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Grenzen des bargeldlosen Zahlens: Diskriminierung an der Ladenkasse

Amazon Go will zukünftig Bargeld als Bezahlart zulassen, um niemanden auszuschließen. Damit beugt sich der Konzern seinen Kritikern. © Amazon

Bargeld- und kontaktloses Zahlen werden Konsumenten seit Jahren als größtmöglicher Komfort verkauft. Nun rudert selbst Amazon in seinen bargeldlosen Amazon Go-Stores zurück und will dort Bargeldzahlungen ermöglichen. Dies verändert sowohl die Grundidee als auch Konzept und Aufbau der Geschäfte vollständig.

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Als Amazon Go 2016 startete, wusste jeder: Das ist gelebte Zukunft und Fortschritt. Die bargeldlosen Geschäfte sind ein Vorzeigebeispiel für die Möglichkeiten, die das Zeitalter der Digitalisierung bietet. Keine Schlangen an den Kassen, kein Kramen nach Kleingeld, keine Kommunikation. Die Amazon Go-Stores in San Francisco, Chicago und Seattle arbeiten mit künstlicher Intelligenz und Kameras, um Kunden den Bezahlvorgang so einfach und schnell wie möglich zu gestalten. Amazon beschleunigte den Trend hin zu bargeldlosen Transaktionen deutlich. Und vor allem waren die Geschäfte greifbare Beispiele der digitalen Zukunft und keine entfernte Vision wie beispielsweise die Amazon-Drohnen.  Amazon Go versprach das bislang einfachste und schnellste Ladenkonzept für jedermann zu werden.

Doch nun droht es doch zu einer ganz normalen Kette zu werden. Amazon kündigte an, in den Geschäften bald Bargeld zu akzeptieren. Noch ist unklar, ob dadurch auch Kassierer angestellt oder Selbstbedienungsautomaten installiert werden. Ziel dieses Schritts ist laut dem Unternehmen die Bekämpfung von „Diskriminierung und Elitismus“. In den USA haben mehr als acht Millionen Haushalte keinen Zugang zu Bankkonten, bis zu 24 Millionen Haushalte haben keine Kreditkarte oder ähnliche Zahlungsmöglichkeiten. In Anbetracht dieser Zahlen ist Amazon Go weniger inklusiv als ursprünglich beabsichtigt. Bargeld anzunehmen, ist nun die Antwort des Konzerns auf den wachsenden Druck von Gegnern, die behaupten, dass bargeldlose Geschäfte einkommensschwache Amerikaner ausschließen.

Bargeldverzicht drückt Kosten bis zu zehn Prozent

Zwar zeigen auch andere Beispiele aus den USA, wie effizient bargeldlose Geschäfte und Restaurants agieren können. Der Verzicht auf Bargeld kann die Gesamtkosten einer Niederlassung immerhin um bis zu zehn Prozent senken, so das US-amerikanische Consultingunternehmen Crone. Es zeigt sich jedoch ein deutlicher Trend hin zu wieder mehr Bargeld. Dieser Trend ist politisch gewollt. Die Gesetzgeber in den USA machen deutlich, dass beim Thema Zahlungssysteme Fortschritt hinter sozialer Gerechtigkeit stehen muss und zeigen sich innovationsfeindlich. Städte wie New York, San Francisco und Washington verhängen derzeit Verbote, um zu verhindern, dass Einzelhändler und Restaurants ausschließlich bargeldlos agieren können. Anfang 2019 hat Philadelphia beispielsweise ein Verbot von bargeldlosen Geschäften erlassen. Ähnlich hat es zuvor New Jersey gemacht.

Für Tech-Firmen ist eine bargeldlose Gesellschaft ein lukrativer Traum, der in manchen Ländern bereits Realität wird. Dies sind ausgerechnet Ländern mit einer großen Gruppe von Menschen mit geringem Einkommen. Laut eMarketer nutzt bereits fast die Hälfte der Chinesen ihre Mobiltelefone als bargeldloses Zahlungsmittel. Die indische Regierung setzt sich für digitale Zahlungen ein, um Korruption zu bekämpfen. In Schweden, das oft als die bargeldloseste Gesellschaft der Welt bezeichnet wird, zahlten 2017 nur 25 Prozent der Menschen mindestens einmal pro Woche in bar. Hier wollen lokale Behörden nun ebenfalls – ähnlich wie in den USA – eingreifen. Sie fordern von den schwedischen Gesetzgebern, dass sie einen Vorschlag verabschieden, der die Geschäfte zwingt, Bargeldannahme für Kunden bereitzustellen, die dies verlangen.

In Deutschland wird in drei von vier Fällen bar gezahlt

Deutschland zählt ohnehin zu den bargeldverliebtesten Gesellschaften. Von jährlich rund 20 Milliarden Transaktionen im Einzelhandel erfolgen drei Viertel in bar. Vor allem bei kleinen Beträgen greifen die Menschen zu Scheinen und Münzen. Mehr als die Hälfte der Verbraucher kann sich laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom nicht vorstellen, auf Bargeld zu verzichten. Die Politik ist hierzulande also gar nicht erst gezwungen einzugreifen, und Geschäfte wie Amazon Go hätten noch schlechte Marktchancen.

In den USA könnte Amazon zur Lösung seines Problems auf ein altes Konzept zurückgreifen. Vor zwei Jahren wurde mit Amazon Cash ein Service eingeführt, mit dem Verbraucher Bargeld auf ihr Amazon-Konto einzahlen können. Dazu müssen sie einem Kassierer bei einem teilnehmenden stationären Einzelhändler einen Barcode zeigen, der das Bargeld dann sofort dem Amazon-Online-Konto gutschreibt. Es bleibt aber dabei, dass die Änderung den vollen Nutzen der Go-Stores verändert. Das automatisierte Zahlungssystem lief reibungslos, war äußerst kostengünstig und trug dazu bei, dass Kunden schneller den Laden verlassen konnten. Aufgrund der geringen Anzahl der Geschäfte und der speziellen Lagen dürften sich auch nur wenige Personen vom Konsum ausgeschlossen fühlen. Die Amazon Go-Geschäfte dürften bislang den Einzelhandel eher als schnellere Alternative ergänzt haben.

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Kommentare

  1. Ein Aspekt, der mir im Artikel fehlt ist, dass es andersrum in Deutschland noch weit verbreitet ist, jegliche bargeldlose Zahlungsmittel anzubieten. Viele Geschäfte weigern sich Kartenzahlungen oder Zahlungen per Mobiltelefon anzunehmen. Dadurch könnte auch im “traditionellen” Offlin-handel Zeit am Checkout verringert werden. Ich glaube von Amazon Go sind wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern sehr weit weg…

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