Die Philosophie der KI

Künstliche Intelligenz wird alltäglicher Bestandteil einer digitalen Gesellschaft sein. Deswegen braucht es eine Philosophie der KI – am besten schon in der Schule, fordert Isabelle Ewald.
In Zukunft wird KI kein Expert*innenthema mehr sein. Sie wird alltäglich. ©Unsplash/Amanda Dalbjorn

Von Isabelle Ewald, Senior Consultant Technology Strategy, Otto Group

Regelmäßige Leser*innen dieser Kolumne wissen, dass ich Digitalisierung als gesamtgesellschaftliches Projekt betrachte. Nicht als Aufgabe einiger weniger ausgewählter Spezialist*innen, sondern als etwas, das uns alle tangiert. Denn Fakt ist: Der nachfolgenden Generation überlassen wir eine nahezu vollständig digitalisierte Welt – und die Rolle der KI wird darin eine ganz besondere sein.

KI als Unterbau der Gesellschaft

In der sehr lesenswerten und im Netz kostenlos verfügbaren Studie „Leben, Arbeit, Bildung 2035+“ vom Münchner Kreis, einer unabhängigen Plattform zur Orientierung für Gestalter*innen und Entscheider*innen in der digitalen Welt, kursiert der Begriff „Familieneigene KI-Systeme“ – und dieser Begriff trifft den Nagel auf den Kopf: KI wird in der Zukunft nicht nur bestimmte Teile des gesellschaftlichen Lebens wie etwa Arbeit, Forschung und Entwicklung massiv prägen, sondern buchstäblich zu Hause mit am Tisch sitzen.

Kurzum: KI wird der technologische Gesamt-Unterbau unserer Gesellschaft sein, über alle Domänen hinweg. Der Klebstoff, der uns als Gruppe zusammenhält – im Kleinen wie im Großen.

Aber kommen wir zurück ins Hier und Jetzt und zur Frage: Was können wir, Stand heute, unserem Nachwuchs mit auf den Weg geben, damit dieser mutig und selbstbewusst der digitalen Zukunft entgegensehen kann?

Reicht das Pflichtfach Informatik in der Schule?

So banal es klingt, aber ich persönlich glaube, dass die Antwort in der Ausprägung bestimmter Soft Skills liegt. Und das führt mich direkt zum Bildungswesen und der Frage, welches Potenzial hierfür im schulischen Lehrplan steckt. Ist es mit einem Pflichtfach Informatik (wovon wir allerdings noch weit entfernt sind) getan? Oder müssen wir tiefer graben und uns buchstäblich der Programmierung der Gedanken widmen, womit ausdrücklich nicht die Manipulation von Denkmustern gemeint ist, sondern vielmehr das Fördern eines auf Technologie fokussierten Diskurses.

Aus Spaß habe ich mir ein paar gymnasiale Bildungspläne für das Fach Philosophie angeschaut und festgestellt, dass diese – das kommt jetzt wenig überraschend – je Bundesland variieren. Das zeigt sich auch darin, wie viel Raum dem Komplex Mensch-Maschine-Interaktion gegeben wird. Von der eher oberflächlichen Betrachtung bis hin zur fundierten Auseinandersetzung ist gefühlt alles dabei. Zumindest auf dem Papier.

„Informatik – menschlich betrachtet

In (m)einer idealen Welt würde es ein integriertes Fach „Informatik – menschlich betrachtet“ geben. Denn wenn das Ziel des Philosophieunterrichts die Fähigkeit zur Wahrnehmung existenzieller Fragen in ihrem Spannungsreichtum ist, dann brauchen wir Übungsfelder, in denen Schüler*innen frühzeitig lernen, Technologie zu hinterfragen und das Gelernte unmittelbar in dem Menschen dienende Rahmenwerke zu übertragen.

Getreu dem Motto: Die Zukunft liegt in den Algorithmen unserer Kinder.

Unsere Kolumnistin Isabelle Ewald ist Senior Consultant Technology Strategy bei der Otto Group. Zudem ist sie Co-Host des dreiwöchentlich erscheinenden True-Crime-Podcasts „Mind the Tech„, der sich um den Tatort Internet dreht.

Die Kolumne erschien zuerst in der Januar-Printausgabe der absatzwirtschaft.

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