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Niko Paech: „Wir brauchen eine Wachstumsentzugskur“

Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum zählt zu den Forschungsschwerpunkten von Niko Paech, der an der Universität Oldenburg auch Postwachstumsökonomik lehrt. Der ehemalige Unternehmensberater ist außerdem Mitgründer des „Center for Sustainablility Economics and Management“ und Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie. Mit dem streitbaren Volkswirt sprach absatzwirtschaft-Redakteur Thorsten Garber.

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Herr Paech, ist es ganz in Ihrem Sinne, dass Unternehmer für grüne Technik jetzt vermehrt im Internet über Crowdfunding-Plattformen private Geldgeber finden?

NIKO PAECH: Das hat mit meinem Ansatz von Wirtschaften ohne Wachstum nichts zu tun. Ich habe nichts gegen kreative Unternehmen, aber das Erschaffen neuer Nischen auf Basis grüner Technik ist kein gangbarer Weg. Wir brauchen eine Wachstumsentzugskur. Technik kann Ethik nicht ersetzen. Das Gebot der Stunde lautet, Strukturen jenseits der Märkte mit anderen Versorgungsmustern zu schaffen. Ich rede von einem dualen System mit Formen urbaner Subsistenz. Dazu gehört etwa die Eigenproduktion von Lebensmitteln, die gemeinschaftliche Nutzung von Gütern und eine Verlängerung der Nutzungsdauer von Produkten und häufiger deren Reparatur.

Bürger als Treiber von neuen Ansätzen – ist dieses Modell auf Felder zum Gemeinwohl übertragbar?

PAECH: Der Ansatz hat sein Gutes, aber meines Erachtens können sich Bürger besser an Genossenschaften beteiligen. Nach dem Muster „one man, one vote“ gibt es dort für jeden Beteiligten eine Stimme. Auch solche Unternehmen brauchen ein Management und sind keine sozialistische Veranstaltung. Und der Demokratisierungsgrad und die Transparenz bezüglich der Verwendung des Kapitals sind hoch. Crowdfunding ist ein altes Modell, weil es immer um Rendite geht. Sharing- und Hilfsnetzwerke im Internet sind zu begrüßen, wenn sie entkommerzialisiert sind und geringe Transaktionskosten verursachen.

Das Internet hat ja schon in einigen Bereichen der Wirtschaft eine Art „Demokratisierung“ in Gang gesetzt, wenn etwa Communitys wegen Missständen einen Shitstorm über Unternehmen hereinbrechen lassen. Wirken solche Mechanismen nachhaltig auf die Wirtschaftsethik?

PAECH: Ich denke schon. Firmen beschäftigen sich ja schon heute intensiv mit Corporate Social Responsibility und brauchen künftig verstärkt neben der Marktakzeptanz auch die gesellschaftliche Legitimation. Quasi eine „licence to produce“. Alle Medien dienen hier als Verstärker, sie sind ein nützliches Instrument.

Sie lehnen grundsätzlich auch grünes oder nachhaltiges Wachstum ab und fordern ein neues Wirtschaftssystem. Konsum erzeugt laut Glücksforschung aber Wohlbefinden.

PAECH: Grünes oder nachhaltiges Wachstum ist per se falsch, weil diese Konzeption in unlösbaren Widersprüchen endet. Grüne Technik etwa, die nie ohne Umweltschäden zu haben ist, kann nicht in Ordnung sein. Bei jeder zusätzlichen Windkraftanlage oder bei jedem Elektroauto addieren sich durch Produktion und Entsorgung weitere Umweltschäden hinzu. Weiteres Wachstum in dem Sinne ist abzulehnen. Selbstverständlich stiftet Konsum auch Sinn. Nichts wäre dümmer, als das zu verneinen. Aber das Maß für glücksfördernden Konsum ist überschritten. Wir sprechen heute von Konsumverstopfung und sogar von Konsum-Burn-Out.

Das Überangebot an Konsum macht also krank?

PAECH: Eine zeitökonomische Theorie des Konsums zeigt uns: Menschen können nicht glücklich konsumieren, wenn ihnen die pro Konsumaktivität mindestens notwendige Zeit und Aufmerksamkeit fehlt, die man den Dingen widmen muss. Zeit ist mittlerweile eine knappe Ressource, die zum Engpassfaktor für das Glücksuchende Subjekt geworden ist. Und Multitasking funktioniert nicht, denn mit mehr als zwei Dingen gleichzeitig können wir uns nicht beschäftigen.

Das bedeutet?

