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„Bis vor ein paar Jahren funktionierte die deutsch-französische Lokomotive sehr gut. Aber Deutschland ist schneller vorangekommen“

Am Sonntag treten Emmanuel Macron und Marine Le Pen in der Stichwahl in Frankreich gegeneinander an. Umfragen sagen einen Sieg für Macron voraus. Professor Andreas Kaplan, Rektor der Wirtschaftshochschule ESCP Europe Berlin, spricht im Interview mit der absatzwirtschaft über das große Potenzial von Marine Le Pen durch die sozialen Medien, die hermetische Elitenbildung im französischen Bildungssystem und den "französischen Kennedy" Emmanuel Macron

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Herr Kaplan, ein solch hoher Zuspruch für Le Pen in Frankreich löst in Deutschland Verwunderung aus. Wie konnte es dazu kommen, woher kommt der Erfolg des Rechtspopulismus in Frankreich?

ANDREAS KAPLAN: In Frankreich sind 25 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Im März hat die Arbeitslosigkeit den höchsten Stand seit zehn Monaten erreicht. Über alle Schichten hinweg liegt die Arbeitslosigkeit bei circa 10 Prozent – für Frankreich ein hoher Wert. Die Menschen sehen, dass es in Deutschland besser läuft und verstehen nicht, warum das in Frankreich nicht auch so sein kann. Marine Le Pen bedient genau das. Sie macht Politik für den kleinen Mann und setzt auf Populismus. Dazu kommt, dass eine große Zahl von Wählern den etablierten Parteien und den als korrupt betrachteten Politikern nicht mehr trauen.

Das heißt, der „kleine Mann“ wählt Le Pen? Ist es dann vielleicht ein wenig wie: Bildungsbürgertum versus ländliche Bevölkerung?

Das kann schon sein. Bei Le Pen gibt es eine ganz klare Wählerschicht. Es sind die sozial Schwächeren, dafür sehr viele junge Wähler. Frankreich hat circa 25 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Da schöpft sie mit Hassparolen einen großen Anteil an Wählern. Dazu wählen sie viele Arbeitslose in Ostfrankreich, wo traditionell die Schwerindustrie saß und im Süden, wo es mehr Migrationsprobleme gibt. Man nennt diese Menschen auch die „Vergessenen“. Sie sind die Außenseiter, wie bei Donald Trump auch.

Was macht sie anders als andere Politiker? Ist es der Trump-Weg?

Der Weg ist ähnlich, ja. Sie setzt klar auf soziale Medien, um mit dem Wähler direkt in Kontakt zu treten. Le Pen braucht die klassischen Medien nicht mehr. Früher wurde über die Medien viel richtig gestellt, gefiltert oder direkt Fakten gecheckt. Heute können alle Kandidaten ungefiltert alles in die Welt hinaustragen. Dieser Weg hat auch bei Trump gut funktioniert. Wenn ein Wähler also Marine Le Pen über Facebook liked, bekommt dieser vermehrt Inhalte dieser Kandidatin ausgespielt. Somit sieht der User keine anderen Sichtweisen oder Meinungen mehr. So entsteht ein gewisser Draht zum Kandidaten. Die Front National war auch die erste Partei, die eine Webseite hatte. Schon 1996 stellten sie eine Webseite online, als noch keiner an soziale Netzwerke gedacht hat. Sie wussten also schon früh, wie man Wähler erreicht.

Dazu bestimmt Le Pen, welche Medien wann und wie über sie berichten dürfen, richtig?

Wenn die Medien schlecht über sie berichten, schafft sie es, die Medien bei ihren Wählern als Lügenpresse darzustellen. Denn ihrer Meinung nach sei kein Gleichgewicht in der Berichterstattung vorhanden. So „erschafft“ sie den Eindruck, dass alle Medien generell gegen sie sind. Das gesamte System ist gegen sie. In Frankreich gibt es eine strikte Reglementierung: Jeder Kandidat bekommt gleich viel Gehör – das hat man auch beim TV-Duell gesehen. Obwohl Le Pen die Medien nicht gut behandelt, müssen diese aber gleich viel über die rechtspopulistische Kandidatin berichten und neutral bleiben.

In einem aktuellen Artikel der Zeit stand, dass Frankreich und Deutschland über Jahrzehnte gute Partner sind. Marine Le Pen redet aber viel von der Unterwürfigkeit Frankreichs. Woran liegt es, dass Deutschland immer wieder als Sündenbock dasteht?

