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Hood oder Hoeneß?

Wir alle lieben die Geschichte von Robin Hood: Ein starrköpfiger Heißsporn aus dem Establishment ist nicht bereit, die überhöhten Abgaben an einen verschwendungssüchtigen Staat zu bezahlen. Er beschließt, Widerstand zu leisten, entwendet kurzerhand Steuergelder, verteilt sie unter‘s einfache Volk, damit es sich Brot leisten kann. Ein toller Plot!

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Heute hat sich die Popularität von Steuerhinterziehern deutlich gewandelt. Zugegeben, Uli Hoeneß ist natürlich nicht mit Robin Hood zu vergleichen. Schließlich gibt Hoeneß dem Volk die einbehaltenen Steuermillionen nicht in Form von Brot zurück. Allenfalls in Form von Spielen.

Steuerverschwendung als Kavaliersdelikt

Aber Robin Hood hatte einfach mehr Style und mehr Glamour. Und deswegen lieben wir ihn nach wie vor. Obwohl er genau genommen zu seiner Zeit genauso das Gesetz gebrochen hat wie heute der Präsident des FC Bayern. Und Hood war arm, während Hoeneß unermesslich reich ist. Der eine musste sich im Sherwood Forest mit Pfeil und Bogen mehr schlecht als recht durchschlagen, der andere lebt in Saus und Braus von seiner Wurstfabrik in einer Villa am Tegernsee. Vermutlich ist es in erster Linie Ulis Reichtum, was uns an seiner Tat so auf die Palme bringt. Dem Deutschen war es schon immer lieber, der Staat wirft die Steuergelder in den Schredder, als dass sie ein Reicher für sich behält. „Wenn ich schon nix davon bekomme, soll mein porschefahrender Schwager wenigstens auch nix davon haben.“ Wir empfinden Steuerverschwendung in Billionenhöhe als Kavaliersdelikt, Steuerhinterziehung in Millionenhöhe dagegen als Kapitalverbrechen.

Da kann der Nachbar seine Frau mit der Axt zerteilen, Mai- Demonstranten können randalierend Autos und Bankfilialen abfackeln – alles
irgendwie nachvollziehbar. Natürlich nicht okay, aber ganz sicher gab es bei denen irgendwas in der Kindheit, was sie derart gebrochen hat. Der brennende Mercedes – eine Art Hilfeschrei sozusagen. Warum fragt eigentlich beim Steuerhinterzieher keiner: „Was war da bei dem los in der Kindheit?“ Vielleicht ist das Schweizer Konto vom Uli ja auch nur ein Hilfeschrei.

Wir leben in einem Land, das 60 Prozent aller Steuerliteratur weltweit produziert. Einem Land, in dem der Staat fast die Hälfte des erwirtschafteten Einkommens für ineffiziente Integrations-Workshops, ein ungerechtes Bildungssystem, nutzlose Abwrackprämien, 1,9 Millionen Beamte und ein acht Milliarden teures Rundfunksystem ausgibt. Berlin leistet sich drei Opernhäuser und einen nicht funktionierenden Flughafen, Hamburg eine 800 Millionen teure Elbphilharmonie.
Stuttgart baut auf Staatskosten einen Bahnhof, den man mit klugem Management wahrscheinlich für die Hälfte bekommen könnte. Der Staat rettet mit Steuergeldern zockende Banken, unrentable Automobilkonzerne, Zypern, Portugal, Griechenland, ja sogar Christian Wulff.

Ein Fall für Peter Zwegat

Ich frage mich oft, wie hoch der Steuersatz sein müsste, damit der Finanzminister sagen würde: „Jetzt haben wir endlich genug Geld.“ Und wir alle erahnen, wie seine Antwort lauten würde. Diesen Betrag gibt es nicht. Es wird ihn nie geben. Wir könnten 90 Prozent unseres Einkommens abgeben, sämtliche Millionäre in Deutschland könnten all ihr Vermögen dem Staat vermachen, es würde nicht reichen. Jeder kleine Handwerksbetrieb, jeder Friseurladen, der ähnlich kamikazemäßig mit seinen Einnahmen wirtschaften würde wie unsere Regierung, wäre innerhalb von Wochen ein Fall für Peter Zwegat.

In der Entrüstung über Uli Hoeneß vergessen wir, die entscheidenden Fragen in der Steuerdebatte zu stellen: Wie viel Geld steht dem Staat eigentlich zu? Mit wie viel käme er mit effizientem Management aus? Und wie viel nimmt er sich, ohne eine wirklich gute Begründung
zu haben? Robin Hood jedenfalls hätte sich diese Fragen gestellt.

Über den Autoren: Vince Ebert ist Physiker und Kabarettist und mit seinem Bühnenprogramm „Freiheit ist alles“ deutschlandweit auf Tournee. Er ist auch Kolumnist der absatzwirtschaft. Tourdaten unter www.vince-ebert.de.

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