Smarte Denkzettel

Smartphone weg, Stress da: Unsere Kolumnistin berichtet über ihren persönlichen Schreckmoment und wie ihr der glückliche Ausgang auch ein Stück Vertrauen in die Menschlichkeit zurückgegeben hat.
Isabelle Ewald kennt sich in der digitalen Welt bestens aus. ©privat (Montage: Olaf Heß)

Was ist Ihnen Ihre Mobilität wert, liebe Leser*innen? Und bevor Missverständnisse entstehen: Meine Frage zielt nicht auf den Bewegungsapparat als solchen ab, sondern auf die wunderbare Fähigkeit der mobilen Kommunikation.  

Mir ist sie 15 Euro wert.  

Vorgeschichte: Ein paar Wochen ist es her, dass ich mein privates Smartphone verloren habe. Kein Wunder, schließlich hatte ich das Schicksal kurz zuvor regelrecht herausgefordert. In einem Podcast habe ich nämlich großkotzig behauptet, dass mich der Verlust meines Smartphones wesentlich mehr stressen würde als das Abhandenkommen meiner Geldbörse.  

Statt dem Smartphone nur gähnende Leere in der Tasche 

Der Nackenschlag folgte auf dem Fuße: Während einer Fahrt mit dem Linienbus greife ich mir in die Jackentasche, um mir per App einen Fahrschein zu kaufen. Aber wo mein Smartphone sein müsste, ist nur gähnende Leere. Panik überkommt mich, eben war es doch noch da. Also „Wo ist?“-Funktion auf dem Diensthandy aufgerufen (ein Hoch auf iCloud) – und siehe da: Es wird an der Stelle geortet, wo ich kurz zuvor in den Bus gestiegen bin. 

Noch während ich diesen bei der nächsten Gelegenheit wieder verlasse, wähle ich meine eigene Rufnummer. Eine ältere Dame hebt ab.  Sie spricht kein Deutsch, nur eine mir unbekannte osteuropäische Sprache. Einer Passantin drückt sie das Telefon auf gut Glück in die Hand und wir können uns kurz unterhalten. Fünf Minuten später und komplett aus der Puste – schließlich bin ich gerade mehrere hundert Meter gesprintet – habe ich die ehrliche Finderin am verabredeten Treffpunkt entdeckt, mir mit meinem Smartphone in der Hand fröhlich entgegenwinkend.  

Ich bekomme mein Telefon zurück, woraufhin ich meine Geldbörse zücke (ja, DIE Geldbörse). Finderlohn ist doch schließlich Ehrensache. Doch die Dame möchte mein Geld nicht. Stattdessen zeigt sie nach oben und erzählt etwas von „Jehova, Jehova“. Mit etwas Nachdruck schaffe ich es aber doch, ihr ein paar Scheine in die Hand zu drücken. Und zwar alles, was ich an Bargeld in dem Moment dabei habe: 15 Euro. 

Mobiles Leben geht seinen gewohnten Gang 

Valentina, so ihr Name, hat feuchte Augen, als sie das Geld annimmt und verpasst mir als Dankeschön einen dicken Schmatzer auf die Wange. Für mich sind es nur ein paar Euro, für sie offenbar so etwas wie ein unerwarteter Lottogewinn. Auf der anderen Seite: Mein Gewinn ist meines Erachtens am Ende der viel Höhere. Und zwar nicht, weil ich mein Smartphone zurückhabe, sondern weil ich mein mobiles Leben nun wieder wie gewohnt weiterführen kann. Und nicht nur das: Ein Quäntchen Vertrauen in die Menschlichkeit gibt es als Beigabe noch on top. 

Eine Stunde nach dieser Begegnung stehe ich mit einem Sohn und dessen Freundin auf der Willy-Brandt-Straße im Herzen Hamburgs beim Klimastreik von Fridays for Future. Als sich der Tross in Richtung Rathausplatz in Bewegung setzt, passiere ich einen am Straßenrand stehenden Demonstranten, der ein Plakat mit der Aufschrift „Ihr tötet die Erde mit euren Smartphones!“ hochhält.  

Ein Tag voller Denkzettel… 

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