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Medien stabilisieren den Alltag Jugendlicher

Die Jugend gibt im Jahr 2010 ein verblüffendes Bild ab. Sie präsentiert sich sehr erwachsen, kontrolliert und vernünftig. Das für die Jugend typische Wechselspiel zwischen Ordnungs-Suche und anarchischer Rebellion gegen alle kulturellen Ordnungen ist derzeit blockiert. Junge Menschen sehnen sich in erster Linie nach Stabilität. Sicherheit finden sie in der Flucht in eine abgesteckte und verlässliche Biedermeier-Welt. Bildung, Karriere und ein hoffentlich gutes Einkommen stehen hoch im Kurs. Dies sind zentrale Ergebnisse der aktuellen Studie zur Jugendkultur des Rheingold-Instituts, die alle acht Jahre neu aufgelegt wird.

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Basis der Erhebung sind 100 Tiefeninterviews mit gleichermaßen weiblichen wie männlichen Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren. 40 Prozent der Befragten sind Auszubildende, 30 Prozent Angestellte, 20 Prozent Arbeiter und zehn Prozent Studenten. In den von ihnen gezeichneten Entwürfen werde der Generationskonflikt nicht offen ausgetragen. Eine große Anpassungs-Bereitschaft, persönliche Beweglichkeit und Pflichtbewusstsein würden von Jugendlichen ebenso als Garanten eines erfolgreichen und abgesicherten Lebens angesehen wie ein breites Kompetenz-Spektrum. Psychologisch verstehbar sei diese Lebens-Haltung nur vor dem Hintergrund einer veränderten Lebenswirklichkeit, die aus Sicht der Jugendlichen durch eine ungeheure Brüchigkeit und ständige Erschütterungen geprägt sei.

Das lange Zeit sichere und berechenbare Versorgungs-Paradies Deutschland hat laut Studie Furcht erregende Risse bekommen. Das Lebensgefühl der Jugendlichen sei daher stark von Krisen geprägt – im gesellschaftlichen wie familiären Rahmen. Jeder Jugendliche habe es entweder in seiner eigenen Familie oder in seinem Umfeld mit Trennungen zu tun gehabt. Viele lebten in Patchworkfamilien oder mit der allein erziehenden Mutter. Aber auch in den noch „intakten“ Familien werde häufig die mangelnde Präsenz oder Verlässlichkeit der Väter beklagt. Eine sichere und tragfähige Basis fänden die Jugendlichen aber auch nicht in der Gesellschaft, die durch immer neue Krisen erschüttert werde und die weder klare Leitlinien noch eine glaubwürdige Zukunftsperspektive biete. Hartz IV sei daher für junge Menschen zum Sinnbild eines persönlichen Einbruchs- und Loser-Schicksals geworden, das jedem jederzeit drohen könne.

Indem sie an Unzuverlässigkeit und Ohnmacht litten, empfänden Jugendliche eine verzweifelte Wut auf die Unbeständigkeit der Welt. Diese Wut könne jedoch oft nicht kanalisiert werden. Denn weder tolerante oder kumpelhafte Eltern noch die oft hilflos wirkenden Politiker eigneten sich als Sündenbock oder Feindbild. Immer wieder hätten die Jugendlichen daher von Eskapaden aus ihrer eigenen wilden Teenager-Zeit erzählt und dass sie mit 16 oder 17 Jahren an einen Wendepunkt gelangt seien. „Mir wurde klar, wenn ich mein Leben jetzt nicht ändere, lande ich im Abgrund.“ Diese „vernünftige“ Selbstdisziplinierung diene den Jugendlichen als seelischer Rettungsfallschirm, der die panischen Absturz-Ängste bannen und die eigene Wut dämpfen soll.

Viele junge Menschen entwickelten eine fast manische Suche nach festen und Halt gebenden Ordnungen und Regelwerken. Werte wie Pünktlichkeit, Disziplin, Höflichkeit oder Respekt vor Älteren gälten nicht mehr als spießig, sondern als Garanten für die oft vermisste Sicherheit und Verlässlichkeit. Chaos, Unordnung oder Überraschungen seien dagegen suspekt und weckten diffuse Ängste. Man wolle am Vorabend bereits genau wissen, was der neue Tag bringe und wie er ablaufe. Größter Beliebtheit erfreuten sich daher Serien im Fernsehen oder die täglichen Kontakt- oder Informations-Rituale im Internet speziell auf Facebook. Und Finanzprodukte wie Versicherungen oder Bausparverträge würden als ernst zu nehmende Möglichkeiten der Zukunftsplanung angesehen.

