Frau Mütze, vor zehn Jahren haben Sie Civey gegründet. Was waren rückblickend betrachtet besondere Schlüsselmomente oder Wendepunkte, die in dieser Dekade passiert sind?
Gründen bedeutet: Jeder Tag bringt etwas Neues. Es gibt Phasen, in denen alles zu funktionieren scheint, und genauso immer wieder Herausforderungen. Von beidem waren die letzten zehn Jahre geprägt.
Ein Schlüsselmoment war sicher die Erkenntnis, dass wir das Erhebungsproblem der Branche lösen und die Meinungsforschung in Deutschland ein Stück weiter digitalisieren und automatisieren konnten – dahingehend waren wir Pioniere. Dazu kamen das erste Funding und die ersten Mitarbeitenden, die wir für unsere Idee gewinnen konnten. Das sind diese Momente, in denen man merkt: Es trägt.
Wenn ich heute zurückblicke, sind es aber vor allem die zwischenmenschlichen Erlebnisse, die bleiben. Das Vertrauen im Team, der Zusammenhalt im Management und die Menschen, die Civey mitgestaltet haben. Das sind die Dinge, an die ich mich auch in 50 Jahren noch erinnern werde.
Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren?
Wenn man ein eigenes Unternehmen gründet, sind die relevanten Themen immer Menschen und Geld. Ohne Mitarbeitende passiert nichts, ohne Finanzierung auch nicht. Gerade in den Anfangsjahren war es eine große Herausforderung, die richtigen Leute für die richtigen Aufgaben zu gewinnen und das gleichzeitig zu finanzieren.
Hinzu kam: Ich habe mit 24 gegründet – also als sehr junge Frau. Die Zahlen zeigen es auch heute noch: Es fließt deutlich weniger Funding an Gründerinnen. Und auch ich bekam Skepsis und Vorurteile zu spüren.
Wie sind Sie damit umgegangen?
Mit der Zeit wird man selbstbewusster, findet zu einer Selbstverständlichkeit und gewissen Härte. Man kann die anderen nicht ändern, nur den eigenen Umgang mit der Situation. Die Herausforderungen werden dadurch nicht unbedingt kleiner – aber man wird besser darin, sie zu meistern.

Unternehmerin Janina Mütze hat Civey, ein Berliner Tech-Unternehmen für digitale Markt- und Meinungsforschung, 2015 zusammen mit Gerrit Richter gegründet und ist bis heute dessen Co-Geschäftsführerin. Sie ist außerdem Mitglied des Beirats der Berliner Sparkasse und sitzt im Beirat für Gründungen an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin.
Expertin Neben ihrer Rolle als Unternehmerin ordnet Mütze als Expertin regelmäßig gesellschaftspolitische Themen für Wahlanalysen und Umfragen des Fernsehsenders „Welt“ ein. Zudem schreibt sie Kolumnen für Tageszeitungen und Fachmedien, darunter das „Handelsblatt“ und die „Zeitung für kommunale Wirtschaft“.
Wie definieren Sie weibliche Führung?
Kategorisierungen stoßen immer auch an Grenzen, aber ich erlebe in der Tat Unterschiede. Weibliche Führung ist im Schnitt stärker von Empathie geprägt – nicht im Sinne von „weicher“, sondern im Sinne von Nachvollziehen und Verstehen. Hinzu kommt: Viele Situationen, die Mitarbeiterinnen erleben, kennt man selbst aus eigener Erfahrung. Dadurch kann man feinfühliger reagieren, andere Perspektiven einbringen oder nachvollziehen. Diese persönliche Betroffenheit kann helfen, mit schwierigen Situationen sensibler umzugehen.
Welche Rolle spielen weibliche Vorbilder für den eigenen Werdegang?
Jede erfolgreiche Frau ist für mich ein Vorbild. Gerade in persönlichen Gesprächen erlebe ich bei Frauen oft eine andere Ehrlichkeit und Offenheit. Frau hält sich nicht lang mit Smalltalk auf, Frau spricht über echte Probleme.
