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Niedrige Standards trotz hoher Erwartungen: Wie Rewe und Co. Bio zur Massenware machen

Bei Rewe gilt der Grundsatz: Wo Bio draufsteht, ist auch Bio drin. Dem wird das Handelsunternehmen auch gerecht. Durch schockierende Bilder von Massentierhaltung in der Biofleischproduktion stellt sich allerdings die Frage, was Bio überhaupt wert ist. Das Problem liegt nicht bei Rewe, sondern bei den niedrigen Standards für Bioprodukte.

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Von Anne-Kathrin Keller

Bioprodukte boomen: 6,6 Milliarden Euro haben die deutschen Konsumenten im vergangenen Jahr für Nahrungsmittel mit Bio-Siegel ausgebeben. Die Umsätze 2012 sollten dies noch überbieten. Früher nur in Reformhäusern, Märkten und speziellen Biosupermärkten vertreten, haben es die Biolebensmittel als Massenprodukte in die Regale von Supermärkten und Discountern geschafft und sorgen bei deren Betreibern für satte Gewinne.

Wie in der vergangenen Woche an dieser Stelle berichtet, ist der Handelskonzern Rewe einer der Marktführer in der Biosparte. Das Unternehmen hat Bio massentauglich gemacht. Rewe hat eine eigene Bioproduktlinie und erfüllt nicht nur die vorgegebenen Biomarktstandards und Zertifizierungen, sondern geht häufig über diese Standards hinaus. Das klingt lobenswert und lässt sich gut vermarkten. Der Kunde könnte ruhigen Gewissens einkaufen gehen. Das Problem ist: Die Standards sind längst nicht so streng, wie der Konsument glaubt und das Handelsunternehmen suggeriert.

Das neue Bio der Supermarktketten

Die ARD hat die Produkte in ihrer Sendung „Wie billig kann Bio sein?“ in der vergangenen Woche auf den Prüfstand genommen. Zu sehen waren schockierende Bilder von Massentierhaltung, federlose Hühner, unterbezahlte Landwirte und Ressourcenverschwendung bei der Produktion. Die Aussage der Kritiker: Mit dem Einstieg der Discounter wie Lidl und Aldi sowie von Edeka und Rewe in den umsatzträchtigen Bio-Markt ist ein neues Bio geschaffen worden, das ohne gegen EU-Richtlinien zu verstoßen immer billiger produzieren will und damit weit weg geht von dem ursprünglichen Bio-Verständnis.

Doch wird jeder Verbraucher, der zu günstigen Bio-Lebensmittel aus dem Supermarkt greift, für dumm verkauft? Scheinbar schon, wenn man sich die Protestwelle nach der ARD-Sendung betrachtet. Unter anderem Rewe wurde stark angegriffen und die Glaubwürdigkeit des Unternehmens in Frage gestellt.

Tatsächlich glauben die Verbraucher durch Bioprodukte – wie beispielsweise aus dem Rewesortiment – viel mehr Bio zu bekommen als tatsächlich dahintersteht. Hinzu kommt das altbekannte Problem, dass der Verbraucher den Preis nicht hinterfragt. Biokartoffeln, die nur wenige Cent teurer sind, als herkömmliche Kartoffeln, können gar nicht so viele Standards erfüllen, wie der Verbraucher sich wünschen würde.

Niedrige Standards für Zertifikate

Fakt ist aber auch, dass die Supermarktketten mit ihren Biosiegeln gegen keinerlei Richtlinien verstoßen. Der Verbraucher wird nicht betrogen. Das Problem liegt in den niedrigen Standards, die für Bioprodukte herrschen. Wirklich schwer hat es die Rewe nicht besser zu sein als der Branchenstandard. Biogerecht Haltung von Legehennen bedeutet beispielsweise, dass die Tiere eine zusätzliche Außenfläche von vier Quadratmetern zu ihren Legestellen bekommen. Das klingt besser als Massentierhaltung, hat aber wenig mit den Bildern zu tun, die in den Köpfen der Verbraucher existieren: Hühner, die den ganzen Tag frei auf einem idyllischen Bauernhof spazieren, Schweine, die sich auf weiten Feldern im Schlamm suhlen.

Das Dilemma: Bio darf, wenn es etwas bewegen soll, keine Marktnische sein. Gleichzeitig geht aber durch den Eintritt der Supermarktketten das ursprüngliche Bioverständnis verloren. Gleichzeitig ist die Nachfrage so groß, dass Produkte aus dem Ausland importiert werden müssen. Die Discounter, Rewe oder Edeka schaffen mit ihrem Biosortiment nichts Negatives, für das sie vom Verbraucher abgestraft werden sollten. Daher appellieren Verbraucherschützer an die Regierung, endlich die Kriterien für das Gütesiegel zu verschärfen. Ganz aus der Schusslinie der Kritik, sind die Handelsunternehmen dennoch nicht. Sehr wohl sollten sie über die Standards, die sie erfüllen aufklären.

Vor allem geht es darum in der Werbung nicht falsche Bilder von blühenden Wiesen oder lächelnden Schweinen zu nutzen. Diese Bilder sind ein Versprechen, das sie weder halten noch halten können und die zudem negativ auf sie zurückfallen können. Was bisher fehlt ist ein klares Bekenntnis, der meisten Supermärkte dazu, Standards voranzutreiben und in diesem Sinne tatsächlich Bio zu sein und Produktionsketten verbessern zu wollen. Die meisten handeln minimalistisch, erfüllen gerade die Standards, üben gleichzeitig Preisdruck auf Biobauern aus und schöpfen so die Gewinne ab, die der Markt ihnen bietet.

Letzte Woche nahm der NDR-Markencheck Rewe unter die Lupe. Die Journalisten suchten den Skandal, fanden ihn aber nicht. Lesen Sie hier unsere Geschichte dazu: Markencheck im NDR – Rewe lässt kein Raum für Skandale

Lesen Sie morgen: Der große NDR-Markencheck überprüft die Telekom.

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