Fünf Fragen an Nadja Enke

Viele Kinder nutzen Social Media trotz Altersbeschränkungen. Warum das problematisch ist, erklärt Nadja Enke, User Research AOK Plus.
Nadja Enke: „Kinder sind in den sozialen Medien trotz der Altersbegrenzungen unterwegs.“ ©Tobias Tanzyna, Uni Leipzig

Frau Enke, für die Nutzung von Social Media wie Instagram, Facebook, TikTok oder YouTube legen die Plattformen eine Mindestaltersgrenze von 13 Jahren fest. Rein theoretisch können Influencer*innen auf die Gen Alpha also gar keinen Einfluss ausüben, weil sie sie gar nicht zu sehen bekommen. Wo ist der Fehler?

Kinder sind in den sozialen Medien trotz der Altersbegrenzungen unterwegs. Das Alter wird nicht gecheckt, es gibt keine Sicherheitsüberprüfung. Manche Plattformen wie YouTube sind außerdem komplett frei zugänglich. Die Kontrolle liegt nicht bei den Plattformen, sondern im privaten Umfeld, in der Regel bei den Eltern.

Sie sind Autorin der „Studie zu Werbepraktiken und direkten Kaufappellen an Kinder in sozialen Medien“. Wie hoch ist denn der Einfluss von Influencer*innen auf Kinder unter zwölf Jahren?

Das hängt davon ab, wie stark die Medienkompetenz der Kinder ausgeprägt ist. Es gibt die Kompetenten, die die Mechanismen des Influencer-Marketings durchschauen; es gibt die Enthusiasten, die teilweise durchschauen, was geschieht, aber häufig enge Bindungen zu Influencer*innen aufbauen, und es gibt die Naiven, die überhaupt nicht reflektieren, wie das funktioniert.

Was geht für Sie moralisch so gar nicht?

Wir sehen zum Beispiel auf Netzwerken wie Twitch, dass nicht nur Werbung gemacht wird, sondern Werbung mit einem sozialen Ausschluss kombiniert ist – nach dem Motto: „Du kannst nur Teil unserer Community sein, wenn du dieses Produkt nutzt“. Solche Werbebotschaften an Kinder sind moralisch und rechtlich fragwürdig.

Werden die Botschaften von Influencer*innen angemessen kontrolliert und sanktioniert?

Wir haben es mit einer Gemengelage an Problemen zu tun. Dazu gehört, dass Verstöße in den Standards zur Kommunikation mit Kindern nur schwer sanktionierbar sind, wenn die Plattformen für diese Altersgruppen gar nicht zugelassen sind. Es fehlt außerdem an einer Struktur, wie wir Influencer*innen identifizieren. Sie sind nirgendwo gelistet und dadurch schwer zu kontrollieren. Und: Die Wege, sich zu beschweren, sind der Bevölkerung nicht ausreichend bekannt.

Wann würden Sie einem Kind sein erstes Smartphone geben?

Das hängt davon ab, wofür das Smartphone genutzt wird. Es geht nicht darum, Kinder davon fernzuhalten, sondern darum, einen gesunden Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln und diesen Umgang zu begleiten. Kinder im Grundschulalter brauchen sicherlich kein Insta oder TikTok, sollten aber schon ihre Oma anrufen dürfen.

Dieses Interview erschien zuerst in der April-Printausgabe der absatzwirtschaft.