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Was Somag aus Jena mit Google Maps zu tun hat

Der Strand von Boca Raton (Florida) vom Himmel aus fotografiert © Vexcel Imaging / Somag

Die Thüringer Wirtschaft hat die schwierigen Nachwendejahre hinter sich gelassen. Gründergeist und Engagement haben viele innovative Unternehmen hervorgebracht. Eines ist die Somag AG: Der mittelständische Familiebetrieb aus Jena produziert Hightech-Komponenten für den Weltmarkt und beweist, dass die Unternehmensgröße nicht für den Erfolg entscheidend ist.

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In einem Industriegebiet im thüringischen Jena-Göschwitz ist Präzision gefragt. Hier hat die Somag AG, ein Spezialist für Feinwerk- und Gerätetechnik, ihren Sitz. Das Kernprodukt des mittelständischen Familienbetriebs ist eine Stabilisierungsplattform für Luftbildkameras und -sensoren, die sogenannte “Mount” (auf Deutsch: Halterung). Das Einsatzgebiet der Mount, von der es rund ein halbes Dutzend Versionen für unterschiedliche Größen und Gewichtsklassen gibt, ist breit: Dazu gehören die Kartenerstellung für Landesvermessungsämter und Internetdienste wie Google Maps oder Bing Maps von Microsoft, die Befliegung von Pipelines und Hochspannungstrassen, Land- und Tagebauvermessung sowie militärische Luftraumüberwachung. Die Hightech-Geräte stabilisieren neben Luftbildkameras auch Wärmebild-, Infrarot-, Multispektral- und 360-Grad-Kameras sowie Laserscanner.

Die Mount (unten mit gelbem Rahmen) stabilisiert Luftbildkameras in Flugzeugen und Hubschraubern. © Somag

Das funktioniert so: Ein Kleinflugzeug hat eine oder mehrere Kameras an Bord, die in jeder Situation absolut ruhig und in Waage gehalten werden müssen. Andreas Steps bewegt seine Hand durch die Luft, um zu demonstrieren, welche Bewegungen die Mounts dabei ausgleichen müssen: “Sie stabilisieren entlang von drei verschiedenen Achsen: hoch, längs und quer, außerdem filtert ein Dämpfungssystem die hochfrequenten Schwingungen des Propellers oder Triebwerks heraus”, sagt der 40-jährige Ingenieur. Schon minimale Abweichungen könnten bei Bildern, die teilweise aus mehreren Tausend Meter Höhe aufgenommen würden, zu großen Ungenauigkeiten führen. Durch modernste Mechanik, Elektronik und Software verhindern die Plattformen genau das. “Ahead with Precision” (vorwärts durch Präzision) ist der Firmenslogan. Dabei müssen die Plattformen auch noch extrem robust, hitze- und kältebeständig sein.

Andreas Steps führt das Unternehmen seit 2008 in zweiter Generation. Die Firma ist zu 90 Prozent im Familienbesitz, der Gründer Konrad Steps ist mit 76 Jahren immer noch als Berater und Aufsichtsratsmitglied im Unternehmen aktiv. Um die Jahrtausendwende sicherte sich die kleine Firma über Lizenzgebühren an den damaligen Patentinhaber die Rechte, eine neue Mount, die GSM 3000, zu entwickeln. “Das Produkt schien uns damals interessant, weil sich der Umbruch von Analog- zu Digitalfotografie anbahnte”, sagt Steps junior, der selbst ab 2001 Feinwerktechnik an der Fachhochschule in Jena studierte und parallel dazu das Unternehmen mit aufgebaut hat. Die ersten Geräte wurden 2004 verkauft.

Jede zweite weltweit eingesetzte Mount stammt aus Jena

“Damals waren wir sechs Beschäftigte, und uns wurde prognostiziert, dass wir jährlich drei bis fünf Geräte für den Weltmarkt herstellen könnten.” Heute produziert die Somag AG mit 24 Mitarbeitern und der Unterstützung von Zulieferbetrieben aus der Region 25 bis 40 Mounts pro Jahr. Der Preis einer Plattform variiert zwischen 25.000 und 65.000 Euro. Der Umsatz stieg kontinuierlich an und lag zuletzt bei rund drei Millionen Euro. Der Exportanteil von Somag liegt bei mehr als 80 Prozent. Steps bezeichnet sein Unternehmen stolz als Weltmarktführer. Etwa jede zweite weltweit eingesetzte Mount komme aus Jena, schätzt er.

