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Ramsch-Day Panik zwischen Hornhauthobel und Lotti Karotti: Amazons Prime-Day im Selbstversuch

Amazon Prime kommt mit Schnäppchen daher

Fast schon minütlich erinnert der freundliche E-Commerce-Gigant von nebenan per Push-Nachricht daran, dass heute Amazon Prime Day ist. Amazon gewährt einen Tag lang extra Rabatte für Kunden seines Vorteils-Programms. Der größte Ramsch-Day aller Zeiten ist natürlich zu allererst eine gigantische Reklame-Aktion, in der man sich als versierter E-Shopper aber auch ziemlich verlaufen kann. Ein Selbstversuch.

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So, dann schauen wir mal, was so gebraucht wird im Hause. Eine Ballpumpe von Uhlsport vielleicht für sensationelle 4,29 statt 6,99 Euro – why not? Und hier: Beim Scholl Velvet Smooth Express Pedi, elektr. Hornhautentferner spart man 50 Prozent und zahlt am Prime Day nur 19,99 Euro (es gibt den Hobel auch in extra stark/Pink).

50 Prozent! Die Zahl ist ein Aphrodisiakum für Schnäppchenfreunde. Ein Blitzangebot-Balken informiert uns, dass dieses sehr spezielle Spitzenangebot noch 5 Stunden, 34 Minuten und 46 Sekunden gilt und zu 37 Prozent reserviert ist. Was immer das bedeuten mag.

Sogar Print-Anzeigen gibt es

Der Druck ist da. Er geht nicht weg. Irgendetwas MUSS gekauft werden, schließlich ist Prime Day! Amazon hat extra für diesen tollen Tag knuddelige Computergrafiken gebastelt, die Computer-Männchen durch eine Minecraft-artige Kunstwelt wandeln lassen. Und Print-Anzeigen haben sie geschaltet. In Tageszeitungen, ganzseitige! Print! Das muss man sich mal vorstellen. Die ziehen heute aber wirklich alle Register.

Zum Beispiel auch diesen Bosch Wärmepumpentrockner für sagenhafte 489 statt 999 Euro (noch 14 Stunden!!!). Blöd halt, dass der alte Trockner noch läuft. Oder Puma Herren Boxershorts Basic Limited Black Edition 6er Pack für 28,49 statt 48,95 Euro. Es handelt sich dabei, das muss dem Laien erläutert werden, um Unterhosen, die mysteriöserweise in meiner Größe statt „black“ in der Farbe Grau-Papageien-Türkis gestreift daherkommen. Wurscht. Bei dem Preis. Warum fehlt eigentlich der Blitzangebot-Balken mit Reserviert-Prozentanzeige bei den Unterhosen? Der Kenner weiß: Es gibt einen Unterschied zwischen Prime-Day Blitzangeboten (zeitlich begrenzt) und normalen Prime-Day Angeboten. Aber was ist hier schon normal?

Shoppen zur Selbstfindung

Da Amazon über hyperintelligente Algorithmen verfügt, die jeden Klick millimetergenau auswerten und einen besser kennen als die Ehefrau oder – Gott behüte! – die Frau Mutter, sollte die Angebotspalette am Prime-Day einem vielleicht auch Aufschluss darüber geben, wer man selbst ist. Shoppen zur Selbstfindung. Da hätten wir dann also in erster Linie Fernseher, Smartphones, Rasierer, Speicherkarten, recht viel Parfüm und jede Menge Amazon-Krempel wie diverse Kindle-Apparate. Entweder ich bin ein konsumgeiles, blödes Arschloch oder dieser Algorithmus ist doch nicht so schlau, wie sie alle denken.

Nicht zu viele Gedanken machen, schnell weiterklicken. Hui, was haben wir denn hier: Das Remington MB320C Bartschneider-Set ist Bestseller Nr.1 in seiner Kategorie und hat bei 2.777 Kundenrezensionen und 177 beantworteten Kundenfragen viereinhalb Sterne. Das Ding kostet statt 39,99 nunmehr 23,69 Euro. Da kann man ja praktisch nix falsch machen. Außer man hat keinen Bart, den es zu pflegen und zu trimmen gilt. Moment, was ist das: Es gibt da noch einen Preis, nämlich 29,97 Euro. Amazon pflegt nämlich auch an stinknormalen Tagen fast alles zu reduzieren. Wir haben also den offiziellen UVP, jene „unverbindliche Preisempfehlung“ des Herstellers, die jeder auch nur halbwegs routinierte Shopper höhnisch lachend in die Kategorie Science Fiction einzusortieren pflegt. Wir haben zweitens den Amazon-Normalpreis und den Amazon Prime-Day-Preis. Die sagenhaften Rabatte werden natürlich zwecks verschärfter Kunden-Beeindruckung vom UVP runter gerechnet. 41 Prozent Ersparnis klingen halt gleich nochmal doppelt so sexy wie öde 20,9 Prozent.

Was brauche ich persönlich gerade jetzt so?

Weiter empfohlene Angebote sind u.a.: Durex Kondome (0,60 Euro das Stück), ein Lotti Karotti Nerv-Spiel, die „Ich bin dann mal weg“ BluRay (hallo, Algorithmus, hallo!? Geht’s noch?), einen Jack Wolfskin Kinder-Rucksack, eine Wiso Steuer-Spar-CD, ein Handrührer und ein Mannesmann Mini-Alu-Kompressor 140 PSI (erst 2 Prozent reserviert!). Die bei Amazon wissen vielleicht nicht so genau, was ich persönlich gerade jetzt so brauche, aber den deutschen Durchschnitts-Konsumenten bekommen sie scheinbar ganz gut abgebildet.

Zugreifen oder nicht zugreifen, das ist hier die Frage. Wenn man es nur wüsste. Schon ploppt die nächste Werbeanzeige auf – diesmal digital – und offeriert den Amazon Sport-Sommer-Sale mit happigsten Rabatten von bis zu 70 Prozent. 70 Prozent!!! Druck, Stress, Prime-Panik. Da kann nur eines helfen: WBP 5-HTP 200mg – 90 vegetarische Kapseln für nur 11,99 statt 15,84 Euro („Hilft zur Steigerung der Serotonin-Level, das wiederum hilft gegen Depression, Schlaflosigkeit, Angst, Spannung und lindert Heißhunger für ungesunde Lebensmittel“). Null Prozent reserviert. Blitzangebot endet in 1 Stunde, 51 Minuten und 41 Sekunden.

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Kommentare

  1. Mich hats erwischt. Habe gestern definitiv mehr Zeit auf Prime Day verbracht, als alle Ersparnis rechtfertigt. Und abends, als ich bereits im Bett lag, fiel mir ein, dass Sohnemann ein Notebook braucht … und Bingo. Gekauft ist ja noch nicht Nicht-Zurückgegeben. Wobei die Rezensionen gut sind und der Preis rund 30 % off. Dazu noch ein T-Shirt und ein Hoodie. Irgendwie furchtbar Konsum-getrieben das Ganze, aber mit einem interessanten Ende: Nur dadurch sah ich gestern noch eine E-Mail von einem Geschäftsführer eines großen Sporthändlers, mit dem ich heute früh ganz spontan ein Interview geführt habe. Thema: Wie wehrt man sich gegen Amazon…

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