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Die Zukunft des Journalismus liegt in der Geschäftsmodellinnovation

Jetzt erreicht das Zeitungssterben Deutschland. Ist irgendjemand überrascht? Ist es nicht absehbar, dass todkranke Patienten auf der Intensivstation irgendwann sterben? Schlimmer als die Tatsache, dass Gruner + Jahr Wirtschaftstitel einstellt und die Frankfurter Rundschau ihr Ende verkündet, ist die Tatsache, dass im Mikrokosmos des klassischen Journalismus das Credo ausgegeben wird: „Weiter so. Einfach nur durchhalten und auf die Qualität pochen.“ Eine Analyse von Jens-Uwe Meyer.

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Das Hauptproblem liegt woanders: Klassische Journalisten haben die Existenz von Verlagen und Zeitungen – ja die Existenz der gesamten Branche in der heutigen Form – nie in Frage gestellt. Warum eigentlich gibt es Zeitungen? Weil sie auf Basis der damaligen Drucktechnologien die beste und schnellste Möglichkeit waren, Informationen an eine breite Masse von Menschen zu verteilen. Warum gibt es Medienverlage? Weil durch die disruptive Innovation des Zeitungsdrucks die Chance entstand, kreative Leistungen von Autoren zu bündeln, zu vermarkten, mit einem Gütesiegel zu versehen und zum Empfänger zu bringen.

Grundvoraussetzungen nicht mehr da

Und heute? Wäre das Internet vor dem Zeitungsdruck erfunden worden, hätte es niemals Zeitungen gegeben. Kommentatoren beklagen heute, dass es ein Fehler war, Informationen kostenlos ins Internet zu stellen. Das ist Unsinn, eine rückwärtsgewandte Diskussion. Ohne diesen Schritt wären traditionelle Zeitungen bereits vor zehn Jahren vom Markt verschwunden. Und hätte es schon vor der Erfindung der Verlage eine technische Möglichkeit gegeben, Autorenleistungen zu vermarkten, hätte es die Branche in der heutigen Form nicht gegeben.

Praktisch alle Grundvoraussetzungen, unter denen die Zeitungs- und Verlagsbranche gegründet wurde, sind weg. Bis auf eine: Das Gütesiegel. Sie nehmen diesen Artikel ernst, weil er das Gütesiegel eines Medienunternehmens trägt. Diese Gütesiegel sind das eigentliche Kapital der Verlage. Die Ansicht, dass sich Qualitätsjournalismus nicht mehr auszahle, stimmt nicht. Nur in seiner heutigen Form ist er das Relikt einer Zeit, in der es nichts besseres gab.

Branche muss sich neu erfinden

Journalisten und Verleger unterliegen gleichermaßen der Selbsttäuschung. Statt ihr Kapitel kreativ einzusetzen, pochen Sie auf das Bestehende. Und berauben sie sich der Möglichkeit, ihre Geschäftsmodelle neu zu erfinden. Sie verteufeln Google anstatt von Google zu lernen.

Klassische Zeitungen und Verlage haben es über Jahre nicht geschafft, Informationen zeitlich, inhaltlich und medial auf die Bedürfnisse von Individuen – genannt Leser – anzupassen. Das Wertschöpfungsmodell von Informationen liegt nicht in der Masse: Es liegt im Kontext, dem zeitlichen Vorsprung, der individualisierten Aufbereitung, der Neubündelung und der Schaffung von Mehrwert. Diese Logik des Informationsmarkts haben klassische Zeitungen und Verlage bis heute nicht verinnerlicht.

Ich selbst war ein bekennender Fan der Financial Times Deutschland. Als digitaler Mensch jedoch habe ich die Papierausgabe seit Jahren nicht mehr angefasst. Die App hat mir genügt. Ich hätte sogar für Informationsangebote bezahlt, wenn sie für mich gerade wertvoll gewesen wären. Einzig: Mir wurde nie etwas angeboten. Es war als würde ich einem Geschäft mit leeren Regalen stehen. Wenn der Verkäufer nichts hat, wie will er dann seine Mitarbeiter ernähren?

Geschäftsmodell ist nicht neu

Das Geschäftsmodell von Zeitungen und Verlagen hat sich seit Aufkommen des Internets nicht verändert. Und das, obwohl klassische Medien im Internet Konkurrenten haben, die sich in der Regel alle zwei bis vier Jahre komplett neu erfinden. Gibt es eine Zukunft für die Zeitung? Nein. Hat Qualitätsjournalismus eine Zukunft? Ja. Doch nur, indem Verlage erkennen, dass die traditionelle Grundlage ihres Geschäfts seit Jahren nicht mehr existiert. Und indem sie beginnen, ihre Geschäftsmodelle und Angebote radikal neu zu erfinden.

Sie müssen die Entwicklungsgeschwindigkeit drastisch erhöhen: Nicht eine Innovation entwickeln, sondern durch den Aufbau von Prototypenparks zehn bis fünfzehn parallel. Den Zugang zum Leser nutzen und innovative Angebote im Dreimonatstakt herausbringen. Nicht auf sichere Lösungen warten, sondern schneller scheitern, schneller lernen und sich schneller verändern. Wer in Zeiten disruptiven Wandels Angst vor dem Scheitern hat, scheitert.

Das Medienhaus der Zukunft wird 2016 anders aussehen als 2014. Und sich 2018 bereits wieder neu erfunden haben. Das Medienhaus der Zukunft wird nicht eines, sondern fünf bis zehn Geschäftsmodelle gleichzeitig verfolgen. Die Zukunft des Journalismus liegt in der Geschäftsmodellinnovation, nicht in der Unterschriftenaktion für Geschäftsmodelle von gestern.

Der Autor Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer von „Die Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen mbH“. Zudem schreibt er Sachbücher zu den Themen Kreativität, Innovation und Strategie und ist Lehrbeauftragter der Handelshochschule Leipzig für das Thema „Corporate Creativity“.

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