Andreas Steps (40) führt die Somag AG Jena in zweiter Generation. © Somag

Einen prestigeträchtigen Auftrag hat Somag 2019 in Hamburg abgeschlossen: Die Lufthansa Technik hat dort in den vergangenen zwei Jahren einen Airbus A319 im Auftrag der Bundeswehr umgerüstet. “Und unsere Technik ist mit an Bord”, sagt Steps. Die Maschine, die früher als Firmenjet die VW-Vorstandsetage nach China und zurückbefördert hat, soll künftig Aufklärungsflüge im Rahmen des internationalen “Open Skies”-Abkommens zwischen Wladiwostok und Vancouver absolvieren.

Solche staatstragenden Aufträge sind allerdings nicht die Regel. Die meisten Bestellungen bekommt das Unternehmen von Kamera- und Sensorherstellern. Potenzielle Kunden findet es weniger durch klassische Anzeigenkampagnen auf Branchenportalen als auf Messen und Kongressen. “Wir sind 2020 auf zehn internationalen Messen, in den USA, in Großbritannien, Russland, China und auf der Intergeo in Berlin”, sagt die Marketingverantwortliche Lisa Schönburg. Produktinformationen und Anwendungsszenarien teilt der Hersteller auch über verschiedene Kanäle im Netz, etwa auf der eigenen Website oder einem Youtube-Kanal, erklärt Schönburg: “Dort zeigen wir, wie vielfältig unsere Produkte eingesetzt werden können.”

Umfassender Service stärkt Kundenbindung

Mit einem aufwendigen Service stärkt das Unternehmen auch die Kundenbindung: “Wir haben einen guten technischen Support, der vom Standort Jena aus absolut zeitnah mit Anwendern weltweit kommuniziert”, sagt die Marketingleiterin. Die Branche sei zwar klein, aber weltumspannend. “Wir sitzen möglicherweise am anderen Ende der Welt, kümmern uns aber um jeden einzelnen Kunden und sein Anliegen. Das war für uns immer zentraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie, hebt es uns zum einen doch von anderen Unternehmen der Branche ab, und zum anderen verhalf uns diese Philosophie auch zu dem Standing, das wir als Unternehmen in der Branche heute haben.”

Sponsoring-Partnerschaften wie mit dem Basketball-Zweitligisten Science City Jena seien dagegen weniger auf Kunden- als auf Personalakquise ausgerichtet, um als Arbeitgeber am Standort sichtbar zu sein. Die Suche nach geeigneten Fachkräften, vor allem Elektroingenieuren und IT-Experten, bezeichnet Firmenchef Steps als größte Herausforderung. Wenn die neuen Mitarbeiter erst mal gefunden sind, tut das Unternehmen einiges dafür, sie auch länger an sich zu binden. Das reicht von flexiblen Arbeitszeitmodellen über betriebliches Gesundheitsmanagement und Gewinnbeteiligungen bis zu vergünstigten Firmenwohnungen und zum Elektro-Dienstwagen. Die Firmenkultur bezeichnet Steps als modern: “Mitarbeiter, die es wollen, erhalten bei uns viel Freiraum”, sagt der Vater von zwei vier und sechs Jahre alten Kindern.

Somag-Marketingleiterin Lisa Schönburg: “Auf internationalen Messen und auf allen Kanälen im Netz zeigen wir, wie vielfältig unsere Produkte eingesetzt werden können.” © Somag

Steps führt den Besucher durch die Entwicklungsbüros und die Produktion. Auf zwei Etagen entwickeln in ruhiger Arbeitsatmosphäre Spezialisten für Mechanik, Elektronik, Hydraulik und Software-Entwicklung an den Geräten – 80 Prozent der Mitarbeiter haben einen Hochschulabschluss. Neben der Produktion von Mounts stellt das Unternehmen auch Präzisionsprüfstände für Unternehmen wie Zeiss und Jenoptik und Geräte zur Erntegutanalyse für John Deere her. Die jüngste Innovation ist eine Weiterentwicklung der Mount für die Anwendung auf dem Land und zu Wasser. Das neue Gerät kann beispielsweise eingesetzt werden, wenn vom Wasser aus Küstenregionen fotografiert oder Stahlträger von Brücken geprüft werden müssen, erklärt Steps. Wenn er von solchen Innovationen spricht, kommt der Ingenieur im Unternehmenschef zum Vorschein. Er hat noch einiges vor mit dem Familienbetrieb: “Wir wollen gesund weiterexistieren. Wenn es die Auftragslage hergibt, wachsen wir gerne langsam weiter”, sagt Steps.

Dieser Artikel ist in einer längeren Version im Rahmen des Schwerpunkts Mittelstand in Thüringen in unserer Print-Ausgabe absatzwirtschaft 09/2019 erschienen. Diese und weitere Ausgaben oder ein kostenloses Probeabo der absatzwirtschaft können Sie hier bestellen.

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