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Warum wir mit dem VW-Bashing aufhören und unsere deutsche Wirtschaft retten sollten

Das VW-Einkaufssystem lässt elementare Regeln der Risikoabsicherung außer Acht, kommentiert Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer

Die Aktie von VW verliert in der Spitze 40 Prozent, Köpfe im oberen Management rollen, Kunden sind aufgebracht, das Image ist geschädigt. Klar ist: Betrügereien sollten geahndet werden. Doch wie sehr schaden wir der deutschen Wirtschaft? Was bringt der Fall VW den USA? Und warum ist die Aufregung nun so groß, wo es doch wichtigere Probleme gibt?

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Ein Kommentar

Volkswagen steht nun seit einer Woche unter Dauerbeschuss und ein Ende ist nicht in Sicht. Das eigentlich Erstaunliche dabei: Die Bevölkerung und Autofahrer wissen schon seit langem, dass die Werte nur unter idealisierten Testbedingungen aufgehübscht wurden, was wir ebenso schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Der Betrug ist also schon längst bekannt. Die Empörung ist in Teilen daher scheinheilig.

Doch gedeckt durch die US-Umweltbehörde macht sich jetzt eine Empörungswelle breit, die geradezu genüßlich das Vorzeigeunterhemen VW an den Pranger stellt. Unbenommen bleibt: Volkswagen hat geschönte Abgaswerte angegeben. An dieser Stelle sei daher nochmal gesagt: Das Verhalten ist nicht zu tolerieren und muss zu Konsequenzen führen! Es ist richtig, dass VW-Chef Martin Winterkorn seinen Posten räumen musste. Und es ist noch viel wichtiger, dass sich der Autokonzern nun von Grund auf reformiert. Doch am Ende reden wir über geschönte Abgaswerte und nicht etwa über Airbags die nicht funktionieren wie 2012 und 2014 bei General Motors. Wir reden nicht mehr über versagte Bremssysteme oder defekte Zündschlösser, die zu zahlreichen Todesfällen geführt haben. Wir erinnern uns:

General Motors und die Pannenserie

Die Opel-Mutter General Motors gab bekannt, den nächsten Rückruf wegen fehlerhafter Airbags vorzubereiten. Es bestehe die Gefahr, dass der Fahrer-Airbag bei einem Unfall nicht ausgelöst werde. Das war 2014. Auch 2012 musste der Konzern Autos wegen Airbag-Problemen zurückgerufen. Doch im Mittelpunkt der Pannenserie stand ein Zündschloss-Defekt. Dieser war seit Jahren im Unternehmen bekannt. Das Endresultat: General Motors räumte im Juli 2015 ein, dass mindestens 124 Menschen wegen defekter Zündschlösser in den Fahrzeugen des Konzerns gestorben sind. Und natürlich muss auch General Motors für diesen schweren Fehler geradestehen. Schon bis Ende März hatte der Autobauer 200 Millionen Euro in den Fonds eingezahlt. Der Autokonzern rechnet aber damit insgesamt bis zu 600 Millionen Euro Schadensersatz zu zahlen. Erstaunlich war herbei, dass die Diskussion zumindest hier in Deutschland relativ unaufgeregt geführt wurde, obwohl Menschenleben zu beklagen waren.

Wem also bringt der Schaden an VW etwas?

Warum ist also die Aufregung nun so groß? Für die deutsche Wirtschaft und die deutsche Automobil-Industrie ist VW wichtig. Ein deutsches Unternehmen mit einem guten Ruf im Ausland. „Made in Germany“ gilt noch etwas. Wir Deutschen sind die Zuverlässigen, insofern sind wir selber ein wenig betroffen, über das Ausmaß des Vertrauensmißbrauchs. Aber tun wir gut daran, uns und VW derart zu zerfleischen? Und haben die USA vielleicht ein Interesse daran, diesen Fall hochzukochen? In einem Kommentar von Caspar Busse in der SZ, hält der fest, dass sich Amerika wie die Weltpolizei platziert: „Trotzdem besteht immer auch der Verdacht, dass die USA das harte Vorgehen auch zum Schutz der eigenen Wirtschaft einsetzen könnten, als eine moderne Form des Protektionismus also. Werden US-Konzerne mit der selben Strenge behandelt und geprüft wie deren ausländische Konkurrenten? Bleiben die oft intimen Kenntnisse der US-Ermittler, die diese beim Durchforsten der Unternehmen gewinnen, wirklich geheim oder kann die US-Wirtschaft profitieren? Landen vertrauliche VW-Daten bei der US-Konkurrenz?“

