Sex sells, heißt es. Und wenn eine Technologie von der Pornoindustrie genutzt wird, dann wird sie meistens zum Erfolg. So lautet zumindest die Erzählung. Wenn OpenAI demnächst erwachsenen Menschen Zugriff auf ein erotisches Feature seines KI-Chatbots ChatGPT gewähren will, was bedeutet das dann? Im Angesicht der neuesten Zahlen wirkt das schon wie eine Verzweiflungstat: Laut aktueller Apptopia-Daten ist das Wachstum der ChatGPT-App schon im April dieses Jahres auf einem Plateau angekommen. Steht der KI-Hype nun doch vor dem Aus?
Wer an dieser Stelle schon einmal über das drohende Ende des KI-Hypes gelesen hat, erinnert sich richtig: Im August 2024 zitierten wir hier Titel des „Wall Street Journal“ und des „Guardian“, die deutliche Hinweise auf das Ende des Booms gegeben sahen. Wir berichteten über die technischen Schulden bei der IT und über eine HR-Expertin, die trotz ernüchternder Ergebnisse beim Einsatz von KI optimistisch geblieben war. Die dramatischen Auswirkungen auf die Umwelt durch den immensen Einsatz von Ressourcen sparten wir nicht aus.
Selbst Mark Zuckerberg hält das Platzen der KI-Blase für möglich
Was ist in der Zwischenzeit passiert, dass wir uns veranlasst fühlen, erneut einen Artikel über den noch immer anhaltenden Hype zu veröffentlichen? Auch diesmal ist dieser Artikel nicht alleine: Viele Medien schreiben über das Ende des Hypes. Es scheint, als gäbe es nie zuvor mehr Hinweise und mehr Expertinnen und Experten, die das Ende kommen sehen wollen.
So sehr, dass sogar Mark Zuckerberg das Platzen der Blase für möglich hält, wie er kürzlich in der ersten Folge eines Vox-Media-Podcasts sagte. Warum Zuckerberg das relativ entspannt erzählen kann, erklärt er mit diesem Satz: „Lieber ein paar hundert Milliarden Dollar falsch investieren, als die Superintelligenz verpassen.“ Was auch immer diese Superintelligenz sein soll: Um sein Geld geht es ja nicht.
Weniger entspannt dürften das die Verantwortlichen bei der Deutschen Bank und der Bank of England sehen. Unabhängig voneinander warnten beide Geldhäuser kürzlich vor einer bedeutenden Korrektur, die bald einsetzen könnte. Der Harvard-Ökonom Jason Furman rechnet zudem vor, dass 92 Prozent des Wachstums des US-amerikanischen Bruttoinlandsproduktes auf dem KI-Hype basieren.
Nvidia investiert in OpenAI, damit OpenAI Nvidia-Chips kauft
Wie wacklig die wirtschaftliche Situation der USA, die sich aktuell im Government-Shutdown befindet, zudem sein könnte, zeigte sich bereits Anfang dieses Jahres. Damals kam ein neues KI-Modell auf den Markt, und zwar ausgerechnet aus China: DeepSeek stürmte quasi aus dem Stand für kurze Zeit an die Spitze der Modell-Charts und das mit nach eigenen Angaben bedeutend weniger Energiekosten. Auch wenn das später relativiert werden konnte, genügte es, den Wert der Nvidia-Aktie um 17 Prozent zu verringern. Das sorgte zwar für eine Korrektur und Gewinnmitnahmeeffekte. Die Nvidia-Aktie steht heute dennoch um rund 50 Prozent besser da als im Vorjahr. Nvidia überholte sogar Apple als wertvollstes Unternehmen der Welt und war das erste Unternehmen mit einer Bewertung von über 4 Billionen US-Dollar.
Ganz ohne Tricks scheint Nvidia dieses Ziel jedoch nicht erreicht zu haben, wie kürzlich bekannt wurde. Das Unternehmen praktiziert seine ganz eigene Form der Kreislaufwirtschaft: Die 100 Milliarden Dollar, die Nvidia in OpenAI investiert hat, sollen vor allem dafür genutzt werden, KI-Chips von Nvidia zu kaufen.
Googles KI-Modus lässt die Klickzahlen schwinden
Der Blick auf die wirtschaftliche Ebene ist wichtig. Doch wie haben sich in der Zwischenzeit die Produkte entwickelt? Der Trend weg von der Google-Suche und hin zum KI-Chatbot setzt sich fort. Doch trotz etwaiger Unkenrufe, die Google schon abgeschrieben hatten, holt der Suchmaschinen-Platzhirsch seinen anfänglichen KI-Rückstand weiter auf. So sehr, dass Googles eigene KI-App Gemini gleichauf mit dem Dauerbrenner ChatGPT in den App-Stores rangiert. Der KI-Modus der Google-Suche ist mittlerweile auch in Europa angekommen und sorgt mehr und mehr für schwindende Klickzahlen.
Googles KI-Bildgenerierungsmodell Nano-Banana und das Videogenerierungsmodell Veo 3 überzeugten viele Nutzende und verursachen eine Flut an Inhalten in Social Media. Mittlerweile lassen sich sogar in YouTube per Mausklick Videos künstlich generieren. KI-Tools haben sich auch im Google Workspace etabliert. Mit dem Pixel 10 und den nativ eingebauten KI-Tools brachte Google ein Smartphone auf den Markt, das man so eher von Apple erwartet hätte. Der Tech-Riese aus Cupertino erwägt mittlerweile, Googles Gemini zu nutzen, um seinen erheblichen Rückstand mit dem eigenen Bot auszugleichen.
