Produkt anpassen – oder verlieren

Inflation, Zinsanstieg, Energieknappheit – Unternehmen kämpfen derzeit mit vielen Problemen. Am Megatrend Nachhaltigkeit aber ändert das nichts. Ob am Bau, in der Luftfahrt oder in der Klimaindustrie: Wer überleben will, muss sich glaubwürdig grün positionieren.
Trotz oder gerade wegen aller globalen Krisen muss Nachhaltigkeit stets mitgedacht werden. ©Unsplash / Diane Picchiottino

Was ist von einer Einladung zu halten, die „Klimawandel hautnah“ verspricht? So schräg indes die Formulierung, so gut die Absicht dahinter. Ein Aussteller auf der derzeit laufenden größten europäischen Immobilienmesse Expo Real in München hat sich die Mühe gemacht, Klimaeffekte wie Dürre, Feuer, Überschwemmung und Verschmutzung auf einer Multivisionswand darzustellen, „um zu verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft ihrer Verantwortung gerecht und von einem Teil des Problems zu einem Teil der Lösung wird“. Da kann man nur zustimmen. Es stört dann auch nicht, dass die Visualisierung nebenbei eine Quartiersentwicklung in Berlin bewirbt, die von Beginn an klimaneutral sein soll.

Studie: Nicht nachhaltige Gebäude bald nicht mehr verkäuflich

Denn es ist ja gut, wenn Marketing alle Register zieht, um dem Klimawandel gerecht zu werden. Wer es verpasst, seine Produkte rechtzeitig anzupassen, wird sie womöglich bald überhaupt nicht mehr verkaufen können. Auch dieser Effekt ist derzeit exemplarisch in der Immobilienbranche zu beobachten: Der Markt für Green Buildings eilt von Rekord zu Rekord. Vor allem große Investoren fragen verstärkt zertifizierte grüne Gebäude nach. Bei Versicherungen etwa machen sie schon fast 60 Prozent der Gesamtinvestitionen aus, bei offenen und geschlossenen Fonds liegt der Anteil bei über 50 Prozent.

Hat die Branche angesichts Zinsanstieg, Inflation, Ukraine-Krieg und Energieknappheit keine anderen Sorgen? Doch, aber: „Der Megatrend der Nachhaltigkeit – und dabei insbesondere auch die Energieeffizienz – ist angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen bedeutender denn je geworden“, urteilt eine soeben erschienene Studie der Deutschen Hypo. Wer das ignoriert, riskiert empfindliche Wertverluste. „Im Extremfall kann es dazu kommen, dass Objekte nicht mehr handelbar sind“, warnen die Autoren.

Flugzeuge fliegen bald mit recyceltem Speiseöl

Auch andere Branchen machen sich Sorgen über ihre Zukunft, die Luftfahrt zum Beispiel. Die polnische Fluglinie LOT teilt mit, dass sie künftig nachhaltig produzierten Treibstoff vom Energiekonzern Orlen beziehen will. Eine neue Fabrik in der Stadt Plock wird 300.000 Tonnen hydriertes Pflanzenöl zu Kerosin verarbeiten, unter anderem gebrauchtes Speise- und Algenöl (und hoffentlich kein Palmöl!). Dies reduziere den Ausstoß an Treibhausgasen gegenüber herkömmlichem Kerosin um bis zu 80 Prozent, teilt Orlen mit.

Wer recherchiert, stellt fest, dass sich aus Pflanzen- und Abfallöl auch klimafreundlicher Auto-Diesel gewinnen lässt. Der Verkauf ist in Deutschland erlaubt, allerdings nicht per Zapfsäule, wie der bayerische Tankstellenbetreiber Zieglmeier erfahren musste. Jetzt beliefert er Kund*innen per Kanister, Fass oder Tank. Das ist merkwürdigerweise legal.

Klimaschäden kompensieren? Wenn, dann richtig

Auch die Lufthansa experimentiert mit Sustainable Aviation Fuel (SAF), so der Fachausdruck. Allerdings sei dies „etwa viermal so teuer wie fossile Flugtreibstoffe“, heißt es auf der Infoseite. Weshalb Passagiere, die mit SAF fliegen möchten, dafür extra bezahlen müssen, über ein Tool namens Compensaid. Alternativ wird dort ein Ausgleich der Klimaschäden über Projekte angeboten. Und da liegt das Problem: Die Sofort-Kompensation eines Economy-Fluges von München nach Berlin mit SAF kostet 54,53 Euro, der Ausgleich durch Projekte, die CO2 über einen Zeitraum von zehn Jahren binden, nur 1,42 Euro. Wie viele Fluggäste sich da wohl für SAF entscheiden …? (Übrigens, eine radikal glaubwürdige Produktanpassung könnte ja sein, Kurzstreckenflüge wie die von München nach Berlin gar nicht mehr anzubieten. Nur so ein Gedanke.)

Viele Verbraucher*innen verstehen Klimasiegel falsch

Dabei stehen Kompensationsmodelle zunehmend in der Kritik, wie schon vor zwei Wochen im Green Wednesday zu lesen war. Jetzt hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Verbraucherzentrale NRW ergeben, dass nur 13 Prozent der Konsumentinnen mit Begriffen wie „klimaneutral“ eine Kompensation von CO2 assoziieren. Die meisten denken, die Produkte seien auch umweltfreundlich hergestellt – was keineswegs der Fall sein muss. Da fragt sich schon, ob – auch im Interesse der vielen Unternehmen, die sich genau darum bemühen – die Ausgabe verkaufsfördernder Klimalabel mit Auflagen oder Empfehlungen zur CO2-Reduzierung verbunden sein sollte. Verbraucherinnen täuschen, das will schließlich niemand. Oder?

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

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