Mangel gibt’s im Überfluss

Unternehmen bewerben sich bei den potenziellen Kandidat*innen: In etlichen Branchen und Berufen werden Arbeitskräfte knapp. Zugleich wächst der Wunsch nach weniger Arbeit mit mehr Sinn, New Work feiert ein Revival und die Generationen lernen voneinander.
In vielen Branchen suchen Unternehmen händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden. ©Imago

„New Work“ ist ein Evergreen. Schon 40 Jahre alt, schafft es der Begriff in unregelmäßigen Abständen immer wieder in die Charts der (fach-)öffentlichen Diskussion. Manche nervt das, wie zum Beispiel Carlos Frischmuth, weil so getan werde, als „hätten wir es mit einem neuen, brandheißen Thema zu tun“. Für den Geschäftsführer der Personalberatung Hays ist der gegenwärtige Hype ziemlicher „Bullshit“, der immerhin genügend gedankliches Düngemittel enthält, um daraus ein Buch („New Work Bullshit“) entstehen zu lassen.

Also gut: New Work. Worum geht’s da noch mal? Wo kommt das her? Warum ist das wichtig?

Erfunden und geprägt hat den Begriff Frithjof Bergmann. Der 2021 im Alter von 90 Jahren verstorbene Philosoph lernt vor seiner Karriere als Wissenschaftler in den USA selbst viele Jobs und Beschäftigungsverhältnisse kennen. Er verdingt sich als Tellerwäscher, Preisboxer, Fabrik- und Hafenarbeiter, Drehbuchautor. In den 1970er-Jahren bereist Bergmann mehrmals die Länder des Ostblocks und erlebt den Niedergang des Sozialismus mit. Aber er nimmt auch die Probleme der kapitalistischen Wirtschaftsordnung wahr. Den Autohersteller General Motors (GM) berät er, als durch die zunehmende Automatisierung eine Vielzahl an Arbeitsplätzen abgebaut wird. Aus den Erkenntnissen dieser Zeit entwickelt Bergmann seine Idee einer neuen Arbeitskultur und gründet am GM-Standort Flint (Michigan) das erste „Center for New Work“. Mit rund 5000 Beschäftigten erörtert er dort, wie sie künftig arbeiten wollen.

Schlüssel zur Veränderung liegt in der Bildung

Eine als sinnvoll empfundene Arbeit auszuüben, hielt Bergmann für elementar und erstrebenswert. Die Realität sah anders aus. „Die meisten Menschen erleben ihre Erwerbsarbeit als milde Krankheit, als etwas, das man überlebt“, sagte er in einem Interview. Das gängige Jobsystem, in dem nur für den Lohn gearbeitet wird, bringe eine „Armut der Begierde“ hervor. „In Deutschland wird aus dem Urlaub eine Religion gemacht, auch weil die Menschen die Arbeit als erschöpfend erleben“, so Bergmann. Er selbst begeisterte sich für das, was er tat, und schätzte die Vielfalt seiner Tätigkeiten. Bei Jugendlichen hingegen fiel ihm die weitverbreitete Haltung auf, „irgendwas, irgendeinen Job“ zu machen. Der Schlüssel, das zu ändern, liegt bei den Schulen und der dort vermittelten Bildung. Denn sie können „Menschen dahin bringen, das zu tun, was sie wirklich wollen“.

Bergmann baute sein New-Work-Konzept grob gefasst in drei etwa gleiche Blöcke: Arbeit dient dem Broterwerb, der Selbstversorgung und dem, was man „wirklich, wirklich will“. Heute wird über New Work vor allem diskutiert bei der Frage, wie sich Erwerbstätigkeit im Zuge digitaler Transformation und demografischer Entwicklung verändern wird. Es geht dabei um Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben, Flexibilisierung und Agilität, wertebasierte und sinnstiftende Arbeit.

