Suche

Werbeanzeige

„Das wichtigste Tool ist immer noch die Live-Show“

Kaum ein Künstler hat die Comedy in Deutschland so strategisch verbreitet: Von kleinsten Anfängen 1992 in der Kantine des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg bis zu einem vollen Comedy-Spielplan in Berlin (Friedrichstadtpalast) und Hamburg (Café Keese) mit einer eigenen Fernsehsendung, dem Quatsch Comedy Club auf Pro Sieben, hat Thomas Hermanns die deutsche Comedyszene geprägt. Von sich selbst sagt der studierte Theaterwissenschaftler im absatzwirtschaft-Interview, er sei im Import-Export-Geschäft tätig. Erst hat er das Unterhaltungsformat der Stand up-Comedy von England und den USA nach Deutschland geholt. Jetzt bringt er deutsche Comedy in alle Welt – wobei die Expansion in Deutschland ganz oben auf seiner Wunschliste steht.

Werbeanzeige

Der Gründer des Quatsch Comedy Clubs kann dazu auf eine Mannschaft im Umfang eines kleinen mittelständischen Betriebs zurückgreifen, der neben den Standorten Berlin und Hamburg, jüngst auch eine „außer Haus“-Sparte eröffnet hat. Das heißt: Die Show kommt auch an jeden beliebigen Ort – sogar bis nach Hongkong. absatzwirtschaft sprach mit dem Geschäftsführer der Serious Fun GmbH & Co. KG über sein expandierendes Unternehmen und seine Kommunikation.

Sie sprechen bei Ihrem Quatsch Comedy Club von einem Geschäftsmodell. Denken Sie in solchen Kategorien?

THOMAS HERMANNS: Ja, absolut. Wir sind seit 1992 eine mittelständische Firma und gehen auf unser 20-jähriges Jubiläum zu – und das insbesondere als Privattheater, das keinen Cent Subventionen erhält. Deutschland ist bekanntlich ein hoch subventioniertes Kulturland. Ich habe aber immer den Anspruch gehabt, dass Entertainment sich selbst finanzieren muss, über die Eintrittspreise und die Gastronomie. In diesem Punkt sympathisiere ich mit den Amerikanern. Das ist schon harte Arbeit: Wir haben die beiden Häuser in Berlin und Hamburg, die Fernsehsendung auf Pro Sieben, und die Touren sowie die Galas für Industriekunden. Da muss ich die unternehmerische Brille aufhaben und kann nicht künstlerisch rumeiern.

Wie wird man in einer solchen Branche Unternehmer?

HERMANNS: Aus Trotz. Ich habe meine Stücke und meine Shows von Anfang an immer selbst produziert, immer die Sponsoren gesucht, die Verträge gemacht, und alles auf die Bühne gebracht. Es war die Do-it-yourself-Methode und das ist dann von einem Zwei-Mann-Start-Up auf einen 35-Mann-Betrieb gewachsen. Übrigens mag ich die betriebswirtschaftliche Seite meiner Tätigkeit auch. Ich finde nicht, dass es die böse Seite ist.

War es eine strategische Entscheidung, den Quatsch Comedy Club zu gründen?

HERMANNS: Nein, das war eine Importidee, weil ich mir immer Dinge im Ausland angeschaut und dann nach Deutschland gebracht habe. Ich bin auch Schuld, dass Karaoke nach Deutschland gekommen ist. Dafür konnte ich nur leider keine Lizenz nehmen, sonst müsste ich heute nicht mehr arbeiten. Aber Entertainment-Import-Export ist im Grunde mein Geschäftsmodell: im Ausland anschauen, deutsche Lücke entdecken und dann ausprobieren.

Im Marketing kommen die Konzepte und Ideen von USA irgendwann auch in Deutschland an? Konnten Sie damit rechnen, dass Stand up-Comedy in Deutschland auch erfolgreich werden würde?

HERMANNS: Es ist schon so, dass man bei vielen erfolgreichen Entertainment-Formen aus den USA vorhersagen kann, dass sie auch in Deutschland funktionieren. Gleichzeitig gibt es auch immer gegenläufige Trends, bei denen der nationale Kulturraum hochgehalten wird, nur deutsche Stoffe berücksichtigt werden und man meint, nichts von Amerika übernehmen zu können. Insbesondere bei Sketch-Comedy oder Sitcoms ist der Blick nach England und USA aber grundsätzlich immer offener gewesen. Aber bei Stand up-Comedy war das nicht so. Ich brauchte erstmal Kraft, um gegen alle zu argumentieren, die es mir ausreden wollten.

Mit welchen Argumenten?

HERMANNS: Die Argumentationen sind im Nachhinein lustig: „Die deutsche Sprache gibt es nicht her. Im Englischen kann man den Gag auf dem Verb beenden, das geht im Deutschen nicht, weil immer Relativsätze im Weg sind“. Oder: „Die Deutschen sind eine Theaternation und wollen immer nur einen Hauptdarsteller sehen und nicht mehrere verschiedene Künstler an einem Abend.“ Es war also keine schlaue Gründeridee, sondern eher Import-Export mit Trotz gekoppelt.

Also volles Risiko?