PAECH: In einer Wachstumsökonomie versinken wir in einer Flut der Möglichkeiten, die wir nicht mehr glückstiftend verarbeiten kann. Besser wäre es also, sich auf wenige Dinge zu konzentrieren und andere Dinge als sowieso nutzlos für uns beiseite zu lassen. Der Lustgewinn über eine Reduktion der Ansprüche an materielle Besitztümer lässt sich sogar als Ökonomische Rational darstellen. Das können Sie sogar mathematisch errechnen.

Zahlen sind sicher wichtig, aber welches Argument würden Sie Konsumenten noch vor Augen führen?

PAECH: Reduktion ist Selbstschutz. Wir sind doch überfordert. Eine Studie hat ergeben, dass ein Bundesbürger durchschnittlich 10.000 Dingen besitzt. Dienstleistungen kommen noch hinzu. Wie sollen das verarbeiten, wenn einerseits jedes Ding seine Zeit verlangt, der Tag aber andererseits nur 24 Stunden hat? Reduktion heißt, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, für man dann auch die Zeit hat. Das hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern wertet die nach der Entrümpelung verbliebenen Optionen ja sogar auf.

Welchen nachhaltigen Lebensstil von Konsumenten halten Sie für akzeptabel?

PAECH: Wie können die beschränkten Umwelt- und Zeitressourcen dahingehend verbinden, dass beides auf denselben Fluchtpunkt verweist: Reduktion! Nehmen wir nur die Klimaschutzvorgabe der EU mit ihrem Zwei-Grad-Ziel. Danach dürfte jeder Mensch auf unserem Planeten nur noch 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen. Jeder kann sich aussuchen, wofür er diese Mengen verbraucht. Ohne die von mir vorgeschlagenen Subsistenz- und Suffizienzstrategien ist das 2,7-Tonnen-Ziel nicht erreichbar. Der einfachste und wichtigste Schritt würde darin bestehen, Autos und vor allem Flugreisen radikal zu reduzieren. Die grüne Technik kann nur helfen, wenn vorher die Nachfrage reduziert wird, denn auch sie ist nicht Umweltschäden zu haben und braucht deshalb Grenzen, z.B. eine Flächenmoratorium.

„Arbeit muss flexibler sein“

Wie sollten Unternehmen agieren?

PAECH: Zu allererst sollten sie ihr Personalmanagement anpassen: Arbeitszeitverkürzungen, Umverteilung von Arbeit und die Flexibilisierung der Arbeit sind künftig unvermeidbar. Die Krisen in Griechenland und in der Bankenbranche sind nur Vorboten. Jedes Unternehmen und die Gesellschaft müssen sich fit machen für eine Wirtschaft ohne Wachstum. Ich rate zudem jeder Firma dringend dazu, ihre Supply-Chain zu überprüfen, zu deglobalisieren und auf lokale Wertschöpfung zu setzen. Drittens sollten Inhaber und Manager über die Finanzierung und Unternehmensform nachdenken. Anleger brauchen mehr Transparenz und Kontrolle. Eine Postwachstumsökonomie ist unvereinbar mit hohem Renditestreben. Genossenschaften halte ich dabei für geeigneter als Aktiengesellschaften. Bei der GLS Bank ist einiges schon gut umgesetzt.

Weil sich die Interessen von Anlegern und Kunden decken?

PAECH: Genau. Im Dualitätsprinzip sind Kunden auch Anleger. Das bedeutet für Unternehmen, zwei feste Beziehungen aufzubauen. Und zwar mit dem Ziel, Anreize zu schaffen, die nicht nur auf Renditen zielen.

Klingt danach, als ob das Verhältnis von Unternehmen zu Stakeholdern im Wandel begriffen ist.

PAECH: Absolut. Es wird künftig auch andere demokratische Organisationsformen neben den Genossenschaften geben. Auf zukunftsgerichtete Unternehmen kommt ein Prosumenten-Management zu: Wenn die Menschen im Durchschnitt nur noch 20 Stunden Arbeit haben, dienen die freigestellten 20 Stunden der urbanen Subsistenz, insbesondere der eigenständigen Instandhaltung und Reparatur von Produkten. Das verlangt auch ein neues Produktdesign mit einfacher Reparaturfähigkeit. Es wird zum Wettbewerbsvorteil, Kunden darin zu schulen. Ein Händler, der mir empfiehlt, nicht alle fünf Jahre ein neues Laptop anzuschaffen, sondern anbietet, dass im Preis für das Gerät ein vierstündiger Prosumenten-Kurs enthalten ist, in dem ich bei Kaffee und Kuchen lerne, manche Reparatur selbst vorzunehmen – dieser Händler hätte bei dem Produkt echte Verkaufsvorteile. Ein solcher Hersteller würde neben Produkten und Service neuerdings Kompetenzen verkaufen, die zur Selbstversorgung befähigt. Damit wird auch die Logik der geplanten Obsoleszenz umgekehrt.