Sie sagt auch ganz klar, sie wird nicht die Vizekanzlerin von Frau Merkel (lacht). Im ernst: Franzosen haben Nationalstolz. Bis vor ein paar Jahren funktionierte die deutsch-französische Lokomotive sehr gut. Aber Deutschland ist schneller vorangekommen und Frankreich musste abgeschlagen zusehen, wie die deutsche Wirtschaft weiter wächst. Dazu gibt es die Arbeitslosigkeit im Land und die Staatsausgaben laufen auch nicht rund. Es ist eine Hassliebe, die hier entstand und ein wenig Neid. Und dann kommt jemand, der sagt, dass Frankreich ohne die EU besser dastehen würde und man Deutschland als Partner nicht mehr braucht. „Frankreich first“ ist eben ein prägnanter Schlachtruf.

Warum ist sie nur unterschwellig rechtspopulistisch und nicht so offensiv wie ihr Vater?

Sie hat ihren Vater auch extra deswegen aus der Partei geschmissen. Wenn sie sich komplett gegen Ausländer stellt, bekommt sie niemals eine 50-prozentige Mehrheit, die sie braucht. Deswegen hetzt sie auch nicht offensiv gegen diese, sondern verpackt es in Sätze wie „Menschen, die nicht die französische Staatsbürgerschaft annehmen wollen“ und rüttelt damit am Nationalstolz ihrer potenziellen Wähler. Es handelt sich ja in Frankreich jetzt um die sogenannte Stichwahl. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass der Präsident mit der absoluten Mehrheit der abgegebenen Stimmen gewählt wird.

Kann sie das schaffen?

Ich hoffe nicht. Ich glaube es nicht. Vor allem weil sie in der TV-Debatte nicht gut war. Rhetorisch ist sie zwar sehr gut, aber sie konnte nicht durch Fakten glänzen. Jetzt kommt es auf die Wahlbeteiligung an. Die lag in den letzten Jahren nur bei 70 Prozent, was für Frankreich wenig ist, wenn man sich die alten Zeiten anschaut. Beim Kampf Le Pen Chirac lag die Wahlbeteiligung bei 80 Prozent und Chirac gewann mit 82 zu 18 Prozent. Damals wollte man der Welt zeigen, dass man nicht rechts ist. In Frankreich hat der Präsident sehr viel Macht und das Parlament weniger. Heute wählen wohl auch viele Macron, weil sie Le Pen nicht an der Spitze sehen wollen.

Was zeichnet Macron aus? Was macht ihn zu einer besonderen Marke?

Herr Macron hat ein – je nach Betrachtungswinkel – ganz anderes Image. Außerhalb Frankreichs ist das der junge Aufsteiger, der Parteienlose, der es sehr schnell nach oben geschafft hat. Viele betiteln ihn als den französischen Kennedy, der Retter Europas. Innerhalb Frankreichs ist das Bild von Macron ein anderes: Dort ist er eher der aus der politischen Elite. Er war an der Elitehochschule ENA, aus der drei der letzten fünf Präsidenten kamen. Dann hat er noch etwas Glück gehabt, weil bei den Parteien alles falsch gelaufen ist, was nur falsch laufen kann. Er steht für eine klare Europapolitik, aber ist auch jung und unerfahren, was wir hier gut finden, in Frankreich sieht man das mit Bedenken. Aber: Viele Leute wählen ihn, um Frau Le Pen nicht wählen zu müssen, oder gehen einfach nicht zur Wahl. In Paris wird jetzt schon demonstriert, weil die Leute schon unzufrieden mit den beiden Kandidaten sind– bevor der endgültige Präsident überhaupt feststeht. Das gab es in dieser Art noch nie.

Über Prof. Andreas Kaplan: Andreas M. Kaplan habilitierte an der Sorbonne und erlangte den Doktorgrad an der Universität zu Köln und der HEC Paris. Während der Dissertation führte ihn ein Forschungsauftrag an das INSEAD in Fontainebleau. Andreas M. Kaplan hat den Master of Public Administration (MPA) an der École Nationale d’Administration (ENA, französische Hochschule für Verwaltungswissenschaften) in Straßburg abgeschlossen, einen M.Sc. in Management an der ESCP Europe und einen B.Sc. an der Ludwig-Maximilians-Universität München erlangt. Der Forschungsschwerpunkt von Andreas Kaplan liegt im Bereich Social Media und der digitalen Welt. Mit über 12.000 Nennungen auf Google Scholar und mehr als 100 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, den Großteil davon in führenden nationalen und internationalen Fachzeitschriften, wird Professor Kaplan unter den Top 50 Business und Management Autoren weltweit gelistet, nach John Wiley & Sons.

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