Im Fachkräftesumpf: Reißt euch zusammen! 

Nachwuchsprobleme wegen Fachkräftemangel lassen sich nicht wegzaubern. Aber sie sind ein Stück weit hausgemacht – weil es Personalverantwortlichen zu oft an Respekt mangelt. Bewerber*innen und Angestellten aber auch. Ein Kommentar.
Manchen Bewerbern mangelt es an Respekt. Doch das trifft auch für die Gegenseite zu. ©Stocksy

Schaut man sich an, wie Arbeitgeber aktuell um gute Leute kämpfen, dann muss man davon ausgehen, dass dieser Kampf noch lange andauern wird. Denn er wird entweder mit der falschen “Ausrüstung” geführt. Oder die Unternehmen haben einfach nicht erkannt, dass man als Federgewichtler im Schwergewichtskampf einen schweren Stand hat. 

Wenn Menschen trotz hinterlegten Pronomen bei LinkedIn mit dem falschen Geschlecht angesprochen werden oder beschriebene Stellen nichts mit dem zu tun haben, was Menschen eigentlich können, dann ist das nicht nur schlechtes Recruiting. Es ist auch mangelnder Respekt gegenüber Bewerber*innen. Und gegenüber der Firma, für die rekrutiert wird. 

Wenn gute Gespräche geführt werden, nur um sich dann wochenlang überhaupt nicht mehr zurückzumelden, dann darf sich kein Unternehmen wundern, wenn gute Leute wieder abspringen. 

Warten nervt – ist aber nicht das Hauptproblem 

Wenn ich mit Menschen darüber spreche, dann kommen wir häufig zu dem Ergebnis, dass das Frustrierende an solchen Erlebnissen gar nicht die Wartezeit an sich ist. Sondern die mangelnde Transparenz. Ja, warten nervt. Aber wenn sie vorab wissen, dass es zwei Wochen bis zur Rückmeldung dauert, weil die Personalerin Urlaub hat oder man zwischendurch die Info bekommt, dass es sich verzögert, weil der Recruiter krank ist – dann können das die meisten Menschen gut verstehen. Nur: Wo keine Kommunikation stattfindet, da wächst auch kein Verständnis. 

Liebe HR-Verantwortliche: Bitte lernt, respektvoll und transparent zu kommunizieren. Ist das nicht eigentlich eine Selbstverständlichkeit? 

Mehr als eine halbe Million freier Stellen gibt es laut Institut der deutschen Wirtschaft in Deutschland. Glaubt man dem Stöhnen, dass aus den HR-Abteilungen zu vernehmen ist, stammt ein nicht unerheblicher Anteil dieser Stellen aus der Kommunikationsbranche. 

Umso frustrierender, wenn Arbeitnehmer*innen zuerst zu- und dann wieder absagen. Oder trotz unterschriebenem Vertrag am ersten Tag lieber ihre Freizeit genießen und den Vertrag deswegen platzen lassen. Wenn ich den Einschätzungen folgen darf, die ich in meinem Umfeld vernehme, kommt solches Verhalten überwiegend von Menschen aus den Generationen Y und Z. 

Liebe Bewerber*innen, egal welchen Alters: Hört auf Euch wie Idiot*innen zu verhalten. 

Nicht jedes Pitch-Wochenende durcharbeiten 

Mit meinen 29 Jahren darf ich mich Senior nennen – ob ich damit noch Nachwuchs bin oder nicht, darüber lässt sich streiten. Aber eins ist klar: Wenn ich mich an einem Wochenende, das ich aufgrund eines Pitches mühelos durcharbeiten könnte, dafür entscheide, die lange gekauften Karten für die Basketball-EM zu nutzen, dann bedeutet das nicht mangelndes Engagement oder fehlende Loyalität zu meinem Arbeitgeber.

Erstaunlicherweise habe ich dafür in meinem Umfeld die unterschiedlichsten Reaktionen wahrnehmen müssen: Das Spektrum reichte von „Krass, dass das für Deine Kolleg*innen klar geht” bis zu „Warum rechtfertigst Du Dich überhaupt?”. Und es stimmt: Ich muss mich nicht rechtfertigen, weil meine Kolleg*innen wissen, dass ich in anderen Situationen bereit bin, dasselbe für sie zu tun.   

Kein Fachkräftemangel, ein Respektmangel

Wer nicht erkennt, dass so etwas zur modernen Arbeits- und Lebenswelt gehört, der hat keinen Fachkräftemangel, sondern einen Respektmangel. Und darf sich nicht wundern, dass der kostenlose Apfel oder das Feierabendbier im Agenturkühlschrank nicht reichen, um den Nachwuchs bei der Stange zu halten. 

Manchmal ist es in Ordnung, wenn der Job eben „nur” der Job ist. Und andere Dinge vorgehen. Das heißt nicht, dass Menschen ihren Job nicht mit Leidenschaft und Einsatz machen. 

Natürlich ist der Beruf im Optimalfall Berufung. Doch damit diese Berufung entsteht, braucht es Verständnis von beiden Seiten. Von Nachwuchskräften, die verstehen müssen, dass Unternehmen nicht allein vom guten Betriebsklima überleben können. Und von Unternehmen, die verstehen, dass man nicht für den Job leben muss, um für den Job zu brennen. 

So schwer ist es eigentlich gar nicht. Wenn sich alle Seiten nur ein bisschen zusammenreißen. Und Respekt füreinander zeigen. 

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