Wie sich Snapchat mit AR und KI als Shopping-Kanal empfiehlt  

Wer über Social Media Produkte verkaufen will, muss an vielen Schrauben drehen. Dabei verfolgen Plattformen unterschiedliche Ansätze. Vier von ihnen stellen wir in unserer Serie zu Shopping-Features vor. Folge 4: Snapchat.
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Passt die Smartwatch? Mit Samsung kann man sich schnell ein Bild machen.  (© Snap)

Wir alle kennen das: T-Shirts, Mützen oder Sonnenbrillen sehen plötzlich ganz anders aus, wenn man sie selbst trägt und nicht das Model im Katalog. Diese Erkenntnis führt nicht selten zu lästigen Retouren, oder man bestellt die Artikel sicherheitshalber erst gar nicht. Um genau das verhindern, setzt Snapchat auf virtuelle Anprobe-Funktionen. Augmented Reality macht es möglich, die Produkte passgenau in das Live-Bild der Kamera zu integrieren und so die Wirkung von Mode, Accessoires und Kosmetik lebensecht zu prüfen.  

Werbungtreibende können dazu die AR-Shopping-Lenses von Snapchat nutzen. Diese erlauben es den Nutzerinnen und Nutzern, verschiedene Produkte eines Anbieters nacheinander zu probieren, während Informationen zu Preis und Verfügbarkeit eingeblendet werden. Natürlich schließt sich per Klick die direkte Kaufmöglichkeit an. Um die Tools für Werbungtreibende möglichst einfach nutzbar zu machen, stellt Snapchat unter anderem AR-Bildverarbeitungs-Software und AR-Shopping-Vorlagen zur Verfügung.  

15 Millionen monatliche Nutzer*innen in Deutschland

Die amerikanische Betreiberfirma Snap sieht in AR-Funktionen ein wichtiges Zugpferd, um die Plattform als Shopping-Kanal zu etablieren. Zu den aktivsten Branchen in diesem Bereich gehören Mode, Beauty, Luxusartikel, Accessoires und Auto. In Deutschland kann Snapchat eine Reichweite von rund 15 Millionen monatlich aktiver Nutzerinnen und Nutzer vorweisen, 40 Prozent davon sind 25 Jahre und älter. AR ist für die meisten kein Fremdwort mehr: „Drei Viertel der Snapchatter in Deutschland nutzen Augmented Reality täglich“, betont Götz Trillhaas, Managing Director DACH bei Snap.  

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Styleberater Snapchat: Die Brillen-Marke Zenni nutzt maßstabsgerechte True-Size-Lenses. (©Snap)

Um ihr Angebot zu präsentieren, stehen den Werbungtreibende unter anderem Snap Ads und Story Ads zur Verfügung. Zudem bieten sich Collection Ads an, mit denen man eine Palette von Produkten zeigen kann. Zur Erfolgskontrolle empfiehlt das Unternehmen, die Conversion API von Snapchat zu integrieren. Darüber lässt sich messen, inwiefern Werbekontakte auf der Plattform zu bestimmten Aktionen auf der Website des Werbungtreibenden geführt haben. Diese lassen sich auch nutzen, um personalisierte Anzeigen – die sogenannten Dynamic Ads – auszuspielen. Die Anzeige zeigt beispielsweise Produkte, für die die Adressaten bereits Interesse auf der Website oder in der App des Werbungtreibenden gezeigt haben. „Unsere Dynamic Ads können direkt mit den Produktkatalogen der Werbekunden verknüpft werden“, erklärt Trillhaas. „So wird beispielsweise sichergestellt, dass nur Produkte gezeigt werden, die auch wirklich verfügbar sind.“  