Für den Lebensbereich Partnerschaft fand die Rheingold-Jugendstudie heraus, dass Treue und Verlässlichkeit mehr zählen als überbordende Leidenschaft mit ihren plötzlichen Umschwüngen. Man wolle wissen, wo der Partner gerade sei und was er genau mache. Ein stark reglementierter Beziehungs-Alltag mit eheähnlicher Struktur sei die Folge. In der Ernährung, im Umgang mit Alkohol und Zigaretten sei ebenfalls eine starke Disziplinierungs- und Mäßigungs-Tendenz zu beobachten. Man versuche, sich gesund zu ernähren und Sport zu treiben. Während der Woche werde eher wenig Alkohol getrunken und wenig geraucht. Selbst die erklärten Raucher hätten eine Fülle von Regeln und Vorgaben entwickelt, die das eigene Rauchverhalten einschränkten. Überwiegend begrüßt würden die Gesetzesvorgaben des Nichtraucherschutzgesetzes. Die starke Selbstreglementierung erzeuge allerdings auch immer wieder eine Art Absturz-Sehnsucht. Vor allem an Wochenenden werde der Wunsch stark, diese ganzen Einschränkungen zu sprengen. Es würden dann regelrechte Wochenend-Ausbrüche gestartet. Man schieße sich mit Alkohol ab, rauche Unmengen Zigaretten oder liege den ganzen Tag im Bett, um zu chillen.

Die Vorstellung eines permanent drohenden Absturzes motiviere die Jugendlichen, sich durch Fleiß und Leistungsbereitschaft dagegen zu schützen. Sie investierten viel Zeit in ihre Ausbildung. Bereits in der Schulzeit begönnen sie, sich ein ganzes Arsenal von (zertifizierten) Fertigkeiten, Ausbildungen und Kompetenzen zu beschaffen: Praktika, Fremdsprachen-Kenntnisse, Auslands-Aufenthalte, Zusatz-Qualifikationen. Allerdings würden diese Kompetenzen häufig sehr wahllos, maßlos oder schematisch gehamstert. Denn die Jugendlichen hätten meist kein klares Bild, was aus ihnen werden solle. Die Auswahl des Rüstzeugs entspringe nicht einem flammenden Interesse oder der Liebe zur Sache. Und immer bleibe die Sorge, es könnte noch eine Qualifikation fehlen.

Den Opfern und Verlierern der Gesellschaft werde Verachtung statt Solidarität entgegengebracht – häufig selbst von Jugendlichen, die sich als eher links charakterisierten. Diese rigide Distanzierung von den Verlierern ermögliche es ihnen, die Illusion eigener Kontrolle über das Lebens-Schicksal aufrecht zu erhalten. Man müsse nur den Nachweis erbringen, dass die Loser selbst schuld an ihrem Los seien. Auch für die leistungswilligen Jugendlichen ist es der Studie zufolge bedeutsam, einen Schon- und Schutzraum zu haben, der ihnen Geborgenheit vermittele. Dieses Urvertrauen, jenseits aller Absturz-Ängste gehalten zu werden, fänden die Jugendlichen vor allem bei den Müttern, aber auch bei den Medien, die ebenfalls eine Stabilisierungs-Funktion erfüllten. Rund um die Uhr würden sich die Jugendlichen mit diversen Medien wie Radio, Fernsehen, Internet oder Handy regelrecht umhüllen. Verstörende Leerstellen im Alltag, in denen man sich auf sich allein zurückgeworfen sehe, könnten so vermieden werden. Vor allem Plattformen wie Facebook oder StudieVZ würden im Sinne einer ständigen Anbindung und Kommunikations-Zufuhr genutzt. Neben den zahllosen virtuellen Kontakten gewönnen jedoch einige wenige „leibhaftige“ Freundschaften wieder stärker an Bedeutung.

www.rheingold.de

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