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Digitale Kompetenz statt Leistungsschutz

Es ist interessant, wie die analogen Dornröschen-Schläfer gerade aktiv werden, um überkommene Geschäftsmodelle aus dem Zeitalter des Industriekapitalismus ins 21. Jahrhundert zu retten. Die Warnungen vor Shitstorms, Anonymität, totalitärer Transparenz oder parasitärer Umsonstkultur sind verzweifelte Hilferufe von Gestern-Meinungsführern, die keine Antworten für die vernetzte Ökonomie von morgen parat haben. Wie auch? Fast alle Wirtschaftsbranchen in Deutschland sind dramatisch schlecht digitalisiert, wie die Unternehmensberatung Booz & Co. ermittelt hat.

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Von Gunnar Sohn

IT-Gipfel, Breitbandstrategie oder digitale Dividende konnten nicht verhindern, dass in unserem Land der Digitalisierungsgrad deutlich hinter der internationalen Spitzengruppe herhinkt. Im Networked Readiness Index 2012 (NRI) des World Economic Forums (WEF) und der Business School Insead belegt Deutschland mit einer Gesamtpunktzahl von 5.32 lediglich den 16. Rang. Die Top-Positionen belegen Schweden (5.94) vor Singapur (5.86) und Finnland (5.81). Das Ranking ist Teil des diesjährigen Global Information Technology Reports. Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig. Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner. In Singapur liegt man bei 154 Dollar. Dort gibt es allerdings auch den „Singapore iN2015 Masterplan“. Während der für Deutschland gemessene Index der Digitalisierung seit 2004 jährlich im Schnitt um immerhin 7,1 Prozent zulegte, schafften zum Beispiel Russland und die Niederlande mit 24,2 Prozent und 12,8 Prozent eine fast dreimal oder beinahe doppelt so hohe jährliche Wachstumsrate.

„Aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Russland, Lettland oder Bahrain haben durch aktive Industriepolitik und einen geeigneten regulatorischen Rahmen gute Voraussetzungen geschaffen. Sie profitieren nun erheblich von resultierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Chancen“, sagt Booz-Berater Roman Friedrich und ergänzt: „Steuert Deutschland nicht massiv gegen, verliert der IKT-Standort eher mittel- als langfristig den Anschluss und vergibt damit erhebliche Wachstums- und Entwicklungschancen.” Die Digitalisierung aller Wirtschaftszweige sollte in Deutschland auf der Prioritätenliste ganz nach oben gerückt werden: Es ist kaum zu glauben, von der Hotelbranche über den Handel bis zum Energiesektor gibt es noch eine dramatische Unterversorgung. Der Grad der Digitalisierung liegt teilweise nur bei 30 bis 45 Prozent. Selbst Finanz- und Versicherungsunternehmen kommen nach den Booz-Zahlen nur auf knapp über 50 Prozent. Mit Digitalisierung sind Kommunikation, Anbindung an Zulieferer, Prozessketten und die Lieferung an Endkunden gemeint – also nicht nur der profane DSL-Anschluss.

Wer also Leistungsschutz vom Staat einfordert, sollte nicht über die hausgemachten Probleme der eigenen Branche schweigen. Also beispielsweise die Musikindustrie, die zu lange an der Vermarktung von CDs festgehalten und den Umschwung zu MP3 verpennt hat – im Gegensatz zum branchenfremden Anbieter Apple. Hier wurden die industriell ausgerichteten Verwertungsketten schon vor einigen Jahren gesprengt: Beim Download fallen weder Herstellung noch Lagerhaltung, Transport oder Rücktransport sowie Vernichtung an. Ähnliches passiert jetzt mit DVDs. Und wer hat da die Nase vorn? Richtig. Apple mit der TV-Box. Wenn Apple in nächster Zeit vernünftige Preise für neue Filme zum Ausleihen kalkuliert, können die Videotheken dicht machen. Und schon breitet sich der nächste Trend massenweise aus: Streaming wird das Geschäft mit Inhalten noch mehr aufmischen. Beim Download bekommt man faktisch eine Kopie eines Datensatzes als Eigentum. Bei den Streaming-Diensten erwirbt man lediglich das Zugriffsrecht auf die Datenbänke – Beispiel Spotify. Forderung im Urheberrecht. Jede einzelne Nutzung eines Titels muss mit einem festen Satz vergütet werden.

Die Musikindustrie hat ihre Kunden im Netz nicht ernst genommen und wird dafür abgestraft. Das begann schon vor 15 Jahren, als Napster startete. Der Dienst bediente in erster Linie das Bedürfnis der Menschen nach einem bequemen und unmittelbaren Zugriff auf Entertainment-Inhalte. Statt sich mit dem Grundbedürfnis der Internet-Nutzer auseinanderzusetzen, empörten sich die Industriebosse über Internet-Piraterie. Als der Musikmanager Tim Renner in einer hitzigen Debatte des Bundesverbandes Musikindustrie die Chefs der großen Plattenfirmen fragte, wer denn schon einmal Napster genutzt habe, hob kein einziger Sitzungsteilnehmer die Hand. Genau hier fängt das Problem der Gestern-Manager an: „Alle Musik war dank Napster jederzeit verfügbar. Das und nicht der Fakt, dass man nichts zahlte, machte den Dienst zum Erlebnis. Das Gefühl war dabei wie beim ‚Kohlenklau‘ – man tat es mangels anderer Möglichkeit, war aber mitnichten stolz auf sich. Hätte man sich seitens der Musikindustrie inhaltlich mit dem illegalen Konkurrenten beschäftigt, statt ihn ungesehen und ungenutzt zu verdammen, hätten wirkliche, legale Alternativen nicht fünf (iTunes), respektive zehn (Spotify) Jahre nach Napster auf sich warten lassen“, sagt Renner. Die Musikindustrie habe ihre Kunden im Internet entweder gar nicht oder schlecht bedient – aus Unkenntnis oder Ignoranz.

Entsprechende Flurschäden entstanden beim Niedergang des CD-Verkaufs. Mit legalen Angeboten im Netz konnte das nicht substituiert werden: „Besonders dort nicht, wo wie in Deutschland das Geschäftsmodell mangels GEMA-Einigung für die legalen Anbieter über Jahre unkalkulierbar blieb“, kritisiert Renner. 83 Prozent des Umsatzes wurden im vergangenen Jahr in Deutschland noch mit klassischen Tonträgern gemacht. Das ist weltweit ein Negativ-Rekord. In den USA waren es 49 Prozent. Die Musik spielt eben bei Diensten, die ohne physikalische Tonträger angeboten werden.

www.service-insiders.de/Über-die-Verunglimpfung-der-Netzöffentlichkeit

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