Google ist also mittlerweile vorne dabei, auch wenn es noch kein richtiges Geschäft mit generativer KI macht, sondern die Technologie vor allem dazu einsetzt, Nutzerinnen und Nutzer zu binden.
Junior Softwareentwickler nicht mehr gefragt?
Ein Feld, bei dem die Auswirkungen von generativer KI anders sind, als wir es erwartet hätten, ist die Softwareentwicklung. Schon vor einem Jahr zeichnete sich ab: Besonders erfahrene Entwickler, sogenannte Senior Developer, profitieren von ChatGPT und Co. Das gilt allerdings nicht für ihre weniger erfahrenen Kolleginnen und Kollegen: Hätte man vor einigen Jahren noch die Vorhersage gemacht, dass der Beruf des Softwareentwicklers eine sichere Nummer ist, haben es aktuell besonders Neueinsteiger schwer, einen Job zu finden. Der Grund: Erfahrene Softwareentwickler sind mithilfe von generativer KI um ein Vielfaches effizienter als es jeder Junior Developer sein könnte.
Das könnte in Zukunft zu einem Problem werden, wie Gero Duppel, Director Technology der Open-Digitalgruppe eindrucksvoll auf LinkedIn erklärt: Wie sollen aus Junior-Entwicklern noch Senior-Entwickler werden, wenn sie sich in Unternehmen nicht mehr ausprobieren und Fehler machen dürfen? Das könnte zu einem Engpass führen, wenn Unternehmen nicht rechtzeitig gegensteuern.
KI generiert Content-Flut und viel „Schrott“
Das vergangene Jahr hat auch dafür gesorgt, dass AI Slop als feststehender Begriff Einzug gehalten hat. Und der Grund dafür ist die schiere Menge an Material, das inzwischen auf Social Media geteilt wird. Wie viele Inhalte mittlerweile KI-generiert sind und wie viele der Interaktionen, also Likes und Kommentare, eigentlich von Bots stammen, lässt sich nicht überblicken. Während es auf Plattformen wie Mastodon noch eher weniger sein dürften, besteht die Kommentarspalte unter einem X-Post von Elon Musk fast ausschließlich aus Bots.
OpenAI und Meta bauen bereits an Netzwerken, die quasi ausschließlich aus KI bestehen sollen. Die „Dead-Internet-Theorie“ ist aktueller denn je. Sie besagt, dass ein Großteil des Internets inklusive Social Media bald nur noch aus der Kommunikation zwischen Bots, Brain Rot (deutsch: Hirnfäule) und TV-ähnlicher Berieselung bestehen könnte.
Nützliche Tools für den Alltag der Menschen
Die Jagd nach der Artificial General Intelligence (AGI) oder Superintelligenz, wie sie vor einem Jahr noch aktuell war, kann getrost als gescheitert angesehen werden. Zwar ist Mark Zuckerberg immer noch davon überzeugt, mit einem Servercluster in der Größe von Manhattan diese Superintelligenz erzeugen zu können.
Derweil zeigt Google, wie es stattdessen wirklich weitergehen könnte: Die Plattform will durch tatsächlich nützliche Tools in den Alltag der Menschen treten. Der KI-Modus ist für immer mehr Nutzerinnen und Nutzer eine Alternative zum klassischen Googeln. Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Daran ändern auch alternative Anbieter wie die nachhaltige Suchmaschine Ecosia nichts. Das Berliner Start-up stellt dem KI-Trend einen klassischen Suchindex entgegen. Das sieht Kenneth Wolters ganz ähnlich, der in seinem Blog schreibt: Die wahre Zukunft der KI liegt nicht in der Transzendenz, sondern in der chaotischen, aber notwendigen Arbeit, diese Systeme tatsächlich nutzbar zu machen.
Trump II verändert die Techwelt
Wie nah ist nun also das Ende des KI-Hypes? Vielleicht hilft bei der Beantwortung dieser Frage ein Blick auf die bedeutendste Veränderung des letzten Jahres in Sachen KI: Donald Trump wurde erneut zum US-Präsidenten gewählt. Was das mit KI zu tun hat? Die gesamte Tech-Elite versammelt sich als Broligarchie hinter dem mächtigsten Mann der Welt. Im Hinblick auf den Einfluss des KI-Hypes auf die US-Wirtschaft, der ja zu 92 Prozent für deren Wachstum verantwortlich sein soll, ist das kein unbedeutender Faktor. Das wissen die Techbros auch für sich zu nutzen, überhäufen Amerikas neuen König mit Lob und Gold, damit dieser gegen die Regulierung der EU Stimmung macht.
Doch auch Trumps vergoldeter Thron wackelt schon: Mitte Oktober fanden in den USA die zweiten „No-King“-Demonstrationen statt. Es waren die größten Demonstrationen seit der Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika. Ob am Ende das amerikanische Volk durch einen Umbruch auch für das Ende des KI-Hypes sorgen könnte?
Wir sprechen uns in einem Jahr wieder.