Für mich als Mutter war der Austausch mit anderen Unternehmerinnen besonders wertvoll: Wie organisiert ihr euch? Was funktioniert, was nicht? Manchmal reicht da schon ein Halbsatz, um sich verstanden zu fühlen und etwas für sich zu übernehmen. Sichtbare Frauen sind deshalb eine große Bereicherung – ohne gleichzeitig auszuschließen, dass auch Männer wichtige Impulse geben können. Entscheidend ist für mich ein gutes, breit gefächertes Netzwerk und persönlicher Austausch auf vielen Ebenen.
Wie gelingt es Ihnen, berufliche Ambitionen, die Bedürfnisse Ihrer Familie und auch eigene Bedürfnisse in Einklang zu bringen?
Mal besser, mal schlechter – alles hat seine Zeit. Die ersten Jahre Patchwork mit kleinem Baby waren sicher nicht die Phase, in der ich am meisten Raum für Yoga und Selbstfindung hatte. Auch meine Zwanziger habe ich anders verbracht als viele Freunde, weil ich in dieser Zeit ein Unternehmen aufgebaut habe. Das war aber immer meine Wahl, frei und selbstbestimmt. Die Freiheit und Selbstwirksamkeit, die ich durch Civey erlangt habe, ist die größte Belohnung für viele harte Jahre.
Was hat Ihnen in dieser Zeit besonders geholfen?
Mein wichtigstes Learning: Unterstützung ist ein Investment. Wir haben viel Geld in Kinderbetreuung und familiären Support gesteckt. Das hat mir ermöglicht, das Unternehmen aufzubauen und meinem Mann, seine Karriere fortzuführen. Gleichzeitig habe ich über die Jahre gelernt, Betreuung nicht nur fürs letzte Meeting zu buchen, sondern auch mal für eine Stunde Sport oder Zeit für mich. Das schadet niemandem. Im Gegenteil, es bewahrt davor, auszubrennen.
Ich weiß, dass die Frage der Unterstützung eine finanzielle ist. Nicht alle können sich das Gleiche leisten. Ich würde immer empfehlen, im Rahmen des Möglichen Unterstützung reinzuholen und beim finanziellen Gegenrechnen immer überlegen, was es langfristig kosten kann, wenn man seinen Job stärker aufgibt. Es ist nicht nur das Geld im laufenden Monat, es sind auch Karrierechancen in der Zukunft oder Rentenpunkte.
Die Erwartungen und Anforderungen an Frauen sind heute oft überdimensioniert. Keine Frau muss alles allein schaffen. Auch Vätern ist der „Mental Load“ zumutbar. Das sollten wir nicht vergessen.
Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben?
Sich etwas zutrauen, Chancen ergreifen und keine Angst vor unangenehmen Situationen haben – ein Stück weit gehört auch Aus- und Durchhalten dazu. Niemand bekommt eine Führungsrolle geschenkt, und Fehler sind eher Chancen als Gefahren. Also lieber springen und auf der Strecke prüfen, ob es passt, statt schon an der Startlinie zu sagen: „Das wird zu viel, das schaffe ich nicht.“
Es wird Phasen geben, die sehr anstrengend sind – das gehört dazu. Wichtig ist außerdem, die private Basis zu reflektieren. Eine Mentorin hat mir einmal gesagt: Karriere beginnt bei der Partnerwahl. Wenn es zu Hause an Unterstützung mangelt, wird es extrem schwer, beruflich erfolgreich zu sein. Das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für andere Care-Aufgaben. Die Rahmenbedingungen in der Partnerschaft verändern sich fortlaufend. Sie müssen aber in die jeweilige Situation passen – das ist die wichtigste Grundlage für jede Karriere.
Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?
Das Schlimmste ist, wenn man hört: „Wir hätten ja gerne mehr Frauen in Führung. Aber die Frauen bei uns wollen nicht.“ Denn das hat immer mit dem System zu tun, in dem die Frauen „nicht wollen“. Die erste und einzige Frau im Vorstand, Aufsichtsrat oder Beirat zu sein, macht wenig Spaß und der Weg dahin ist sehr hart.
Wichtig ist, dass Unternehmen messbar machen, wo sie Frauen verlieren – sei es in bestimmten Alterskohorten oder ab einem gewissen Führungslevel. Dann muss man sich fragen: Kann man Jobs flexibler gestalten, sind die Arbeitsbedingungen zeitgemäß? Wenn nicht, wird man künftig mit weniger Frauen arbeiten – und das ist angesichts des Fachkräftemangels ein klarer Wettbewerbsnachteil.
