Suche

Anzeige

Nach dem Lockdown ist vor der Rabattschlacht

Die Frühjahrskollektion wird zum Ladenhüter, die Warenlager quellen über und die Preise purzeln. © Artem Beliaikin / Unsplash

Die Corona-Krise ist für den Modehandel auch nach der Wiedereröffnung der meisten Geschäfte noch längst nicht vorbei. In den Läden stapelt sich unverkaufte Ware, doch die Kauflust ist im Keller. Deshalb droht eine gewaltige Rabattschlacht. Neben den Schnäppchenjägern gibt es aber auch einen Gewinner der Krise.

Anzeige

Mal sind es 20, mal 50 und manchmal sogar 70 Prozent: Immer mehr Modehändler in den Innenstädten werben nach der Wiedereröffnung ihrer Läden mit hohen Rabatten auf die Frühjahrs- und Sommerkollektion um Kunden. Der Handel steht unter doppeltem Druck: In den Läden türmt sich die während der coronabedingten Ladenschließungen unverkauft gebliebene Ware. Doch die Kauflust der Kunden ist angesichts der Folgen der Corona-Pandemie gering.

“Im Sommer könnte der Modehandel auf einem Berg von einer halben Milliarde unverkaufter Textilien sitzen”, fürchtet der Sprecher des Handelsverbandes Textil (BTE), Axel Augustin. Schon jetzt stapelten sich im Handel rund 200 bis 300 Millionen unverkaufte Artikel. Dabei ist es “verderbliche Ware”. Frühlingskollektionen sind schon jetzt schwer zu verkaufen. Und sogar bei der Sommerware drängt die Zeit. Das Problem trifft die großen Warenhäuser ebenso wie die kleinen Selbstständigen. Rasche Besserung ist nicht in Sicht.

Amlässe zum Tragen neuer Kleider sind weggefallen

“Die Verbraucher befinden sich in einer Schockstarre”, sagt GfK-Experte Rolf Bürkl. Die Menschen gingen davon aus, dass Deutschland wegen der Corona-Krise in eine schwere Rezession stürzen wird. “Einkommenserwartung und Anschaffungsneigung befinden sich im freien Fall.” Doch nicht nur das. “Bei Mode und Bekleidung fehlt es auch ganz einfach an Kaufanlässen”, klagt Branchenvertreter Augustin. Die Kleiderschränke der Bundesbürger seien voll, gekauft werde nur, wenn es einen besonderen Grund dafür gebe. “Aber an solchen Anlässen – egal ob eine Party, ein Urlaub oder eine Hochzeit – fehlt es seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie”, klagt er. Es gebe einfach nur noch selten Grund, sich schick zu machen.

Die Folge: Auch wenn inzwischen die meisten Läden in den Einkaufsstraßen wieder geöffnet haben und eigentlich nach den Wochen ohne Shopping ein gewisser Nachholbedarf bestehen müsste, sind die Fußgängerzonen weiterhin deutlich leerer als vor der Krise. Noch sei in den deutschen Innenstädten “nicht einmal halb so viel los wie sonst”, klagte das Branchenfachblatt “Textilwirtschaft” in seiner jüngsten Ausgabe.

Die Stimmung in der Branche ist denn auch schlecht. “Ein wirklich normales Saison-Geschäft, wie wir es aus den Vorjahren kennen, erwarten wir frühestens zur Weihnachtszeit – und das nur, wenn alles gut geht”, sagte der C&A-Topmanager Martijn van der Zee der “Textilwirtschaft”. C&A rechne in diesem Jahr mit Umsatzverlusten im zweistelligen Bereich. “Das ist eine katastrophale Situation für einen Händler.”

Ganze Reihe von Handelsketten in Schutzschirmverfahren geflüchtet

Dabei steht C&A trotz aller Probleme noch viel solider da als manche Konkurrenten. So musste die letzte große deutsche Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof angesichts der Corona-Krise bereits Rettung in einem Schutzschirmverfahren suchen. Das gleiche Schicksal ereilte mehrere deutsche Tochtergesellschaften von Esprit, die Modehandelskette Sinn und die Modekette Hallhuber. Der Damenmode-Filialist Appelrath Cüpper beantragte Insolvenz in Eigenverwaltung. “Wir laufen große Gefahr, dass Traditionshäuser, die unsere Innenstädte seit vielen Jahrzehnten prägen, in die Insolvenz gehen”, warnte Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE), angesichts der Krise.

Doch wo es viele Verlierer gibt, gibt es meist auch einige Gewinner. Profitieren könnten von der vielen unverkauften Ware am Ende – neben den Schnäppchenjägern – die Factory Outlet-Center. “Die Outlet-Center werden mit Ware geflutet werden”, prognostiziert der Branchenkenner Joachim Will, Inhaber des Wiesbadener Beratungsunternehmens Ecostra. Das werde sie für die Verbraucher noch attraktiver machen. Schon jetzt laufe das Geschäft in etlichen Outlet-Centern deutlich besser als in den klassischen Einkaufsstraßen, weil die Schnäppchentempel den weit verbreiteten Wunsch nach einem Einkaufserlebnis auch in Corona-Zeiten erfüllten, berichtet der Experte. Doch der eigentliche Run auf die Center stehe noch bevor.

Deutlich pessimistischer ist seine Einschätzung in Bezug auf den klassischen Modehandel. Die bisherigen Rabattaktionen seien wohl erst der Anfang, ist der Branchenkenner angesichts der überquellenden Warenlager und der leeren Kassen der Händler überzeugt: “Es wird zu einer gewaltigen Rabattschlacht im gesamten Modehandel kommen”, erwartet Will. Gute Zeiten also für Schnäppchenjäger.

Von Erich Reimann, dpa

absatzwirtschaft+

Sie wollen weitere relevante Informationen und spannende Hintergründe für Ihre tägliche Arbeit im Marketing? Dann abonnieren Sie jetzt hier unseren kostenfreien Newsletter.

Anzeige

Kommunikation

“Marke post Corona” – Serie über die Learnings aus der Krise

In unserer Serie "Marke post Corona: Learnings aus der Krise" berichten Marketingverantwortliche über ihre Erfahrungen und Lehren aus der Corona-Zeit. Hier finden Sie alle acht Beiträge der Reihe im Überblick. mehr…



Newsticker

Studien der Woche: Sportbranche, Smart Speaker, Direktvertrieb

Marktforschung und Wirtschaft veröffentlichen täglich neue Studien, die für Unternehmen und Marketer wichtig…

Krise von “epischen Dimensionen” im Tourismus – Rettung 2021?

Das Katastrophenjahr 2020 für den Tourismus hat die Reisebranche nahezu abgeschrieben. Jetzt geht…

Die Dmexco naht – 5 Fragen an: Matthias Hach von Comdirect

Als Marketingvorstand der Comdirect Bank beschäftigt sich Matthias Hach intensiv mit auf den…

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige