Fünf Fragen an Katja Diehl

Viele Städte setzen auf Kampagnen für nachhaltige und klimaschonende Mobilität. Die Mobilitätsexpertin und Bestseller-Autorin Katja Diehl erklärt im Interview, was eine gelungene Mobilitätskampagne ausmacht und wo sich deutsche Kommunen inspirieren lassen sollten.
Katja Diehl setzt sich seit mehr als 15 Jahren für eine Verkehrswende ein. (© Amac Garbe)

Frau Diehl, viele Städte und Gemeinden setzen auf Mobilitätskampagnen. Sind diese Kampagnen ein geeignetes Instrument, um die Verkehrswende voranzutreiben?

Ich freue mich sehr, dass Mobilitätskampagnen endlich auch als Teil des Wettbewerbs der Regionen verstanden werden. Bisher galt es eher als selbstverständlich, dass Menschen ein Auto haben und daher auch viel Wert darauflegen, dort, wo sie wohnen und arbeiten, gut mit dem Pkw unterwegs sein zu können.

Doch die Welt hat sich weitergedreht. Wurde vor einigen Jahrzehnten noch die „autogerechte Stadt“ geschaffen und damit der Lebensraum Stadt enorm unattraktiv für Menschen gemacht, so begreifen Städte und Regionen die Lebensqualität für Menschen mittlerweile wieder als das wichtigere Kriterium. Denn von dort kamen sie: Einstmals gesunde, gemischte Räume, mit guter Nahversorgung und Mobilitätsalternativen. Erst die Priorisierung des Autos riss diese Lebensräume auseinander und machte immer längere Strecken zwischen Arbeit, Wohnen und Hobby vonnöten.

Was sind zentrale Elemente von Mobilitätskampagnen?

Im besten Sinne eine gewisse Entschleunigung, vielleicht auch eine Bewusstmachung, gerade für Städter*innen, dass viel des Stresses, den wir in einer Stadt empfinden, vom Auto kommt. Enge, Lärm, Emissionen, Mikroplastik, versiegelte Flächen. Der Raum zwischen den Häusern kann aber wieder den Menschen gehören. Menschen machen ja auch Urlaub dort, wo sie die Erholung finden. Und nicht an vierspurigen Stadtautobahnen oder Landstraßen. Die Wahl eines Wohnortes fällt aufgrund der Lebensqualität, die ein Mensch dort finden kann. Diese wird „neu entdeckt“ und vermarktet.

Welche Städte stechen mit besonders originellen Ansätzen hervor?

Bei dieser Frage bin ich nicht ganz unbefangen und denke an mein ehemaliges Tätigkeitsfeld in Osnabrück. Die „Mobile Zukunft“ wurde als Partnerschaftsprojekt von Stadt und Stadtwerken im Jahr 2016 ins Leben gerufen. Mit dem definierten Projektende im Jahr 2020 fasste der Rat der Stadt Osnabrück den Beschluss, die mobile Zukunft zu verstetigen, um die Themenfelder des kommunalen Mobilitätsmanagements verstärkt in den Fokus zu nehmen.

Mittlerweile ist aus diesem Projekt eine fest installierte Abteilung unter Leitung des Osnabrücker Stadtbaurates Frank Otte geworden, was zeigt, wie ernst es der Hansestadt mit dem Wandel ist. Dabei sind die sicht- und spürbaren Verbesserungen völlig unterschiedlich, so wie auch die Mobilität der einzelnen Menschen individuell ist. Von Carsharing über Lastenräder, einer Mobilkarte, die für alle Angebote in Osnabrück gilt, Radparkhaus am Bahnhof bis hin zu Elektrobuslinien – die Vielfalt wächst.

Die Kampagnen werden in der Regel von Werbeagenturen entwickelt. Sollten sich Kommunen darüber hinaus Unterstützung holen und von wem?

Eines ist klar: Ohne Beteiligung der Bürger*innen darf so eine Kampagne nicht stattfinden. Die erfolgreiche Kampagne rund um eine Stadtbahn in Kiel hat gezeigt, dass Menschen zur Veränderung bereit sind, wenn sie diese auch verstehen – und vor allem die Vorteile kennenlernen, die hinter dieser Veränderung stehen. War es in vorangegangenen Jahrzehnten noch üblich, dass die Mobilität einer Stadt und Region hinter verschlossenen Bürotüren entstand, so zeigen Mitmachaktionen bis hin zu Beiräten aus der Bevölkerung heute deutlich auf, dass Partizipation Mehrwerte generiert. Dass es dabei dennoch einer Vision und Zielen bedarf, ist selbstverständlich. Diese muss aus Politik und Verwaltung kommen.

Ist das Engagement der Städte und Gemeinden in der Breite ausreichend oder handelt es sich bislang nur um (zu wenige) Leuchttürme?

Mir können es nicht genug Beispiele sein und ja: Andere Länder haben hier schon eine ganz andere Haltung entwickelt. Da ist die Mobilitätskultur schon weiter, als nur das Auto zu denken. Aber umso besser! So können wir uns an den Niederlanden, den nordischen Ländern und baltischen Staaten orientieren, die ich während meiner Interrailtour im letzten Sommer schon sehr aktiv erlebt habe.


Zur Person: Katja Diehl ist eine Autorin, Podcasterin und Aktivistin aus Hamburg, die sich seit mehr als 15 Jahren für eine Verkehrswende einsetzt.

Bekannt wurde sie zuletzt als Autorin des Bestsellers „Autokorrektur“, der unter anderem auf der Shortlist zum besten Wirtschaftsbuch 2022 vom „Handelsblatt“ stand und den erstmalig vergebenen Leserpreis gewann, sowie durch ihren Podcast „She Drives Mobility“, in dem sie mit Expert*innen und Experten über die Verkehrswende und ihre gesellschaftlichen Implikationen spricht.


(tht, Jahrgang 1980) ist seit 2019 Redakteur bei der absatzwirtschaft. Davor war er zehn Jahre lang Politik- bzw. Wirtschaftsredakteur bei der Stuttgarter Zeitung. Er hat eine Leidenschaft für Krimis aller Art, vom Tatort über den True-Crime-Podcast bis zum Pokalfinale.