machtstrukturen. Das klingt sehr groß, ist aber nötig. Unternehmen müssen Stellen anders ausschreiben, Frauen nicht nur am Rand, sondern im Kern des Geschäfts fördern. Leadership-Programme für Frauen sind gut, dürfen aber nicht an der Seitenlinie bleiben, sondern dort stattfinden, wo Entscheidungen und Umsätze entstehen. Diversity darf kein Feigenblatt sein und die Politik muss ihren Teil beitragen, etwa durch bessere Betreuungsangebote.
Und was kann jede Einzelne von uns beitragen?
Wir Frauen müssen uns stärker gegenseitig in Schlüsselrollen bringen, Dinge selbstverständlicher einfordern und uns gegenseitig unterstützen, statt in Konkurrenz zu gehen. Ich glaube, es braucht mehr Mut zur Rebellion. Systeme werden nie vollkommen fair sein, aber jedes lässt sich spielen. Statt sich in endlosen Grundsatzdiskussionen zu verlieren, sollten wir Umwälzungen anschieben – oft klüger unter dem Dach größerer Transformationen wie Digitalisierung oder Organisationswandel, wo es mehr Verbündete gibt. Das ist effektiver und weniger kräftezehrend als Einzelkämpferinnen-Mentalität.
