Preise, Galas, Einsichten

Vergessen Sie vermeintliche Gewissheiten! Bio-Granulat ersetzt Kunststoff, junge Leute verschmähen die Metaverse-Sause, Apple lässt Reparaturen zu und die Gen Z ist gar nicht so nachhaltig drauf.
Grüner Stoff
Immer häufiger werden konventionelle Stoffe zu Gunsten der Nachhaltigkeit durch biologisch abbaubare Alternativen ersetzt. ©Unsplash/Daniele Levis Pelusi

Die Deutschen Nachhaltigkeitspreise 2023 sind verliehen. Beim Award dabei: ein Model, ein Fürst und Polit-Prominenz. Alle Gewinner finden Sie hier. Der Klick lohnt sich unbedingt, denn die Siegerinnen und Sieger lassen hoffen, dass in puncto Weltrettung vielleicht doch noch alles gut wird.

In der Kategorie Next Economy Award, NEA 2.0, siegte neben Installion (eine digitale Plattform für Montageaufträge rund um Photovoltaik, Batteriespeicher und Ladeboxen) und ProteinDistillery (die machen vegane Produkte gesünder, leckerer und weniger klimaschädlich – Danke dafür!) auch Traceless. Mitgründerin Anne Lamp erfand ein Bio-Granulat aus Abfällen der Lebensmittelindustrie. Das Material hat die Eigenschaften von Kunststoff, lässt sich wie Kunststoff-Granulat verarbeiten und ist komplett kompostierbar. Das E-Commerce-Unternehmen Otto testet kompostierbare Versandtaschen von Traceless. Die Lufthansa serviert ihren Passagieren Essen in biologisch abbaubaren Schalen des Hamburger Start-ups und Futterhaus kooperiert mit den Erfinderinnen in Sachen Hundekot-Beutel. Laut Hamburger Abendblatt stehen als nächstes Gefrierbeutel und Mülltüten auf der Agenda. Wie schön!

I’m here at the gala. I am alone.“

Durchaus innovativ, aber irgendwie im Wortsinne „traceless“ und so gar nicht nachhaltig war die Global Gateway Gala der Europäischen Union. Die 24 Stunden dauernde Beach-Party im Metaverse sollte jüngere Leute für die Arbeit der EU begeistern. Die aber kamen nicht. Laut Politico kostete der einsame Spaß 387.000 Euro. Journalist Vince Chadwick twitterte: „I’m here at the “gala” concert in the EU foreign aid dept’s €387k metaverse (designed to attract non politically engaged 18-35 year olds — see story below). After initial bemused chats with the roughly five other humans who showed up, I am alone.“ Fragt sich, woran es gelegen hat: War das Event zu schlecht beworben? Ist die EU der Zielgruppe zu langweilig? Oder ist das Metaverse vielleicht doch nicht so der Bringer?

Apple erlaubt Reparaturen. Heureka!

Manches braucht einfach länger – und klappt dann doch. Ab sofort verkauft Apple in acht europäischen Ländern Originalteile und Werkzeuge im Self-Service-Reparatur-Store. Dies sei Teil der Bemühungen des Unternehmens, den Zugang zu Reparaturen weiter auszubauen und die Reparierbarkeit von Produkten zu verbessern, schreibt der wertvollste Konzern der Welt – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass man’s besser lässt, wenn man keine Ahnung von Technik hat.

Das Handelsblatt vermutet, es sei auch der politische Druck gewesen, der Apple zu dieser Kehrtwende seiner Firmenphilosophie veranlasst hat. Das Thema „Recht auf Reparatur“ gewinne an Bedeutung und finde sich zudem im „Aktionsplan Kreislaufwirtschaft“ der EU-Kommission und im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wieder. Apple gehe mit dem Service einen wichtigen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Hoffen wir mal, dass die gern kopierte Markenikone Apple auch mit diesem Schritt viele Nachahmer findet.

Ups, die Youngster sind auch nicht besser

Für alle, die sich für Markenführung, die Luxusgüterindustrie, die Gen Z und deren Verhältnis zum Konsum interessieren, sei hier ein Artikel aus der ZEIT zur Lektüre empfohlen. Er basiert auf dem im Sommer erschienenen Whitepaper Luxury 3.0 von Highsnobiety und der Boston Consulting Group. (Nebenbei bemerkt: Wer den fantastischen Kinofilm „Triangle of Sadness“ gemocht hat, hat an den im Whitepaper abgebildeten Models seine wahre Freude.)

Die Einschätzung eines 20-Jährigen dürfte für alle Marketingprofis interessant sein, er sagt im Artikel: „Das mit der Nachhaltigkeit ist in unserer Generation ein ganz kompliziertes Thema … Die Gen Z ist sehr werbeanfällig. Das führt dazu, dass man auf vage Sustainability-Versprechen und Greenwashing-Kampagnen von Modemarken schnell hereinfällt, ohne sie genauer zu prüfen.“ Später ergänzt er: „Wir konsumieren nicht im Geringsten weniger als alle Generationen vor uns … Dass die Gen Z als besonders ökobewusst gilt, ist im Grunde also auch Greenwashing.“ Och, Mensch, nun hatten wir Älteren uns gerade an unser Schuldbewusstsein gewöhnt und jetzt das. Die Sache mit der Weltrettung bleibt dann wohl doch eine Gemeinschaftsaufgabe. In diesem Sinne:

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

Nachhaltigkeit und Marketing: Passt das überhaupt zusammen? Wir finden: Ja! Jeden Mittwoch um 17 Uhr gibt es das Wichtigste aus der Woche. Hier unseren „Green Wednesday“-Newsletter abonnieren.