Digitale Nächstenliebe

Die Vorteile der digitalisierten Welt sind ein Segen, doch wenn sie zum Standard werden, bleiben viele Menschen davon ausgeschlossen.
Isabelle Ewald fordert die digitale Wiederbelebung eines uralten Prinzips: Nächstenliebe. ©privat (Montage: Olaf Heß)

In diesem Jahr hat uns der Osterhase ein ganz besonderes Geschenk ins Körbchen gelegt: eine Corona­infektion innerhalb der Familie. Aber Boosterimpfung sei Dank war der Krankheitsverlauf relativ mild und die betroffene Person freute sich über ein paar Tage schulfrei. Für alle anderen im Haushalt hieß es, im Spannungsfeld zwischen Isolation und Organisation den Alltag zu meistern – eine großartige Übung in Demut übrigens, wenn man wie ich in einem Haus mit großem Garten und viel Grün drum herum lebt.

Ebenso dankbar bin ich über die Dichte der Schnellteststationen in meiner näheren Umgebung und die Option, dort direkt auch einen PCR-Test machen zu können. Weil mein Smart­phone ohnehin die Fernbedienung meines Lebens ist, denke ich auch nicht weiter darüber nach, was für ein Privileg es ist, damit direkt einen Termin buchen zu können, gegebenenfalls spontan vor Ort. Ein Hoch auf das Prinzip des QR-Code-­Scans.

Corona hat in jeder Hinsicht unseren Alltag um den Faktor zehn digitalisiert, was für viele leider handfeste Probleme mit sich bringt. Bewusst wurde mir dies, als ich neulich beobachtete, wie eine ältere Dame an dem oben beschriebenen Vorgang zu scheitern drohte, gäbe es nicht so etwas wie digitale Nächstenliebe. Tatort Parkplatz: Wo Kund*innen für einen Besuch im Gartencenter ihre Fahrzeuge parken, steht seit gut zwei Jahren ein Container, der als Corona-Teststation dient. Der Ablauf ist stets derselbe: Fenster auf, Stäbchen rein. Termine bucht man online.

Als die bereits erwähnte ältere Dame an der Reihe ist, gerät sie in eine Diskussion mit dem diensthabenden Tester. Sie habe kein Handy und auch keinen Computer, sagt sie, ergo: keinen Termin. Bevor die Dame unverrichteter Dinge nach Hause gehen muss, springt ein ebenfalls wartender Mann um die 30 ein und bucht über sein Smartphone einen Termin für die Seniorin. Wartezeit: keine 20 Minuten. Ebenso bietet er an, bis zum Eintreffen des Ergebnisses zu bleiben. Eine schöne Geste.

Einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom von 2021 zufolge nutzen 65 Prozent der über 70-Jährigen ein Smart­phone. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 35 Prozent einer 13 Millionen Menschen umfassenden Altersgruppe (Quelle: Destatis) nicht mobil im kommunikativen Sinn sind. Sprich: 4,5 Millionen Deutsche. Und laut dem Meinungsforschungsinstitut Kantar ist gera­de mal die Hälfte der bis 1945 Geborenen mit einem Internetanschluss ausgestattet. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Sind wir drauf und dran, diese Bevölkerungsgruppe digital abzuhängen? Per Klick Termine zu buchen – beim Arzt oder beim Friseur – empfand ich stets als großartiges Zusatz­feature. Wenn es zum unverrückbaren Standard wird, werden viele Menschen Probleme bekommen und in ihrer Lebensgestaltung eingeschränkt sein. Eine Lösung fällt mir ad hoc nicht ein, dafür wird mir eine Sache klar: betreutes Digitalisieren, jetzt!

Isabelle Ewald ist Senior Consultant Technology Strategy beim Handels- und Dienstleistungskonzern Otto Group. Überdies ist sie Co-Host des dreiwöchentlich erscheinenden True-Crime-Podcast „Mind the Tech“, der sich um den Tatort Internet dreht.

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