Werbung müsste für Sie verzichtbar sein. Obwohl Sponsoren auch Kultur fördern?

PAECH: Das stimmt, Werbung schafft einerseits Probleme und bedürfte der Einschränkung. Vor allem Kinder und Jugendliche müsste man stärker davor schützen. Das Marketing hat heute eine Vielzahl von Kanälen zur Verfügung. Und auf allen werden neue Bedarfe erzeugt. Andererseits kann ein an Prosumenten- oder Co-Produzenten orientiertes Marketing nützlich sein, wie es schon von Ursula Hansen vom Lehrstuhl für Markt und Konsum in Hannover gut beschrieben wurde. In der Nachhaltigkeitskommunikation bietet das Marketing auch Lösungen, um für das Thema zu sensibilisieren. Alle Probleme also nur auf die Werbung zu schieben, ist falsch.

Wen trifft dann Schuld?

PAECH: Sicher erzeugt Werbung einen Stimulus durch die Vielzahl der Instrumente des Marketings. Aber unser Kaufverhalten wird durch soziale Interaktion beflügelt. Kurzum: Unsere Umgebung ist prägend. Wir streben nach kultureller Kompatibilität. Was die Menschen in meiner Umgebung vorleben, beeinflusst mich mindestens so wie die Werbung. Schauen Sie auf unsere Schulhöfe und ihren Einfluss auf den Status beim Handybesitz. Gäbe es einen Konsens zwischen Eltern und Lehrern über einen handyfreien Schulhof, würde dieser Einfluss fehlen.

Warum sind Sie davon überzeugt, dass Unternehmen und Kunden künftig stärker die individuelle Lebensqualität und mehr Gemeinwohl ins Zentrum des Wirtschaftens stellen?

PAECH: Weil eine hohe Lebensqualität eine Befreiung vom Überfluss voraussetzt. Und diese Logik eilt der Umsetzung einer Postwachstumsökonomie zur Hilfe. Außerdem schützt dieser Wandel im Sinne eines vorweggenommenen Reaktionsmusters vor den Folgen der unausweichlichen Krisen. Aus den katastrophalen Krisen haben wir nichts gelernt; die Finanzbranche wurschtelt munter weiter, und die Politik tut nichts dagegen. Insofern sind wir einem nicht steuerbaren Schicksal ausgeliefert, das wir nur durch Resilienz meistern können. Resilienz heißt, wenn zu brauchen und dieses Wenige möglichst autonom und in sozialen Netzen selbst zu gestalten.

Das klingt schwarzseherisch.

PAECH: Denken Sie nur an Peak Oil oder gar Peak Everything! Die Ressourcenverknappung wird uns keine andere Wahl lassen, als anders mit Arbeitszeit, Produktion und Konsum umzugehen. Im entkommerzialisierter Tauschbeziehungen wird soziales Kapital zu einem Substitut für Industrieproduktion. Wenn sich auf dieser Grundlage jeweils drei Leute ein Auto teilen, kann die Produktion gedrittelt werden.

Das hört sich zumindest nach dem Untergang der alten Wirtschaft an.

PAECH: Das alte Industriesystem kollabiert nur dort, wo die Resilienz fehlt. Ein Teil der industriellen Produktion wird die Krisenselektion überleben, sich anpassen und durch urbane Subsistenz, also ein modernes Prosumententum ergänzt. Eigene Zeitressourcen infolge einer 20-Stunden-Woche, soziales Kapital für Tauschbeziehungen und handwerkliche Fähigkeiten bilden die drei neuen Produktionsfaktoren. Auf diese Basis sind Gemeinschaftsnutzung, eine Reparaturrevolution und eigene Produktion – denken wir an Gemeinschaftsgärten – möglich. Psychologen bestätigen, dass die damit gesteigerte Selbstwirksamkeit des Einzelnen der Entfremdung und psychischen Überlastung vorbeugt. Ein Gradmesser für den Erfolg der Postwachstumsökonomie wird sein, dass die Anzahl der Antidepressiva-Verschreibung, die innerhalb der letzten Dekade verdoppelt wurde, prägnant sinkt.

Dieses Interview mit Prof. Paech ist in verkürzter Form in der aktuellen absatzwirtschaft mit dem Schwerpunkt „Was Werbung leistet“. Das aktuelle Heft können Sie im Onlineshop bestellen.

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