Mitte der 90er Jahre hatte Patrick Benner noch keine Agentur im Kopf, sondern vor allem seine Leidenschaft für Design und digitale Medien. 1996 gründete er Artus Interactive – zuerst als Werkstatt für Gestaltung. Wie er als Autodidakt in einer Zeit ohne digitale Agenturen Erfolg hatte und was ihn bis heute antreibt, verrät er im Interview.

Herr Benner, Sie sind Gründer, Geschäftsführer und Eigentümer von Artus Interactive. Die Agentur gibt es seit fast 30 Jahren. Erinnern Sie sich noch an den initialen Moment, in dem Sie gedacht haben: Jetzt möchte ich eine Agentur gründen?
Patrick Benner: Diesen Punkt – dieses spezifische Gründen-Wollen – gab es bei mir eigentlich nicht. Mitte der 90er kam ich gerade vom Zivildienst. Ich fand Design sehr spannend und hätte es auch ganz gern studiert. Allerdings kann ich überhaupt nicht zeichnen und damals war die Zeit noch nicht gekommen, in der man auch Filme oder etwas von Computern Gemachtes in seiner Bewerbungsmappe abgeben konnte.
Trotzdem haben Sie Artus gegründet – zuerst als Werkstatt für Gestaltung. Wie kam es dazu?
Wofür ich mich auch interessiert habe, waren Computer. Ich war sehr früh fasziniert vom C64 und auf meiner Zivildienststelle in einem Jugendcafé stand ein Atari. Zu meinen Aufgaben dort hat es gehört, damit das Programmheft und Plakate zu gestalten – das hat mir Spaß gemacht. Danach habe ich in einer Unternehmensberatung gearbeitet und die von Consultants per Hand gemalten DIN-A4-Papiere in Präsentationen umgearbeitet. Ich habe dabei gemerkt, das ist wirklich etwas, was mich interessiert. Als dann das Internet aufkam, habe ich für die Unternehmensberatung das Intranet gestaltet und programmiert. Es gab aber keine Agentur, in der ich hätte arbeiten können.
Inwiefern?
Damals gab es erst sehr wenige Agenturen in Deutschland und ich kenne keine, die damals wie ich in Frankfurt aktiv war. Außerdem hatte ich weder Design studiert noch eine Ausbildung am Computer gemacht, sondern mir alles selbst beigebracht. Was ich hatte, waren zwei Freunde, die auch Lust verspürten, so etwas auszuprobieren. Also haben wir die Artus Werkstatt für Gestaltung gegründet. Ich hätte aber auch in einer Agentur gearbeitet, wenn es die Möglichkeit gegeben hätte. Ein Unternehmen oder eine eigene Agentur zu gründen, stand nie im Vordergrund – es war nur die einzige Möglichkeit, damals zu machen, was mir Freude bereitete.
Haben Sie dafür ein Büro gemietet oder am Heimcomputer gearbeitet?
Wir hatten Glück. Ein Schulfreund von mir hatte in Frankfurt schon ein Büro, dort durften wir zwei Schreibtische dazustellen und wurden seine Untermieter.
Wer waren Ihre ersten Kunden?
Die ersten Webseiten, die wir erstellt haben, waren für Fotografen, denn im selben Haus gab es mehrere Fotostudios. So sind wir an Kontakte gekommen. Der Sprung zu größeren Kunden erfolgte tatsächlich eher zufällig. Mein Bekannter Tom Fischer hatte eine kleine Agentur für Diaschau und Videos. Er kam irgendwann Anfang der 2000er Jahre auf uns zu. Seine Kunden wollten jetzt auch digitale Inhalte: CD-ROMs, Präsentationen und sowas. Er wusste, dass wir in dem Bereich unterwegs waren.
Welche Kunden waren das, die so dazugekommen sind?
Vor allem die Gillette-Gruppe, also Gillette, Oral-B und Braun. Wir haben für deren Produktneuheiten die ganzen Informationen, die sonst in fünf dicken Ordnern verteilt waren, digital auf CD-ROMs aufbereitet. Das war damals ziemlich modern.
Webseiten haben Sie für diese Kunden nicht erstellt?
Später. Die Datenmengen waren in der Form noch zu groß fürs Internet, das war technisch einfach noch nicht drin. Aber es war digital – und es waren unsere ersten größeren Aufträge, mit denen wir Geld verdient haben. Später wurde Gillette von Procter & Gamble übernommen – und durch diesen Schritt kamen wir an weitere große Marken. Ich sage immer: Dass wir da hereingerutscht sind, war viel Glück, aber dass wir heute noch für viele davon arbeiten, liegt vermutlich auch an unserer Leistung.