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO hat vier Stoßrichtungen von New Work herausgefiltert. Demnach bestimmen Beschäftigte weitgehend frei darüber, wo und wann sie arbeiten. Sie erleben ihre Arbeit als sinnstiftend; Silos und festgezurrtes Organigramm werden abgelöst durch agile, projektbasierte Organisationsformen. Entsprechend verändern sich die Anforderungen ans Management, weg von Hierarchien, hin zu einem coachenden, unterstützenden Führungsverständnis.


Quelle: Bitkom

Es gibt viele Beispiele, wie das praktiziert wird, im großen Stil oder in kleinen Schritten. So hat die Mediaagentur Crossmedia nach einer sechsmonatigen Testphase entschieden: Die Wochenarbeitszeit wird bei vollem Lohnausgleich von 38 auf 35 Stunden verkürzt, flexibel aufgeteilt auf vier bis sechs Wochentage, freie Wahl des Arbeitsorts ohne Quote für Homeoffice oder Office. Die 600 Mitarbeitenden in Deutschland wurden beteiligt und sprachen sich einstimmig dafür aus.

Fehlende Fachkräfte bremsen Wirtschaft aus

Stornierte Flüge, überfüllte Notaufnahmen, ausgefallener Unterricht, Warten auf Handwerker. Die Liste ist unvollständig, aber zeigt: Mangel gibt’s im Überfluss. Und das Problem wird nicht bald verschwinden, darin stimmen die Expert*innen überein. Fehlende Fachkräfte sind „einer der größten Bremsklötze für die deutsche Wirtschaft“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Stille Reserven gibt es bei einer Arbeitslosenquote von rund fünf Prozent kaum. Was jetzt passiert, war absehbar: am Knick in der Demografie-Kurve. Die Generation der sogenannten Babyboomer, geboren zwischen 1957 und 1969, umfasst die zahlenmäßig stärksten Jahrgänge. Sie erreichen in den nächsten 15 Jahren das gesetzliche Renteneintrittsalter. Bis 2036 betrifft das rund 13 Millionen Erwerbspersonen, das sind knapp 30 Prozent des heutigen Arbeitsmarkts.

Wie sehr die Schere zwischen Jung und Alt auseinanderklafft, belegt die Studie „Ältere am Arbeitsmarkt“ des Kompetenzzen­trums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Die Zahl der Beschäftigten über 55 Jahre ist von 2013 bis 2020 um rund 50 Prozent auf 7,3 Millionen gestiegen. In den meisten anderen Altersgruppen liegt der Zuwachs nur bei sechs Prozent. Das heißt: Es gehen bald deutlich mehr Menschen in den Ruhestand, als in den Arbeitsmarkt nachrücken. Besonders betroffen von dieser Schieflage sind Berufsfelder wie Bau, Architektur und Vermessung, zudem Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit, weitere sogenannte „Engpassberufe“ finden sich im Gesundheitswesen und Handwerk.

Idee von Arbeitzeitaufstockung stößt auf Empörung

Als Maßnahme gegen diese Misere schlägt BDI-Chef Siegfried Russwurm eine auf 42 Stunden aufgestockte Wochenarbeitszeit vor. Was mathematisch logisch klingt, provoziert harsche Kommentare. Tenor: Erstens sind die meisten jetzt schon am Limit, zweitens schrauben speziell die Millennials lieber runter als hoch. Stichwort: Work-Life-Balance. Weil die Menschen hierzulande im Durchschnitt immer älter werden, wäre ein späterer Renteneintritt ebenfalls logisch, löst aber allgemeine Schnappatmung aus. Es wird darüber nachgedacht, Ältere länger im Job zu halten, etwa durch flexible Arbeitsmodelle, monetäre Anreize oder Qualifizierung für andere Tätigkeiten. Neben mehr Zuwanderung ruhen die Hoffnungen auf KI und Automatisierung, um branchenübergreifend die Arbeitsproduktivität zu steigern.

