China-Zensur – verspielt Zoom das Vertrauen?

Der Videokonferenzanbieter Zoom zählt zu den absoluten Corona-Gewinnern. Die US-Amerikaner balancieren allerdings auf einem schmalen Grat zwischen westlicher Redefreiheit und chinesischer Kontrolle.
Zoom
Kaum ein Unternehmen profitiert so sehr von der Corona-Krise wie Zoom. Allein der Umsatz legte im ersten Quartal um 170 Prozent zu. (© Chris Montgomery (Unsplash))

Kaum ein US-amerikanisches Unternehmen hat sich in der Covid-19-Krise so gut geschlagen wie Zoom Video Communications. Für viele Firmen war der Videokonferenzanbieter ein wahrer Lebensretter, für Familien und Freundeskreise oft die einzige Chance, sich zu sehen. Auch in Deutschland ist Zoom das beliebteste Video-Tool. Mehr noch: Deutschland sei für Zoom der weltweit am stärksten wachsende Markt, so das Unternehmen. Im Ende April abgeschlossenen Quartal stieg der Umsatz des Videokonferenzanbieters aus Kalifornien gegenüber dem Vorjahr um 169 Prozent von 122 Millionen auf 328 Millionen US-Dollar. Der Nettogewinn legte auf 27 Millionen US-Dollar zu, nach rund 200.000 US-Dollar im Jahr zuvor.

Darknet und Zoombombing: Zoom gerät in die Kritik

Doch das Unternehmen erntet nicht nur Lob. Immer wieder wurde es für seinen Umgang mit der Privatsphäre und Datensicherheit kritisiert. Die Beliebtheit liegt nämlich an der Einfachheit. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten verlangte Zoom nicht das Erstellen eines persönlichen Accounts oder einen passwortgeschützten Anmeldeprozess. Der Klick auf einen Link genügte in den meisten Fällen, um an einem Meeting teilzunehmen. Genau dies lässt Datenschutzbedenken laut werden.

Hinzu kam das sogenannte „Zoombombing“. Dies sind Überfälle auf fremde Meetings. Sicherheitsforscher haben zudem die Frage aufgeworfen, warum Zoom einige Gespräche ohne ersichtlichen Grund über ein Rechenzentrum in China geleitet hatte und ob die chinesische Regierung sich Zugang zu Chats verschaffen könnte. Zuletzt hatten Hacker Datensätze mit rund 500.000 Zoom-Zugängen im Darknet zum Verkauf angeboten. Als Reaktion auf diese Kritik haben einzelne Unternehmen die Nutzung von Zoom untersagt. Zoom beschwichtigte und versprach, die Sicherheit der Plattform zu verbessern. Medienwirksam stellte der Gründer Eric Yuan einen 90-Tage-Plan zur Behebung aller Versäumnisse auf. Am 17. Juni gab Zoom beispielsweise erst bekannt, dass eine End-to-End-Verschlüsselung für alle Benutzer eingeführt wird.

Problemzone China: Kann Zoom weiter wachsen?

Dem Wachstum tat die Kritik ohnehin kaum einen Abbruch. Dies könnte sich jetzt allerdings ändern. Zoom gehe vor dem chinesischen Regime auf die Knie, behaupten Kritiker. Drei Menschenrechtsaktivisten haben seit Mitte Juni keinen Zugriff mehr auf ihre Zoom-Konten. China – übrigens das Geburtsland des Zoom-Gründers Yuan – hat Zoom aufgefordert, die kritischen Stimmen zu sperren. Das Unternehmen will sich dazu nicht äußern. Es ließ verlauten, dass es lediglich entsprechende Gesetze einhalten müsse und auch jeder Nutzer der Video-Chat-Software den Regeln folgen müsse.

Investoren schenkten dem Vorfall in China wenig Beachtung. Wenige Tage später erreichte die Marktkapitalisierung von Zoom ein Rekordhoch. Aber er zeigte, wie sehr Tech-Firmen damit kämpfen müssen, die digitale Kluft zwischen China und Amerika zu überbrücken. Und genau das stellt ein akutes Geschäftsrisiko für Zoom dar.

Zoom und China – eine komplexe Beziehung

Die Beziehung zwischen Zoom und China ist komplex. Das US-amerikanische Unternehmen verzeichnet auf dem Festland nur geringe Umsätze. Aber 700 seiner Mitarbeiter sind dort ansässig und entwickeln Produkte. Es stehen auch Server in China. Diese sollten nur Daten von chinesische n Nutzern speichern. Zoom musste aber einräumen, dass die Regeln möglicherweise verletzt wurden. Die Mitarbeiter in China sorgen für geringere Kosten. Aktivitäten in China zwingen Unternehmen aber dazu, sich an das lokale Recht zu halten.

Doch die US-amerikanischen Werte, insbesondere die Redefreiheit, stehen im Widerspruch zu denen eines Überwachungsstaates. US-amerikanische Firmen, die in China Geschäfte machen, sind es gewohnt, Kompromisse auf beiden Seiten einzugehen. Viele Firmen mit zahlreichen chinesischen Kunden wie Apple argumentieren, dass ihre chinesischen Geschäfte vom Rest der Welt abgegrenzt sind. Redefreiheit und Datensicherheit an anderer Stelle werden nicht beeinträchtigt. Unternehmen, die wie Facebook nicht die Great Firewall überwinden dürfen, können Chinas Regeln vollständig ignorieren.

Zooms chinesische Produktentwickler sind aber ein wesentlicher Bestandteil des globalen Geschäfts. Somit ist die Zusammenarbeit mit Staat und Geheimdiensten unumgänglich. Dies führt nicht nur innerhalb Chinas zu Sicherheits- und Redefreiheitsproblemen. Großbritanniens Regierung soll bereits gewarnt worden sein, vertrauliche Diskussionen, die China betreffen, bei Zoom zu vermeiden. Wissenschaftler sehen auch chinesische Studenten an US-amerikanischen Universitäten in Gefahr. Sie fordern die Universitäten auf, einen dringenden „Plan B“ für Zoom zu entwickeln.

Vorbild Tik Tok?

Eine End-to-End-Verschlüsselung zum Schutz der Privatsphäre kann eine gewisse Sicherheit bieten. Das chinesische Recht macht es jedoch schwierig zu garantieren, dass der Staat nicht versuchen wird, einzugreifen. Eine Lösung für Zoom wäre, die Strategie von Byte Dance zu kopieren. Der chinesische Technologieriese hat einige chinesische Ingenieure durch US-amerikanische ersetzt, um sicherzustellen, dass seine App Tik Tok in den USA als vertrauenswürdig gilt. Der chinesische Markt wird so vom Rest der Welt abgeschnitten.

Ein solches Vorgehen ist kostenintensiv und spricht gegen die Zoom-Philosophie, die einfache globale Kommunikation fördern zu wollen. Die Alternative besteht darin, beiden Systemen weiterhin zu folgen und die Konsequenz zu akzeptieren. Dies geht allerdings mit Vertrauensverlust und folglich dem Verlust von Nutzern einher. Für welche Weggabelung Zoom sich entscheidet, bleibt abzuwarten.