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Ein voller Bauch studiert nicht gern …

Geht man durch Deutschland, landauf, landab, dann bietet sich das immer dasselbe Bild: Ein einziges Jammern, wie schlecht es uns doch geht. Und dann ist da noch das Jammern über das Jammern. Es ist einfach nicht mehr zum Aushalten. Die alten Römer haben es schon vor 2 000 Jahren gewusst: Plenus venter non studet libenter, oder: wenn man satt ist, dann geht nichts mehr ...

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Ganz anders im Fernen Osten, im Reich der Mitte: Dort hört man dort eigentlich niemanden jammern. Dort ist man hungrig. Wir Deutsche werden in China hoch gehandelt und sind Vorbild für alle und Alles. Unsere Autos sind hier ein Zeichen dafür, dass man es weit gebracht hat. Es fällt einem schwer, von der deutschen Wirklichkeit zu erzählen, und zu berichten, dass die bekannten Geschichten über uns alle aus einer anderen Zeit stammen. Man lässt es dann auch sein, denn es würde einem doch keiner glauben.

Versetzt man sich in einen Chinesen, der zum ersten Mal nach Deutschland kommt, dann kann man vielleicht sein Gefühl und Staunen nachvollziehen, wenn er am Frankfurter oder Münchner Flughafen ankommt. Die Kinder pressen ihre Nasen an die Scheiben: So also sieht Deutschland aus. Und dann die Fahrt in die Stadt, die Autobahn, die bekannten Autos in neuer Umgebung, unsere Städte und Häuser … alles ist noch viel schöner und viel besser als es sich die Leute aus Peking oder Kanton erträumen können.

Eine aktuelle Roland Berger Studie vergleicht das Engagement der Menschen für eine bessere Zukunft und für einen gesellschaftlichen Aufstieg in China und Deutschland. Das Ergebnis ist vorhersehbar und dennoch niederschmetternd: Die Zustimmungsrate zum Faktor „Aspiration“ liegt in Deutschland gerade einmal um die 9 Prozent, während der vergleichbare Wert in China mit 41 Prozent viermal höher ist. Besonders dramatisch ist es um die erste deutsche Tugend bestellt: Auf die Frage „Ich arbeite hart, weil ich glaube dass sich mein Leben in den nächsten drei Jahren deutlich verbessern wird“ antworten nur 17 Prozent der Deutschen mit „trifft voll und ganz auf mich zu“ während fast dreimal mehr oder rund die Hälfte aller Chinesen dieser Meinung sind.

Offensichtlich ist Konfuzius mit seiner Aufforderung nach ständiger Selbstverbesserung nach mehr als 2 500 Jahren in den Herzen der Chinesen immer noch lebendig, während es scheint, dass unsere Trümmerfrauen nach nur 55 Jahren völlig in Vergessenheit geraten sind. Ist Deutschland satt und am Ende seiner Träume? Hoffen wir es nicht.

Über den Autor: Tom Ramoser ist Partner, Head of the Global Strategic Brand Development Group der Roland Berger Strategy Consultants.

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