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Germanwings-Absturz: Medien und Publikum in der Beziehungskrise

Als die Medien über den Absturz der Germanwings-Maschine berichteten, gab es aus den Publikums-Reihen viel Kritik © Fotolia 2015

Nicht erst durch die Berichterstattung über den Flugzeugabsturz in den französischen Alpen sind Medien und Journalisten unter Publikumsbeschuss geraten. Was steckt hinter dieser Beziehungskrise?

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Diese Spezies der Smartphone nutzenden Menschen breitet sich in Hochgeschwindigkeit aus. Immer mehr davon beschäftigen sich immer öfter und immer länger mit den weltverbindenden, dauerkommunikationsbereiten Geräten. Der Konsum des mobilen Internets weist inzwischen suchtähnliche Züge auf, wie Wissenschaftler mahnen. „Der Spiegel“ schreibt von einem grassierenden „Volkslaster“. Das permanente Tippen, Klicken und Piepsen verändert, wie Menschen ihre Freizeit gestalten, mit anderen kommunizieren, ihre Umwelt wahrnehmen. Und die Menschen selbst verändern den Blick auf traditionelle Medien und den Journalismus. Eine aktuelle „Reader’s Digest“-Umfrage (siehe Tabelle) belegt den erheblichen Ansehensverlust im Laufe der vergangenen zehn Jahre. Es ist für Journalisten nur ein schwacher Trost, dass sie mehr Vertrauen genießen als Autoverkäufer und Politiker – bei Letztgenannten zeigt wenigstens der Trend nach oben.

Wann der Copilot zum Täter wurde

Die Wertschätzung fiele vermutlich noch geringer aus, würde die Befragung jetzt durchgeführt, nach dem schrecklichen, verstörenden Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine 4U9525 über den französischen Alpen. Zur Fassungslosigkeit gesellte sich rasch Wut auf jene, die über das Unglück berichteten. Die Vorwürfe lassen sich kurz so zusammenfassen: Die Medien waren zu laut, unsensibel, frech, pietätlos, unanständig. Es entstanden Debatten darüber, ob und wann Menschen mit vollem Namen und im Bild gezeigt werden dürfen. Wann nicht mehr vom Copiloten, sondern vom Täter gesprochen werden darf. Was absurde Spekulation ist und was lauteres Bemühen, Antworten zu finden.

Öffentlicher Drang nach Informationen

Die Medien sind zu einem großen Teil schuld daran, dass die Katastrophe überhaupt passiert ist, heißt es in einem „Spiegel“-Leserbrief. Begründung: Der Copilot habe im Vorfeld von Geltungssucht gesprochen, was typisch für Amoktäter sei. Dank der Medien sei der Plan aufgegangen, denn die haben ihm „ein gigantisches posthumes Gruseldenkmal errichtet“. Die Forderung des Lesers: Künftig müssten Amoktäter anonymisiert und verpixelt werden.

Zugleich ist der öffentliche Drang nach Information – in Wort und Bild – gewaltig. Im Fall von 4U9525 war es dem so unfassbaren Ereignis geschuldet, aber auch dem antrainierten Reflex, immer, überall und jederzeit Nachrichten empfangen und gerne auch Kommentare senden zu wollen. Acht der zehn größten Nachrichtenwebsites verbuchten im Unglücksmonat März so hohe Reichweiten wie noch nie. Das spricht für sich.

Das Munich Digital Institute hat in einer Medienanalyse zum Germanwings-Absturz Bemerkenswertes festgestellt: Die Zahl der individuellen Recherchen in Suchmaschinen bei großen Unglücken ist in den vergangenen fünf Jahren drastisch gestiegen. Während beim Amoklauf in Winnenden 2009 der Tätername kaum eine Rolle spielte, rückte er bei der Flugzeugkatastrophe in den Vordergrund – der bekannt gewordene Name des Copiloten wurde rund 2,5-mal öfter gegoogelt als das Ereignis selbst.

Klassische Medien und ihr Kulturkampf

Zugleich wurde die Berichterstattung der untersuchten Medien – „Süddeutsche Zeitung“, „FAZ“, „Bild“, „Spiegel Online“, „Zeit Online“ und „Die Welt“ – im Social Web überwiegend negativ kommentiert. Die Analyse deckt einen Widerspruch auf: Einerseits geraten die Medien unter Publikumsbeschuss, weil sie detailliert über die Person des Täters berichten, andererseits forscht ein Großteil der Internet-User selbst danach.

Ein Indiz dafür, dass „die klassischen Medien in einen Kulturkampf geraten, in dem ihre Rolle ganz grundsätzlich hinterfragt wird“, sagt Christian Henne. Der Geschäftsführer des Munich Digital Institute sieht eine bislang nicht gekannte Macht der Webnutzer entstehen, „sowohl in ihrem Informationsbedürfnis als auch in ihren direkten Reaktionen. Öffentliche und massenhafte Empörung ist dabei ein Phänomen der neuen digitalen Zeit“.

Zeitungen, Magazine und Sender dürfen sich einerseits nicht beklagen: Sie haben sich sehenden Auges in den Wahnsinn ungebremster Klickmaximierung gestürzt und sich bereitwillig der Livetickerisierung hingegeben. Und sie tun das zu einem Großteil heute noch. Andererseits haben Journalisten ihr Handwerk nicht verlernt, und was ihre Profession wert ist, wird spätestens dann deutlich, wenn die sogenannten Bürgerreporter in die erste Reihe drängen. Die offenkundige Beziehungskrise zwischen Medien und Publikum hat sich den schlechtmöglichsten Zeitpunkt ausgesucht. Auflagen sinken und Anzeigen schwinden, für etliche Verlage geht es allmählich ums Überleben. Da kommt Medienverdrossenheit so gelegen wie ein Magengeschwür.

Wenn der Leserbriefschreiber ausstirbt

Doch von allein wird es sich nicht auflösen. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht in der aktuellen Medienverdrossenheit mehr: das Symptom einer Zeitenwende. Das Verhältnis zwischen den Medien und ihrem Publikum, das sich „in einer bis dato unvorstellbaren Direktheit und Geschwindigkeit in den Kommunikationsprozess einschalten kann“, bedarf einer neuen Ordnung.

Der geduldige, sich dem Redakteur unterwerfende Leserbriefschreiber stirbt aus – und der Homo digitales lernt den aufrechten Gang.

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