Der Arbeitsmarkt steht kopf

In Zeiten des Fachkräftemangels versuchen viele Unternehmen für Beschäftigte attraktiv zu sein - nicht immer sind sie damit erfolgreich. Wer auf der Suche nach Talenten als Arbeitgebermarke ein Magnet sein will, muss umdenken.
Christian Rätsch, CEO Saatchi & Saatchi und Leo Burnett Deutschland
Christian Rätsch, CEO Saatchi & Saatchi und Leo Burnett Deutschland: "Zukünftig muss das Talent die Stelle selbst definieren." ©Oliver Wagner (Montage: Olaf Heß)

Talente sind Nomaden. Früher zogen sie weiter, wenn es im Job langweilig wurde. Heute kommen sie erst gar nicht in unsere Branche. Mit dem Schicksal sind wir nicht allein. Unternehmensberater, Start-ups – wir alle stehen unter Druck, weil der Nachwuchs ausbleibt. Der Markt hat sich gedreht – längst müssen sich Unternehmen beim Nachwuchs bewerben und nicht umgekehrt. Die Lage ist ernst – auch wenn uns die derzeitige Konjunktur etwas Luft verschafft.

In diese Zeit platzt das Buch „Die große Arbeiterlosigkeit“. Sebastian Dettmers zeichnet darin eine Arbeitsmarktdramatik, dass einem schwindelig wird. In den kommenden Jahren sinkt die Erwerbsbevölkerung in Deutschland von derzeit 54 auf 34 Millionen Erwerbstätige im Jahr 2100. Die müssen auch noch 21 Millionen Rentner und zehn Millionen Kinder versorgen. Zudem scheint Deutschland für Erwerbsmigranten wenig attraktiv, was die Lage verschärft.

Corona hat die Arbeitwelt verändert

Auch die Arbeit selbst hat sich mit den Corona-Erfahrungen dramatisch verändert. Potenzielle Kandidat*innen fordern wie selbstverständlich Homeoffice und die freie Arbeitsplatzwahl ein. Hinzu kommen Erwartungen an die Flexibilität – die Forderung einer Vier-Tage-Woche und Workation scheinen dabei noch gemäßigt.

Der Arbeitsmarkt steht kopf und wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Spielregeln ändern, um fähige Köpfe an uns zu binden. Mit bewährten Mustern kommen wir nicht weit – vielmehr brauchen wir den Musterbruch, um attraktiv zu sein. Heute besetzen wir Stellen, indem wir sie be- und ausschreiben und dann das passende Talent dazu identifizieren. Zukünftig muss das Talent die Stelle selbst definieren. Statt der Spielregel ‚Gehalt gegen Arbeitsleistung‘ braucht es neue Modelle, die Output-orientiert zu definieren sind.

Dialog mit dem Nachwuchs ist gefragt

Unsere Büros haben jetzt eine Barista-Kaffeeküche, ein Spielzimmer, eine Wohnzimmerecke, eine Bibliothek. Es gefällt allen – noch. Aber der schöne Schein definiert die Arbeitsweise und das Miteinander nicht neu. Wir brauchen daher den Dialog mit dem Nachwuchs, wie wir Arbeit neu organisieren und das Miteinander ausgestalten wollen.

Wer auf dem Talentmarkt Magnet sein will, muss umdenken. Aus meiner Sicht sogar mit wesentlichen Konventionen brechen. Ein geeigneter Weg ist die Beteiligung der jüngeren Generation an der Arbeitsplatzgestaltung und der Art, wie wir künftig Wert schöpfen. Wer will, dass sich Talente freiwillig anschließen, muss lernen, ihre Sichten, Wünsche und Fähigkeiten einzubinden. Es ist die Zeit, dass wir Unternehmer uns bei den Talenten bewerben. Das wird der wichtigste Pitch für die Zukunft.

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