Heute arbeiten Sie kaum noch für Mittelständler.
Richtig. Wir arbeiten hauptsächlich mit diesen großen Marken und manchmal für ganz kleine. Mittlerweile machen wir über 80 Prozent unseres Umsatzes im Ausland. Aber hin und wieder kommen mal kleine regionale Projekte und da bin ich auch sehr offen und froh drüber. Ich komme ja von hier und mache gern Sachen, die mich interessieren und einen lokalen Bezug haben. So haben wir zum Beispiel mal die Website für die Schirn Kunsthalle in Frankfurt gerelauncht. Für die Jazz-Initiative Jazz Montez haben wir ebenfalls die Website erstellt. Das sind kleinere Projekte, die wir einfach gern annehmen – manchmal auch ein bisschen pro bono, je nach Situation. Aber tatsächlich: Die meisten Marken, für die wir arbeiten, sind in irgendeiner Form Marktführer oder nah dran.

Artus Interactive wurde 1996 in Frankfurt am Main gegründet und zählte damit zu den frühen Digitalagenturen in Deutschland. Von Markenentwicklung, UX und Design über Web- und App-Entwicklung bis hin zu Data Strategy, Programmatic Advertising und Nachhaltigkeitskommunikation deckt die Agentur ein breites Spektrum ab. Zu ihren Kunden zählen Marken wie Pampers, Oral-B, Gillette, Wick, Old Spice, Red Bull und Fairy. Ursprünglich als „Werkstatt für Gestaltung“ gegründet, firmierte das Unternehmen später als „Artus – Digitale Kommunikation GmbH“ und trägt seit 2013 den Namen „Artus Interactive GmbH“. Seit vergangenem Jahr ist die Agentur Mitglied im Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA.
Sie sind heute nicht mehr zu dritt – wie viele Menschen gehören zur Agentur?
Hier in Frankfurt ungefähr 60. Und wir haben vor einigen Jahren in Rumänien eine Tochterfirma gegründet, die Development für uns macht – da sind wir nochmal etwa 15 Leute.
Vorhin sagten Sie, es habe für Sie nie im Mittelpunkt gestanden, zu gründen. Wirkt sich dieser Anfang heute noch auf die Agentur aus?
Das klingt ein bisschen so, als würde ich meinen Job nicht mögen. Das ist ganz klar nicht der Fall. Ich bin nicht Unternehmer geworden, weil ich das unbedingt sein wollte, sondern weil mir die Arbeit in dem Rahmen Spaß gemacht hat. Und das tut sie bis heute. Meine Vision war nie, ein bestimmtes Umsatz- oder Mitarbeiterziel zu erreichen. Ich will morgens gern ins Büro kommen, mit Leuten arbeiten, die ich mag, und an Projekten, die uns interessieren. Das ist mein Antrieb. Zum Glück gibt es bei uns inzwischen Menschen, die mir bei den administrativen Themen helfen – das macht vieles leichter. Ich leite das Unternehmen natürlich, aber auf meine Art. BWL-Slogans wird man von mir eher nicht hören.
Was bedeutet es für Sie, ein Unternehmen zu führen?
Für mich bedeutet Führung nicht, alles vorzugeben – sondern Rahmen zu schaffen, in denen wir gemeinsam entscheiden und vorankommen können. Viele Dinge hier, ob Homeoffice- oder Überstunden-Regelungen, sind aus dem Team heraus entstanden. Entscheidungen treffen wir möglichst einstimmig, nicht per Mehrheitsvotum, weil ich finde, dass echte Beteiligung nur funktioniert, wenn sich niemand übergangen fühlt. Transparenz ist dabei wichtig: Jeder kennt die Zahlen, alle haben Einblick. Und weil das so ist, beteiligen wir auch alle am Erfolg – 25 Prozent des jährlichen Überschusses gehen direkt ans Team zurück. Das ist kein Unternehmerplan im klassischen Sinn, sondern eher mein Wunsch: dass wir das hier gemeinsam gestalten.
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Das Interview ist Teil einer Serie zu Agenturserien in verschiedenen Jahrzehnten. Diese Folgen sind bereits erschienen:
Kochstrasse: So waren die Anfänge auf dem Dachboden
Pio: Gründung ohne Schnee, aber mit Plan
Pulse Advertising: Mit einer Domain für 7,99 Euro fing alles an
Zeam: Gründung komplett remote
