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Vom Imitator zum Innovator in der Automobilwirtschaft: Was Deutschland von China lernen kann – und muss

Wolf Ingomar Faecks, Senior Vice President und Industry Lead Automotive/Manufacturing/Health EMEA/APAC, Publicis.Sapient

Wer hätte Anfang des neuen Jahrtausends für möglich gehalten, dass internationale Automanager eines Tages nach China reisen, um neue Impulse, Inspirationen und vor allem Innovationen auf sich wirken zu lassen? Kaum jemand, denn lange Zeit mischte China die globale Automobilindustrie allein durch Plagiate auf. Heute hingegen sind Branchenexperten überzeugt, dass Deutschland einiges vom Reich der Mitte lernen kann – und muss.

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„It is not about refining cars. It is about refining life.“ So lautet das Motto des chinesischen Autoherstellers und möglichen Tesla-Gegners Byton. Gleichzeitig beschreibt der Slogan auch die Denkweise der gesamten chinesischen Autoindustrie: Es geht in China schon lange nicht mehr nur um das Fahrzeug, sondern um den damit verbundenen Service. Dieser soll sich nahtlos in den Alltag der Menschen integrieren und das Leben der Konsumenten leichter machen und bereichern. Während die Bedeutung jener digitalen Service-Ökosysteme auch hierzulande bekannt ist und immer stärker gefordert wird, ist uns China bereits einen großen Schritt voraus.

Innovation schlägt Tradition

Wir Deutschen schätzen Traditionen und Sicherheit über alles. Das spiegelt sich in unseren Produkten wieder und ist der Grund, warum wir internationale Anerkennung genießen. Diese Tendenz, an sicheren und etablierten Strukturen festzuhalten, erklärt aber auch, warum wir hierzulande der digitalen Transformation überdurchschnittlich skeptisch gegenüber stehen. Die aktuelle Dentsu Aegis-Studie ‚Digital Society Index’ untersuchte den Digitalisierungsgrad von zehn Volkswirtschaften und brachte zutage, dass Deutschland den zweitniedrigsten Wert aufweist, wenn es um den Glauben an digitale Technologien zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen und Schaffung neuer Arbeitsplätze geht. Die Chinesen hingegen stechen in der gleichen Studie durch ein besonders hohes Maß an Vertrauen in moderne Technologien hervor. Und wen wundert’s – genau dieses Vertrauen macht es den chinesischen Automobilherstellern leicht, Innovationen einzuführen und Neues zu wagen. So versucht man sich in der deutschen Automobilbranche erst ganz vorsichtig mit den ersten Online-Vertriebspiloten, während die chinesischen Kunden ihren Ford bereits am Automaten bekommen und dort auch gleich bezahlen können.

Chinesen setzen auf „Einfach machen“

Dass Ideen wie diese in China schon heute funktionieren, in Deutschland aber undenkbar sind, hängt nicht nur von der Technikaffinität der eigenen Bevölkerung ab. Es liegt vor allem auch am flexiblen Mindset der chinesischen Automobilhersteller. Weder eine traditionsreiche Geschichte noch festgefahrene Prozesse verlangsamen die Suche nach neuen Wegen in Entwicklung, Produktion und Service-Design. Und tatsächlich ist es genau dieser Punkt, der Konzerne hierzulande ausbremst und erklärt, warum viel zu oft an Verbesserungen statt an Innovationen gearbeitet wird. Jahrelang haben die chinesischen Hersteller die etablierten Marken wie Daimler, BMW oder Porsche beobachtet und kopiert. Die dabei erlernten Fertigkeiten gepaart mit einem unbändigen Innovationsgeist sowie der finanziellen Förderung und dem unbedingten Willen der Regierung haben China in kurzer Zeit vom Imitator zum international angesehenen Innovator werden lassen. Bis 2025 möchte die Großmacht eine globale Vorreiterrolle in insgesamt zehn Zukunftstechnologien übernehmen – darunter KI, regenerative Energien und Robotik. Die Tatsache, dass der Staat um Präsident und Parteichef Xi Jinping bereits heute schon drei Mal so viel Geld wie Deutschland in Forschung investiert, zeigt, dass es die Regierung ernst meint.

Kooperationen statt Inseldenken

Auch wenn China mittlerweile erfolgreich eigene Autos baut, sind deutsche Modelle bei chinesischen Verbrauchern nach wie vor sehr beliebt. Die Tatsache, dass sich viele Deutsche in den Führungsetagen der aufsteigenden chinesischen Marken befinden, beweist zudem das große Ansehen der hiesigen Ingenieurskunst. Das schwindelerregende Tempo, mit dem China die anvisierte Vorreiterposition verfolgt, sollte deutsche Automanager demnach nicht beunruhigen, sondern zum Aufbau möglicher Kooperationsformen motivieren. Ab dem Jahr 2022 dürfen ausländische Hersteller in China aufgrund des Wegfalls des Joint-Venture-Zwangs ihre eigenen Fabriken vollständig besitzen – und auch Mehrheitsbeteiligungen an chinesischen Konzernen wären denkbar. „Im Osten viel Neues“ bleibt sehr wahrscheinlich noch einige Zeit das Motto der Branche. In jedem Fall möchte man deutschen Konzernen wünschen, sich vom chinesischen Innovationsgeist inspirieren statt schockieren zu lassen.

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