„Teams tun immer gut daran, über Barrierefreiheit zu sprechen“

Barrierefreiheit im Netz ist in vielerlei Hinsicht noch Neuland. Julia Hoffmann möchte als Executive Creative Director im Google Creative Lab mit Design für mehr Inklusion sorgen. Wie barrierefrei ist das Netz wirklich?
Julia Hoffmann auf der diesjährigen Paradigms-Konferenz in Barcelona ©Frontify

Das Netz bietet Menschen fast grenzenlose Möglichkeiten zum Kommunizieren und Informieren. Doch Barrierefreiheit geht mit dem weltweiten Netz nicht einher: Viele behinderte Menschen sind von jenen Möglichkeiten ausgeschlossen, weil beispielsweise Websites oder Apps nicht barrierefrei gestaltet sind.

Julia Hoffmann von Google möchte das ändern. Sie ist Executive Creative Director im Google Creative Lab EMEA in London und kann auf eine bemerkenswerte Karriere im Bereich Design und Technik zurückblicken. Sie studierte Grafikdesign an der School of Visual Arts in New York, sammelte Erfahrungen bei Pentagram in New York, Crispin Porter + Bogusky, dem Museum of Modern Art, Etsy in Berlin und EF in der Schweiz.

Wir haben mit ihr auf der Paradigms-Konferenz in Barcelona darüber gesprochen, wie Google Barrierefreiheit im Netz fördern will, wie Marken für mehr Barrierefreiheit sorgen können und ob Kreativität durch künstliche Intelligenz ersetzt werden könnte.

Frau Hoffmann, kann Design Gutes tun?

Ich würde mit der Frage anfangen, ob Design schaden kann. Ein gutes Beispiel dafür ist die “Butterfly Ballot” in Florida während der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000. Damals waren manche Stimmzettel so fehlerhaft designt, dass manche ihr Kreuz nicht beim favorisierten Kandidaten gesetzt haben. Ein anderes Negativbeispiel ist die Swastika (ein religiöses Glückssymbol, das von den Nationalsozialisten als Hakenkreuz übernommen und entfremdet wurde, Anmk. d. Red.), ein in der Tat sehr mächtiges Symbol, das auch den Aufstieg der Nationalsozialisten begünstigt hat. 

Das Internet bietet Zugang zu Wissen, doch vielen Menschen mit Behinderung bleibt jenes versperrt. Wie barrierefrei ist das Netz?

Ich glaube, die Frage geht noch etwas weiter: Hat überhaupt jeder Mensch die Möglichkeit, das Netz zu nutzen. Die Pandemie hat gezeigt, dass das eher nicht der Fall ist. In Bezug auf Barrierefreiheit: Wenn du als UX-Designer nicht darüber nachdenkst, eine Website für Blinde zugänglich zu machen, dann kann sie natürlich auch nicht barrierefrei sein. Gerade werden viele Unternehmen in den USA wegen fehlender Barrierefreiheit verklagt. Daher sollte dieses Thema alle Unternehmen tangieren. Nicht nur um Klagen abzuwenden, sondern auch um potenzielle Kunden zu gewinnen. 

Wie können Marken für mehr Barrierefreiheit auf ihren Kanälen und Websites sorgen?

Ich finde, diese Frage sollte Teil des Prozesses sein. Als ich bei Etsy gearbeitet habe, wurde mit diesem Thema sehr progressiv umgegangen. Ich kann mich daran erinnern, dass die UX-Designer uns Visual Designer stets daran erinnert haben, darauf zu achten, die Vorgaben des ADA zu berücksichtigen.

Sie sprechen vom Americans with Dissabilites Act, ein Beschluss von 1990, der auch die Anforderungen von Websites bezüglich Barrierefreiheit bestimmt…

Genau. Wir Branddesigner mussten uns immer wieder die Frage stellen, ob wir Ästhetik opfern, um Barrierefreiheit zu gewährleisten. Teams tun immer gut daran, über Barrierefreiheit zu sprechen, auch wenn sie aus einer anderen Richtung kommen. 

„Künstliche Intelligenz ist nur ein Tool“

Viele Unternehmen werben mit sozialer Verantwortung, aber bieten nicht einmal eine barrierefreie Homepage. Kann Google sie dabei unterstützen?

Du musst deinen Worten Taten folgen lassen. Ob Google Unternehmen bereits tut? Das kann gut sein. Unsere Barrierefreiheits-, Diversitäts- und Nachhaltigkeits-Guidelines sind erstklassig und für jeden zugänglich. Ob Google Unternehmen mit technologischen Lösungen unterstützt, kann ich allerdings nicht sagen. 

Die Technik des Eye Gaze Trackings hat Google 2012 patentieren lassen, damals wollte man die Entwicklung der Google Glasses vorantreiben. Damit wäre es Vermarktern möglich, Websites an die Augenbewegungen der Nutzer*innen anzupassen. Wie real sind diese Tracking-Maßnahmen bisher?

Im Google Creative Lab arbeiten wir mit der Technik derzeit nur in Hinblick auf die Ermöglichung von Barrierefreiheit.

Sie kommen ursprünglich aus dem Grafikdesign, wirkten unter anderem als Creative Director des Museum of Modern Arts in New York, auch bei Etsy in Berlin. Was waren Ihre Beweggründe zu einem der größten Tech-Konzerne zu gehen?

Der Creative Lab von Google, wo ich arbeite, ist in der Kreativindustrie sehr bekannt dafür, nicht allzu ‚Google zu sein‘ und dass man sehr kreativ arbeiten kann. Diese Erfahrung wollte ich unbedingt machen. Außerdem wollte ich lernen, wie Google so groß sein und gleichzeitig so viele kreative und erstaunliche Projekte entwickeln kann. Jeder Kreative möchte Teil eines solchen Unternehmens sein.  

Mensch oder Maschine: Wie viel Kreativität wird den Menschen in der Kreativitätsbranche zukünftig bleiben?

Künstliche Intelligenz ist nur ein Tool, auch wenn es ein sehr anspruchsvolles ist. Als Photoshop damals herauskam, haben auch viele Menschen aufgeschrien, dass sie durch eine Maschine ersetzt werden würden. Allerdings erleichtert es heute vielen Kreativen ihre Arbeit. Sie müssen sich lediglich neue Fähigkeiten aneignen, um mit der neuen Technologie umzugehen. Ich denke, dass wird bei zukünftigen Technologien ähnlich sein. 

Wie mutig sind aus Ihrer Sicht deutsche Unternehmen in Bezug auf Werbung und Markentransformation?

Ich denke, dass beispielsweise die Geschäftsführer von Zalando so erfolgreich sind, weil ihr Geschäft bereits in anderen Märkten funktioniert hat. Ich habe zwar noch nie für ein deutsches Unternehmen gearbeitet, aber ich glaube, dass die deutsche Markenlandschaft sehr vorsichtig und konservativ agiert. Das finde ich sehr schade und ich verstehe es auch nicht wirklich. Da ich auch nur für eine kurze Zeit in Deutschland gearbeitet habe, fällt mir spontan jetzt nur das Unternehmen Hornbach ein, das aus dem Konzept fällt. Ansonsten gibt es meiner Meinung nach nicht viele in dieser Art.

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