Ein spannende Sichtweise. Wie gesagt: Betrügereien sollten geahndet werden. Aber wir sollten auf keinen Fall dafür sorgen, dass ein Konzern kaputt geht, der 600.000 Mitarbeiter beschäftigt. Im ersten Quartal 2015 übernahm VW in seinen deutschen Werken alle Leiharbeiter in eine Festanstellung. Nun ist die VW Aktie um 40% gesunken. Versuchen wir doch lieber ab jetzt umzuschalten und das Ansehen der deutschen Automobilindustrie zu retten. Oder um es mit Dirk Müllers Worten im Gastbeitrag bei n-tv zu sagen: „Helfen wir den Mitbewerbern jenseits des Atlantiks nicht noch, unsere eigene Wirtschaft in den Boden zu stampfen.“

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Kommentare

  1. Ein richtiger und wichtiger Kommentar. Erinnern wir uns: Apple und Google planen, Autos zu bauen. Und erinnern wir uns auch: Mit dem eigenen Versagen ging die USA bei der Finanzkrise weit weniger zimperlich um. Anne Schüller

  2. Ich halte diesen Kommentar für symptomatisch für eine immer weiter um sich greifende Haltung in unserer Gesellschaft, in der jeder seine ihm passende Moral über ethische Grundregeln stellt (und über Gesetze, die zwar auch nur Moral sind, aber einen gesellschaftlichen Grundkonsens darstellen). Das geht soweit, das ethische Grundhaltungen gar nicht mehr zum Thema gemacht werden. Das ethische Element in diesem Falle sind die schädlichen Klimaauswirkungen für alle Menschen. Da können andere genauso und mehr unethisch gehandelt haben, was aber keinen Wertmaßstab darstellen sollte. Der Gewinn heiligt eben nicht alle Mittel und diese Angelegenheit könnte zum Anlass genommen werden, über ethisches wirtschaften in allen Bereichen nachzudenken.

    1. bist echt ’ne Pfeife
      Dein gequatsche über Moral ist echt lustig. Schlaf einfach nur weiter.
      Hier geht es um Rufmord – Du Pfeife, falls Du es itgendwann mal realisierst.

  3. #VW-Skandal ist symptomatisch für eine Epoche, die ihre Droge ÖL nicht loslassen will. Verdrängung dieses Problems ist ebenso symptomatisch.

    Die „Ehre der nationalen Wirtschaft“ als letztes sinnloses Glied einer unverantwortlichen Argumentationskette zeigt wie tief der Widerstand gegenüber dem notwendigen Wandel ist.

    VW hat den Wechsel zum E-Auto nicht vollzogen. Damit ist VW obsolet geworden. Vielleicht wird man einen kleinen innovativen Teil retten können, aber die lähmenden Kräfte von VW müssen bereinigt werden. Bleibt nur zu hoffen, dass die lähmende Merkel mit ihrer ergebnislosen Gipfelpolitik als nächstes verschwindet.

  4. Es geht eben in dieser Diskussion nicht um geschönte Abgaswerte! Geschönt ist, wenn man den Reifendruck anpasst und vielleicht das Auto etwas aerodynamischer macht mit dem Zukleben von Spalten.
    VW hat nicht geschönt, sondern eine Software benutzt, die die Abgaswerte ausschließlich für die Tests begrenzt und beim normalen Fahren deutlich erhöht, damit Fahrer ein tolles Fahrvergnügen haben. Das ist eine eklatante Täuschung, organisierter Betrug und nicht Vergleichbar mit kleinen Tricks und Kniffen, die bekannt waren…

    1. Wer kann mit Sicherheit sagen, dass die Unfälle bei GM oder Toyota nicht auf eine bewusste Kosteneinsparung und damit vorsätzliche Gefährdung der Autofahrer zurückzuführen sind. Und auch ohne Vorsätzlichkeit ist dies ein wirklicher Skandal – jenseits von einigen Partikeln, die nicht in die Luft gehören.