Virtuelle Anprobe von Kleidungsstücken

Snapchat arbeitet kontinuierlich an neuen Tools für den E-Commerce. Ambitioniert ist die Dressing-Funktion Try On, die es Nutzerinnen und Nutzern erlaubt, virtuell Kleidungsstücke überzuziehen und sich darin aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. In der ursprünglichen Version 3D Try On mussten sie dazu noch Ganzkörper-Videos erstellen, dazu brauchte es dreidimensionales Bildmaterial der Produkte. Für die aktualisierte Version 2D Try On, die es seit Ende 2022 auch für den deutschen Markt gibt, reichen nun zweidimensionale Ganzkörper-Fotos der Kundschaft sowie 2D-Produktfotos der Anbieter aus. Eine Deep-Learning-Funktion sorgt dafür, dass aus den 2D-Produktfotos AR-fähiges Bildmaterial wird, dass sich flexibel einsetzen lässt. Das soll die Zugangsbarriere für Werbungtreibende senken – sie halten das Fotomaterial ja ohnehin für ihren Onlineshop bereit.  

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Einfache Visualisierung: Gucci bietet Hilfestellung bei der Schuhanprobe. (©Snap)

Künstliche Intelligenz steht auch hinter der neuen Chatbot-Funktion von Snapchat, die unter dem Namen My AI zurzeit weltweit ausgerollt wird. „My AI kann Ihnen Ideen für Geburtstagsgeschenke für deinen superbesten Freund empfehlen, einen Wanderausflug für ein langes Wochenende planen, ein Rezept für ein Abendessen vorschlagen oder sogar ein Haiku über Käse für deinen Cheddar-besessenen Freund schreiben“, illustrierte das Unternehmen zum Start. 

Deutschlandchef Trillhaas betont, dass My AI auch für das Shopping eine große Rolle spielen wird: „Die KI kann personalisierte Produktempfehlungen abgeben. Diese führen dann über Sponsored Links im Chatbot-Text direkt zum Shop des Werbungtreibenden.“ Wie Snap Ende September bekannt gab, werden die Sponsored Links von Microsoft Advertising bereitgestellt. Dessen Werbekunden können darüber Links buchen, die für die jeweilige Konversation relevant sind. 

Rückläufige Umsätze: Snap stellt B2B-Angebot ein

Bei einem anderen Thema muss Snap dagegen zurückrudern: Das B2B-Angebot AR Enterprise Services (ARES) wird eingestellt. Über ARES, das im vergangenen März gestartet wurde, bot Snap Unternehmen an, die AR-Technologie-Suite in ihre eigenen Apps und Websites zu integrieren. Das Portfolio umfasste unter anderem auch die AR-Anproben.  

Laut Snap-CEO Evan Spiegel reiche es nicht, die bestehende, Mobile-basierte Technologie auf andere Unternehmen zu übertragen. Für zusätzliche Investitionen, vor allem in Web-basierte Anwendungen, fehlen aber die finanziellen Kapazitäten – das Unternehmen hat mit rückläufigen Umsätzen zu kämpfen. Zudem mache es der aktuelle Boom generativer KI den Unternehmen leichter, virtuelle Anprobe-Funktionen in Eigenregie zu entwickeln. 


Hier finden Sie alle bisher erschienenen Serienteile: 
 
Folge 1: So spannt Meta KI für Shopping-Kampagnen ein 

Folge 2: So will TikTok zur Top-Adresse für Shopping-Kampagnen werden 

Folge 3: Wie sich Pinterest zur Shopping-Plattform entwickeln will

(kj, Jahrgang 1964), ewiger Soul- und Paul-Weller-Fan, hat schon für Tageszeitungen und Stadtmagazine gearbeitet, Bücher über Jugendkultur und das Frankfurter Bahnhofsviertel geschrieben und eine eigene PR-Agentur betrieben. 1999 zog es ihn aus dem Ruhrgebiet nach Frankfurt, wo er seitdem über Marketing-, Medien- und Internetthemen schreibt, zunächst als Ressortleiter bei „Horizont“, seit 2008 als freier Journalist und Autor. In der Woche meist online, am Wochenende im Schrebergarten.