Paradies im Klimawandel

Auf kaum einem anderen Ort der Welt ist der Klimawandel so nah wie auf den Malediven. Vielleicht gerade deswegen versucht ein Hotel das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus der Kommunikation zu stellen. Ist das glaubwürdig oder Greenwashing?
Haie sind nicht die größte Bedrohung für andere Meeresbewohner: Der Klimawandel gefährdet auch die Traumkulisse Malediven. ©Filippo Bacci, Getty Images

Gerade einmal gut zwei Meter über Normal-Null liegt der höchste Punkt der Malediven. Wenn die Meeresspiegel so stark ansteigen, wie teils prognostiziert, dann dürfte schon in wenigen Jahrzehnten von den Malediven in ihrer jetzigen Form nicht mehr viel übrig sein. Mir war diese Situation bewusst. Trotzdem habe ich im April zwei der fast 1.200 Inseln der Malediven besucht.

Gänzlich ohne Flugscham ging das nicht. Doch wer auf die Malediven will, der kommt um den Langstreckenflug kaum herum. Mitten im indischen Ozean gelegen, führt de facto kein Weg am Flugzeug vorbei, um den Inselstaat mit einer halben Million Einwohner*innen zu erreichen. 2019 kam ziemlich genau die Hälfte der Tourist*innen auf den Malediven aus Europa. Wegen Corona und der anhaltenden Beschränkungen für chinesische Bürger*innen dürfte der Anteil von Besuchenden aus Europa in der Zwischenzeit noch gestiegen sein.

Auf der Anreise bekomme ich zunächst wenig mit von Bemühungen zur Nachhaltigkeit: Das Personal im Flugzeug wirft wie eh und je mit Astronautennahrung in der Plastikschale um sich. Und weil alle Trinkwasserspender wegen Corona abgestellt sind, komme ich auch um die eine oder andere Plastikflasche nicht herum.

Hotels wissen, dass sich nicht jede*r im Urlaub mit dem Thema Umweltschutz beschäftigen möchte. Trotzdem kann es den Urlauber*innen auch ein gutes Gefühl geben, einen Teil beizutragen. ©Frederic M. Servatius

Initiativen für Nachhaltigkeit – und die eigene Kommunikation

Umso überraschter bin ich, dass auf „meiner” Hotelinsel Kuramathi die Welt ganz anders aussieht. Auf der Insel, die komplett durch das gleichnamige Hotel besiedelt ist, gibt es zahlreiche Initiativen für ein nachhaltigeres Inselleben. Und natürlich nutzt das Hotel diese Initiativen auch kommunikativ.

Im Herzen der Insel findet sich das „Eco Centre”, an dem man als Urlaubender nur vorbeikommt, wenn man es wirklich will. Dort ist unter anderem eine Meeresbiologin angestellt. Sie kennt die Schildkröten aus dem Hausriff alle beim Namen, engagiert sich aber zugleich in einer Vielzahl von Initiativen. Zum Beispiel im „Olive Ridley Project” zum Schutz von Meeresschildkröten. Daneben ist sie auch für die Kommunikation verantwortlich: Sie hält Vorträge oder macht auf Aktionen im Rahmen der „Earth Week” aufmerksam. Obwohl die Kommunikation durchaus prominent ist, sind die Vorträge nicht übermäßig gut besucht. Nicht jede*r hat Lust, sich zwischen gutem Essen und Schnorcheln am Traumstrand mit Nachhaltigkeit oder dem Ökosystem zu beschäftigen.

Nachhaltigkeit lohnt sich für die Hotels wirtschaftlich

Um einen anderen Punkt kommen selbst die ignorantesten Besucher*innen kaum herum: die Vermeidung von Plastikflaschen. Während auf der benachbarten Insel, die überwiegend von Einheimischen bewohnt wird, überall Plastikflaschen liegen, ist die Situation auf Kuramathi anders. Mehr als 300.000 Plastikwasserflaschen pro Jahr spart das Hotel nach eigenen Angaben durch die Umstellung auf Glas und eine Wasseraufbereitungsanlage ein. Auf den Zimmern und im Restaurant sehe ich ausschließlich Glasflaschen. Und meine eigene Flasche kann ich an Wasserspendern überall auf der Insel befüllen.

Müll und Plastikflaschen können die Traumstrände schnell verwüsten. ©Frederic M. Servatius

Logisch, dass das Hotel diese Initiative auch kommuniziert: Es steht nicht nur auf jeder Flasche, auch an unterschiedlichen Stellen gibt es weitere Infos. Zum Beispiel an der Wasserbereitungsanlage selbst. An der dürfte eine Vielzahl der Besucher*innen vorbeikommen – schließlich hat man die gesamte Insel in etwa fünf Kilometern umrundet.

Dass sich das auch wirtschaftlich lohnt, erklärt der Director Operations von Kuramathi, Alain Trefois, im Gespräch ganz offen. Etwa 60.000 Dollar habe die Umstellung im Jahr 2010 gekostet. Das habe sich in etwa drei Monaten amortisiert. „Es wäre dumm, das nicht zu machen”, sagt er, auch wenn die Kosten inzwischen wohl etwas höher sein dürften. Gleiches gilt für den regionalen Anbau von Lebensmitteln. Weil der weite Transport auf die einzelnen Inseln teuer ist, lohnt sich der lokale Bezug von benachbarten Inseln. Letzteres jedoch wird in der Kommunikation gar nicht besonders herausgestellt – obwohl es wirtschaftlich und ökologisch nützlich ist.

Auf Social Media dominiert ein anderes Bild

Wer in sozialen Netzwerken nach Bildern der Malediven sucht, findet vor allem das typische Motiv von Traumstränden, Stelzenhäusern im Meer und einer belebten Unterwasserwelt. Dass auch Kuramathi mit dieser Art von Bildern unterwegs ist, überrascht nicht: Genau dafür kommen Tourist*innen auf die Insel. Doch die traumhafte Welt wird immer mal wieder durch Postings ergänzt, die sich mit dem Aufräumen des Strandes oder dem Ökosystem der Meere auseinandersetzen. Vermutlich nicht die schlechteste Art, um Aufmerksamkeit für das Thema Nachhaltigkeit zu schaffen.

Kuramathi zieht aus den Initiativen für Nachhaltigkeit wirtschaftlichen Nutzen und stellt das Thema kommunikativ in den Fokus. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Nachhaltigkeit dort nicht nur aus Imagegründen zum Thema gemacht wird, sondern aus ernsthaftem Interesse. Zumal Director Trefois betont, dass der Besitzer der Insel von jedem Baum wissen will, der bewegt werden muss. Doch Trefois sagt auch: „Solange es Tourismus auf den Malediven gibt, werden wir niemals 100 Prozent nachhaltig sein. Aber wir arbeiten ständig daran, besser zu werden.” Also nein: Ein plumper Versuch des Greenwashings scheint es zumindest auf dieser Insel nicht zu sein. Sondern ernst gemeinte Handlungen, die sich natürlich in der Kommunikation wiederfinden.

Doch klar ist auch: Meine durch den Langstreckenflug versaute Klimabilanz rettet das nicht. Und trotz aller Bemühungen werden die Malediven noch ganz andere Herausforderungen haben, wenn es Tourismus dort auch in 100 Jahren noch geben soll.

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