49-Euro-Ticket: Verkehrsverbünde tun sich schwer 

Das 49-Euro-Ticket, offiziell Deutschland-Ticket, ist für die Verkehrsverbünde eine kommunikative Herausforderung. Einerseits wegen unklarer Detailregelungen. Andererseits, weil die Verkaufsziele ambitioniert sind. Wie die Verkehrsverbünde mit dem Thema umgehen.
Das Ziel ist klar: Bahnfahren soll günstiger werden. Doch auf dem Weg dahin sind noch viele Fragen offen. ©Deutsche Bahn

Noch immer ist unklar, wann das Deutschland-Ticket startet. Laut Bund und Ländern soll es „schnellstmöglich“ im Jahr 2023 eingeführt werden. Das genaue Startdatum ist aber auch nach einem Treffen von Bundeskanzler Olaf Scholz mit den Ministerpräsident*innen Anfang Dezember 2022 noch offen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte nach dem Treffen, die Länder strebten einen Start bis zum Ende des ersten Quartals 2023 an. Das Ticket, das im Sprachgebrauch 49-Euro-Ticket heißt, sollte zunächst im Januar 2023 an den Start gehen – doch es war gleich absehbar, dass der Zeitraum schwer zu halten ist. Auch andere Details zum Ticket waren lange offen oder sind es noch. 

Für Verkehrsverbünde ist das ein Problem. Denn eigentlich müssen sie schnellstmöglich mit den Kommunikationsmaßnahmen starten. “Unser Auftrag ist laut Koalitionsvertrag der Bundesregierung die Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2030”, erklärt Lars Wagner, Pressesprecher des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Ein ambitioniertes Ziel. 

Neukund*innen anwerben ohne den Bestand zu vergraulen 

Klar ist also: Die Unternehmen müssen bei Bestandskund*innen für Verständnis sorgen und gleichzeitig Neukund*innen anwerben, damit das Ticket zum Erfolg wird. “Wir gehen nicht davon aus, dass wir das Ticket als solches stark bewerben müssen, denn es wird ja sehr viel in der Öffentlichkeit und bei den Medien darüber berichtet”, sagt Wagner. Dass Menschen vom Ticket noch gar nicht gehört haben, dürfte in der Tat unwahrscheinlich sein. Der Fokus liegt aus Sicht des VDV insofern eher darauf zu erläutern, wie das Ticket funktioniert und wo es zu bekommen ist.  

Gerade, ob Bestandskund*innen umgebucht werden, ist dabei teilweise offen. Die Kölner-Verkehrsbetriebe teilen beispielsweise mit, dass man Kunden nicht einfach umbuchen könne, weil die Vertragsgrundlage eine andere sei. “Ein Beispiel sind Personen über 60 Jahre, die heute in Köln 62 Euro bezahlen, das Ticket aber weitergeben können.” So können sich zumindest theoretisch zwei Personen bei einem etwas höheren Preis ein Ticket teilen. Beim Hamburger Verkehrsverbund werden hingegen die Kund*innen automatisch umgebucht, die aktuell mehr als 49 Euro zahlen. 

Offen ist auch die Frage, ob generell Sonderregelungen wie die Mitnahme von Menschen oder Hunden oder die Nutzung von Leihrädern mit dem Deutschlandticket verknüpft werden können. 

Unklare Lage, erhöhter Informationsbedarf 

Weil diese Frage noch offen ist, ist schon die Kommunikation in Richtung Bestandskund*innen herausfordernd für die Verkehrsunternehmen. Der Fokus liegt gegenwärtig vor allem darauf, diese Informationen an die Kundschaft zu bringen. Die Berliner BVG hat beispielsweise den Abo-Kund*innen proaktiv mitgeteilt, dass vorerst kein Handlungsbedarf besteht, solange nicht alles feststeht. 

Aktuell liegt der Fokus also auf Informationspolitik. Doch das wird sich ändern. Anders als der VDV sehen die einzelnen Verkehrsverbünde durchaus Bedarf über die reine Information hinaus. Werbung sei ein wichtiger Bestandteil, sagt eine Sprecherin der Münchner MVV beispielsweise. Gerade für die ambitionierten Verkaufsziele wird wohl auch eine Imagekampagne Thema werden. 

Schwierigkeiten für ländliche Regionen 

Im Gegensatz zu den Verkehrsverbünden in den großen Städten wie Berlin, Hamburg oder Köln sind die Verkehrsunternehmen aus kleineren Städten und ländlichen Regionen noch zurückhaltender. Die meisten der befragten Verkehrsverbünde aus diesen Regionen haben sich auf unsere Anfrage gar nicht gemeldet. Hier gilt es neben der Bestandskund*innen und notwendiger Neukundschaft noch eine weitere Gruppe unter einen Hut zu bringen: Die Menschen aus ländlichen Regionen, für die das größte Problem im ÖPNV nicht der Preis, sondern viel mehr das Angebot ist. Menschen, die dort leben, wo der Bus nur selten fährt und die Bahn gar nicht. Gerade diese Gruppe bietet kommunikativ noch einmal andere Herausforderungen. 

Zwar zeigt sich der Verkehrsverbund Region Trier auf unsere Anfrage optimistisch. Der Verbund teilt mit, dass im Verkehrsgebiet “auch im ländlichen Raum […] inzwischen weitgehend ein gutes ÖPNV-Angebot [bestehe], welches bis spätestens 2024 alle Regionen des Verbundgebietes abdeckt.” Doch gleichzeitig ist die VRT-Chefin Barbara Schwarz im Trierischen Volksfreund besorgt, dass das Ticket zu “Einschränkungen des aktuellen und geplanten Fahrtangebotes” führen könnte. Ganz überzeugt scheint man also auch dort nicht. 

Sollte es tatsächlich zu Einschränkungen des Angebots kommen, dann wird die ohnehin große kommunikative Herausforderung noch größer. Doch ob das wirklich passiert, ist wie so vieles rund um das Deutschland-Ticket vor allem eins: Noch unklar. 

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