  5. Ein erschreckender Artikel und zutiefst bigott!
    Es geht hier nicht um GM, nicht um protektionistische Wirtschaftspolitik (auch wenn möglicherweise zutreffend), oder um etwaige Banalitäten. Es geht um vorsätzlichen, millionenfachen aus wirtschaftlichen Opportunismus begangenen Betrug eines renomierten deutschen Vorzeigeunternehmen. Punkt.
    Amis oder wer auch immer hier seine Finger noch mit im Spiel hat, sind da egal. Das spielt keine Rolle. Sie sind nicht die Verursacher, die eine Straftat nachweislich begangen haben! Welche Beweggründe auch immer sie haben mögen, sei’s drum. das ist Nebensache.
    Leider geht es hier nicht nur um VW, was an sich schon schlimm genug ist. Hier steht weitaus mehr auf dem Spiel. Es geht um Werte, es geht um Glaubwürdigkeit, nicht einer Firma sondern einer Industrienation, deren Selbstvertändnis und deren Wahrnehmung in der Welt. Jeder Marketing Fachmann und vor allem und viel banaler jeder halbwegs ethisch denkende, fühlende und handelnde Mensch versteht, hier wurde etwas zerstört. Weit über Firmengrenzen hinaus! Es geht um eine ganze Industrie mit allem drum und dran. Einen Teil vom Bruttosozialprodukt welches, wenn es drastisch zurückgefahren wird letzendlich verheerende Auswirkungen auf Deutschland haben wird. Ganz einfache aber dennoch existenzielle und essenzielle Werte einer Gemeinschaft und neudeutsch ein Image, welches über jahrzehnte Stück für Stück durch bislang nachprüfbare Qualität und gelebte Geisteshaltung peniebel generationenübergreifend mühsam aufgebaut wurde gehen den Bach runter.
    Es geht um „Made in Germany“.
    Leider könnte dieser Begriff nun doch noch zu guter Letzt zu der Urspünglichkeit seiner Erfinder zurückgeführt werden. Kriegsveteranen aus UK fühlen vieleicht eine späte für unsere Wirtschaft verherende Genugtuung.
    Siemens, ADAC, VW, Made in Germany, mir wird flau im Magen.

    1. Lieber Herr Löw, selten einen solchen Schwachsinn gelesen. Die Überhöhung des Ereignisses durch die Presse ist der eigentliche Schaden. Im Verhältnis zu den GM und Toyota Ereignissen – wie beschrieben – ist der tatsächlich vorsätzliche Betrug von VW eine Lachnummer. Die USA versuchen hier vorsätzlich unter Nicht-Beachtung Ihrer eigenen Mängel die deutsche Industrie und damit das Export-Geschäft zu ruinieren. Das sollten wir nicht zulassen. Es gehört nur leider zu unserer Mentalität, dass wir sehr gerne auf uns selbst „rumhacken“. GM hat für seinen Fehler eine Strafe von unter 1Mrd Dollar bezahlt – und es ging um Menschenleben. Wieso sollte die Strafe bei VW 18 Mrd Dollar sein – hier geht es nur um eine Funktionsuntüchtigkeit. Wir sollten unsere Industrie schützen und verteidigen, doch dass produziert natürlich weder tolle Schlagzeilen, Auflage oder Clicks.

  6. Auf viele Industrien wird in Deutschland „heruntergeschaut“ ( Chemie, Atom). Teilweise werden sie auch kaputt gemacht ( Eon, RWE).
    Nur die Auto-Industrie ist unsere heilige Kuh, obwohl sie zur Luftverschmutzung und Klima-Wandel vorwiegend beiträgt. Da auf einmal sieht man nur die Arbeitsplätze, die man woanders verhindert bzw. vernichtet. Seltsames Land, wo die Mehrheit der Bewohner keine Geschwindigkeits-Schilder auf Autobahnen einhalten, aber gern „Bio“ isst und man auf „Bio-Strom“ setzt. 🙂 🙂
    Fazit: Gleiches Recht wirklich für alle. Weg mit dem VW-Gesetz und keine staatliche/öffentliche Hilfe mehr für Betrügerfirmen. Egal aus welcher Branche!
    Das wäre wirklich politisch korrekt.

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