Der weite Weg zur Gender Diversity auf Top-Level

Selbst die Life-Sciences-Industrie kann ihr Potenzial als Vorreiter bei der Gleichstellung der Geschlechter im Vorstand und der Geschäftsführung nicht nutzen. Das ist die ernüchternde Erkenntnis einer Befragung von Odgers Berndtson unter 2400 Führungskräften und Top-Manager*innen.
Weibliche Führungskräfte müssen immer noch mit Rollenklischees umgehen, die einen gradlinigen Weg an die Unternehmensspitze erschweren. ©Imago

Die Führungskräfte in der Life-Sciences-Industrie in Deutschland sind wenig zuversichtlich, dass in den kommenden Jahren eine Geschlechterparität auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene in ihrer Branche Einzug hält. Zu diesem Ergebnis kommt die neue Studie von Odgers Berndtson zur „Gender-Diversity auf C-Level in der Life-Sciences-Industrie“.

In einer dreistufigen Analyse untersuchten die Personalberater wie die Führungskräfte der deutschen Unternehmen im Life-Sciences-Segment ihre Branche beim Thema Frauenförderung auf C-Level einschätzen. Das Fazit: Frauen unterschätzen ihr Potenzial, Männer nehmen die weibliche Art zu führen und sich unter Männern zu bewegen nicht ernst. Dieser Antagonismus steht einer echten Gender Diversity in der Life-Sciences-Industrie maßgeblich im Weg.

„Vieles spricht dafür, dass die Life-Sciences-Industrie im Vergleich zu anderen Branchen das Potenzial hat, Pionier zu sein bei der Besetzung von Frauen in Top-Positionen. Denn die Branche hat für Frauen ausgesprochen interessante Berufsbilder und einen überdurchschnittlichen Anteil an Frauen in der Gesamtbelegschaft“, sagt Veronika Ulbort, Partnerin und Leiterin der deutschen Life Sciences Practice bei Odgers Berndtson. Die Studie zeige laut Ulbort jedoch, „dass weibliche Führungskräfte in ihrem Alltag immer noch mit Vorurteilen und Rollenklischees umgehen müssen, die einen gradlinigen Weg an die Unternehmensspitze erschweren“.

Ungleichgewicht bei der Wahrnehmung

Als Grund für die Schieflage führen die Studienautor*innen in erster Linie den Umgang der Geschlechter miteinander an: Die Hälfte der Frauen berichtet, dass sie es schwer haben, mit ihrem Führungsstil bei Männern akzeptiert zu werden. Diese Meinung teilen jedoch nur 20 Prozent der Männer. Für zwei Drittel der Männer ist die immer noch unzureichende Kinderbetreuungslage in Deutschland ein wesentlicher Grund, warum eine echte Geschlechtervielfalt nicht stattfindet. Gut die Hälfte der Männer ist zudem der Meinung, dass Frauen eine Top-Führungsposition ablehnen, wenn diese sich nicht mit den familiären Verhältnissen vereinbaren lässt. Dem stimmen jedoch nur 38 Prozent der Frauen selbst zu.

Frauen sehen das Problem laut Odgers Berndtson vielmehr eher in ihrem eigenen Verhalten. 87 Prozent sagen von sich selbst, dass sie an ihrer Kompetenz zweifeln und 80 Prozent, dass sie ihre Erfolge zu wenig bewerben. Ihre männlichen Kollegen sehen das entspannter. Nur 38 Prozent meinen, dass Frauen ihre Erfolge zu wenig bewerben. Gerade einmal 19 Prozent (vs. 61 Prozent der Frauen) sehen ein zu geringes Netzwerk als Grund. Allerdings stimmt ein Drittel der Männer der Aussage zu, dass Frauen das Machtstreben fehle.

„Es ist durchaus der Wunsch vieler Unternehmen, mehr Frauen in die obersten Führungsebenen zu rekrutieren“, sagt Silvia Eggenweiler, Partnerin Life Sciences bei Odgers Berndtson. Es scheitere allerdings immer wieder an vermeintlich lösbaren Problemen. Sie sagt: „Die Frauen springen ab, weil sie sich den Job nicht zutrauen, sich selbst zu sehr hinterfragen, oder weil das Umfeld zu männerdominiert ist. Im Austausch mit C-Level Frauen haben wir auch schon mal das Feedback bekommen, dass Kandidatinnen von männlichen Interview-Panels abgelehnt wurden, weil sie den Männern ´zu weiblich´ waren.“

Frauenquote wird kritisch gesehen

Zur Einführung der Frauenquote in Vorständen äußerten sich die Studienteilnehmer*innen aus der Life-Sciences-Industrie ebenfalls kritisch, zumal sie weit weniger als 100 Unternehmen in Deutschland überhaupt betrifft. Gut ein Drittel aller Befragten sieht durch die Frauenquote allein keinen Wandel und ist der Meinung, dass es nicht nur erfahrene Frauen brauche, die bereits weit fortgeschritten in ihrer Karriere sind, sondern auch die Jüngeren, die neben ihrer fachlichen Qualifikation den Enthusiasmus mitbringen, Neues zu wagen.

Knapp 30 Prozent der Männer halten eine Quote für überflüssig. Bei den Frauen sind es nur fünf Prozent. Allerdings sind sie auch nicht zuversichtlich, dass die Quote automatisch einen Ausstrahleffekt auf andere Führungsebenen und kleinere Unternehmen habe, selbst wenn sie sich das mehrheitlich wünschen. Mit zwölf Prozent in Vorstand und Geschäftsführung der Top-Med-Tech-Unternehmen und 14 Prozent in den Top-Pharmaunternehmen entspricht der Frauenanteil in der Life-Sciences-Industrie aktuell dem Branchen-Durchschnitt.

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