Die Unternehmen geraten zunehmend unter Druck. Nach einem Vorstellungsgespräch sagen erstmals mehr Bewerber*innen (34 Prozent) den ausschreibenden Unternehmen ab als umgekehrt (19 Prozent), wie aus einer aktuellen Studie der Königsteiner Gruppe hervorgeht. Das ist ein Paradigmenwechsel im Bewerbungsprozess, sagt Geschäftsführer Nils Wagener. „Arbeitgeber müssen sich verstärkt Gedanken darüber machen, wie sie sich selbst bei den Kandidat*innen bewerben.“ Es gibt unterschiedliche Gründe für die Absagen, bei rund einem Drittel (35 Prozent) der Bewerber*innen ist höhere Vergütung ausschlaggebend.

Viele Vakanzen und die Aussicht auf mehr Geld heizen die Wechsellaune an. Laut HR-Monitor des Trendence Instituts haben sich insgesamt 52 Prozent der Akademiker*innen in den letzten zwei Jahren mindestens einmal bei einem Arbeitgeber beworben. Von den befragten 1830 Beschäftigten mit Hochschulabschluss sind im ersten Halbjahr 29 Prozent eine neue Stelle angetreten und haben meistens auch finanziell profitiert. Rund 44 Prozent der Männer verdienen nach dem Wechsel mindestens ein Fünftel mehr, bei den Frauen sind es 31 Prozent.

Generationen im Clinch

Heiner Thorborg, 78, bezeichnet junge Menschen gerne mal als „Schneeflöckchen“, weil sie unter Druck schmelzen und aus ihnen keine guten Chef*innen werden würden. Der bekannte Personalberater und die Schweizer Jungunternehmerin Yaël Meier, 22, lieferten sich zu Jahresbeginn im „Spiegel“ einen bemerkenswerten Schlagabtausch.

Schon im Bewerbungsgespräch werde nach einem Sabbatical gefragt, „so jemanden würde ich nicht einstellen“, sagte Thorborg. Das sei ein Ding der Millennials, während ihrer Generation Z, so Meier, guter Verdienst, ein prestigeträchtiger Job und geäußerte Wertschätzung wichtiger seien. „Wir sind damit aufgewachsen, ständig Rückmeldungen und Likes zu bekommen, vor allem über Social Media“, sagte Meier. Das würden sie auch im Arbeitskontext erwarten. Für die in Hierarchien groß gewordenen Manager*innen sei das „ein Horror“, so Thorborg. „Da prallen zwei Welten aufeinander.“ Aber da müssen sich vor allem die Älteren bewegen, betont der Personalberater. „Ihr bisheriger Führungsstil wird nicht mehr akzeptiert.“


Buchtipps:

Sinngesellschaft

„Wer etwas verändern will am ökologisch ­unverantwortlichen Irrsinn des immer Mehr, der muss nicht die Menschennatur verändern, sondern das gesellschaftliche Belohnungssystem“, schreibt Richard David Precht. Aus der Erwerbsarbeitsgesellschaft, wie wir sie bisher kannten, werde eine Sinngesellschaft.

Richard David Precht: Freiheit für alle. Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten.
Goldmann, 544 Seiten, 24 Euro

Leistungskultur

Gewinner laufen die Extrameile, sagt Vertriebsprofi und Unternehmer Martin Limbeck.
Ein Plädoyer für mehr Engagement im Leben, kurzweilig erzählt. Klare Worte zur Lage der Nation, in der er nur 13 Millionen Fleißige ermittelt hat.

Martin Limbeck: Dodoland. Uns geht’s zu gut! Warum wir alle wieder mehr leisten müssen.
Ariston, 240 Seiten, 22 Euro

Lebensfreude

Die oft gescholtenen Millennials sind einer wichtigen Sache auf der Spur: dem Konzept des New Work. Die Autorin rollt aus, wie wir heute und in Zukunft arbeiten wollen, wie wir unsere Jobs formen, und nicht umgekehrt.

Lena Marie Glaser: Arbeit auf Augenhöhe.
Kremayr & Scheriau, 192 Seiten, 24 Euro


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