Wenn São Pauli ruft

Kommunikation ist immer eine heikle Sache. In Zeiten des Klimawandels sowieso: YouGov traut sich was, der HVV tut sein Bestes und Aldi Süd hat die Nase vorne.
Wenn es um den Klimawandel geht, gedeihen die Gewüchse der Marketingabteilungen nicht immer gut. ©Unsplash/Francesco Gallarotti

Hui, die trauen sich was, die Marktforscher*innen von YouGov: Während alle Welt auf die Klimaschutzkonferenz in Sharm El-Sheikh blickt und sich die furchteinflößenden Meldungen über den desolaten Zustand unseres Planeten gar nicht mehr überlesen lassen, meldet das Institut fröhlich: „Deutsche mögen Premium-Autos“.

Der Befragung zufolge besitzt oder least derzeit jeder fünfte Deutsche einen Audi, BMW, Jaguar, Land Rover, Lexus, Mercedes-Benz, Mini, Porsche, Tesla oder Volvo. Die Mehrheit der Premium-Autobesitzer ist männlich (55 Prozent), über ein Drittel älter als 60 Jahre und 76 Prozent von ihnen sagen: „Ich mag ein Auto mit einem leistungsstarken Motor.“ Von Klima ist in der Umfrage nicht die Rede.

Ganz und gar subjektiv würde ich sagen: Irgendwie ein falscher Zeitpunkt für die Meldung. Vielleicht trotzdem wichtig für die Werbeprofis unter Ihnen: Die Zielgruppe ist über TV- und Online-Werbung gut erreichbar. Allerdings: Viele Autos sind ja wegen des Halbleitermangels derzeit gar nicht lieferbar – aber das ist ein anderes Thema.

Der HVV meint es gut

Kommunikativ in die ganz falsche Richtung läuft gerade auch eine bestimmt gut gemeinte Initiative des Hamburger Verkehrsverbunds HVV. Der benennt nämlich anlässlich der Weltklimakonferenz für drei Tage 14 U-Bahn-, S-Bahn- und Bushaltestellen um, damit die Hamburger*innen merken, dass in puncto Erderwärmung etwas getan werden muss. Also fährt man jetzt nicht in die Station „Eppendorfer Baum“ ein, sondern in „Steppendorfer Baum“, „Rothenburgsort“ heißt „Tropenburgsort“ und statt in „Kirchwerder“ steigt man in „Kap Verder“ aus. Oder in Balearenfeld (Bahrenfeld), Seychellingen (Stellingen), Kuala Schlumpur (Schlump) oder São Pauli (St. Pauli).

 Man hört quasi die distinguierten Bewohner der Stadt tief, tief durchatmen. Vielleicht kriegen die das aber auch gar nicht mit, denn sie sitzen ja in ihren Premiumautos. Die im Hamburger Schmuddelwetter fröstelnden Nahverkehrspassagiere hingegen nutzen die Kampagne für Fernweh-Witzchen. Ach Mensch, HVV, Kommunikation ist aber auch eine heikle Sache.

Aldi Süd kommuniziert vorbildlich

Bleiben wir bei Kommunikation: Discounter Aldi Süd hat Ende Oktober eine Kampagne über sein Engagement rund um Klima- und Umweltschutz gestartet. Auf der dazugehörigen Landingpage aldi-sued.de/klima finden sich interessante Kennzahlen, die zudem vorbildlich aufbereitet sind.

Eine Erkenntnis aus dem sehr zur Lektüre empfohlenen aktuellen Climate Action Awareness Report 2022 von Climate Partner lautet: „Eine transparente Kommunikation ihrer Klimaschutzmaßnahmen ist … entscheidend für Unternehmen. 64 Prozent der DACH-Befragten halten Transparenz und die Möglichkeit, die Klimaschutzmaßnahmen eines Unternehmens nachzuvollziehen, für wichtig bis sehr wichtig (Top 2) bei der Wahl eines nachhaltigen Produkts.“ So gesehen macht Aldi Süd mit seiner Kampagne alles richtig.

Zum guten Schluss: In dem Report steht auch, dass 35 Prozent der Befragten aus der DACH-Region angeben, dass sie das Fahren/Besitzen eines Autos mit Verbrennermotor aufgeben würden, um den Klimaschutz zu unterstützen. Da drängen sich gleich zwei Fragen auf. Erstens: Warum tun sie es dann nicht? Zweitens: Was sagen eigentlich Premiumautofahrer*innen dazu?

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

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