HERMANNS: Ja, aber nur bis zur ersten Vorstellung. Danach konnte man schon ahnen, dass die Idee des Quatsch Comedy Clubs den Leuten gefallen würde. Und nach einem halben Jahr waren wir schon bei Premiere im verschlüsselten Fernsehen. Das ging sehr schnell.

Mittlerweile haben Sie einen Club in Berlin und Hamburg. Und den Service, außer Haus zu spielen, möchten Sie jetzt noch aktiver anbieten. Warum?

HERMANNS: Eigentlich wollten wir nicht mehr touren, aber mit O2 hatten wir eine so gute Kooperation, dass wir beschlossen haben, weiterzumachen. Wir haben in letzter Zeit auch mehr Firmenveranstaltungen für Banken und Versicherer gemacht und ich habe das Gefühl, dass die Berührungsängste mit Comedy abgenommen haben. Sogar in Hongkong hatten wir vor drei Jahren lediglich einen Fan, der deutsche Comedy sehen wollte. Seit dem gehen wir jedes Jahr drei Mal nach Hongkong, um vor mittlerweile 200 deutschsprachigen Comedy-Fans in einem Hotel zu spielen. Bisher war es allerdings so, dass wir dem Ruf gefolgt sind, wenn uns eine Anfrage vorlag. Das wollen wir jetzt etwas planmäßiger angehen.

Was bedeutet das im einzelnen?

HERMANNS: Unternehmen können zum einen im Berliner Club Firmen- und Mitarbeiterveranstaltungen jeder Art und Größe in entspannter Clubatmosphäre feiern – mit oder ohne Show. Zudem bieten wir unsere Quatsch Comedy Club-Show auch „außer Haus“ an. Der sogenannte Club Mix ist unser Erfolgsformat, das viele aus dem Fernsehen kennen. Hier präsentiert ein Moderator bis zu vier Comedians.

Was kostet der Service?

HERMANNS: Es geht ab 10 000 Euro los, nach oben offen. Und wir sind sehr flexibel und mobil. Wir können das Konzept ganz klein fahren, beispielsweise in einem Coffee-Shop. Oder wir bespielen eine Kundengala in einem großen Theater. Der Aufwand bei beiden Varianten hält sich in Grenzen, da wir kein großes Bühnenbild brauchen. Das ist die Stärke des Stand up-Comedy-Konzeptes, mit der wir ein breites Spektrum von Locations oder Partnern bedienen können.

Grundsätzlich haben aber einzelne Comedians immer schon Firmenveranstaltungen bestritten?

HERMANNS: Ja, ich habe aber immer das Gefühl gehabt, dass viele Chefs die Befürchtung hatten, wenn sie mit uns eine Gala machen, wir würden rausgehen und Witze über ihre Marke machen. Dann kommen vorher prüfende Anrufe aus den auftraggebenden Unternehmen. Aber das ist in den vergangenen Jahren besser geworden. Im Gegenteil: der Wert von Humor im Unternehmen scheint gestiegen zu sein und die positiven Effekte auf die Firmenkultur sind offensichtlicher geworden.

Firmenkultur ist ein gutes Stichwort: Welche Rolle spielt bei Ihnen Marketing?

HERMANNS: Eine große. Eben gerade vor diesem Interview haben wir ein Marketing-Meeting gehabt und das erste Quartal 2011 für Hamburg besprochen. Wir bedienen uns sämtlicher Kommunikationsformen von Flyer, über Plakat bis Internet, aber die größte Werbung findet natürlich über Pro Sieben statt. Im Fernsehen haben wir das Glück, das Produkt so abbilden zu können, wie wir es live machen. Und dann hatten wir auch noch die Möglichkeit, als erste das Segment „Comedy Club“ zu besetzen. Ich habe mich jahrelang gewundert, warum das kein anderer gemacht hat. Erst jetzt tauchen erste Kopien des Konzepts auf.

Haben Sie es markenrechtlich schützen lassen?

HERMANNS: Ja, weil ich schon seit jeher Angst vor Plagiaten hatte. Diese kleine Geldausgabe für den Titelschutz investiere ich immer.

Was besprechen Sie heute im Marketing-Meeting?

HERMANNS: Zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem Quatsch Comedy Club als Show und dem Club selbst, aber auch die Wertigkeit der Comedians, die die Show verkörpern. Die Frage stellt sich häufig, ob und wie viele Gesichter wir auf Werbemitteln zeigen wollen. Und wie ist das Verhältnis von Imagewerbung, in der das „Q“ als Marke die zentrale Rolle spielt, zur reinen Programmkommunikation, in der die Comedians abgebildet werden. Wir haben aktuell eine Testimonial-Kampagne in Berlin, in der wir Comedians mit dem „Q“ zeigen. Was wir kommunizieren müssen ist, dass die Show als Gesamtprodukt erlebbar und qualitativ hochwertig ist, auch wenn die Akteure jede Woche wechseln.

Heute haben Sie ein Marketingteam. Wie haben Sie früher gearbeitet?

HERMANNS: Wir haben die ersten zehn Jahre gar keine Kommunikation gemacht, da wir ein absoluter Geheimtipp waren. Die drei Shows pro Monat, die wir machten, waren so ausgebucht, dass wir den Zufluss regeln mussten. Als wir dann nach Berlin gingen, mussten wir uns dann mit Marketing befassen. Das war zunächst völliges Neuland für uns, werben zu müssen …

Das Internet bietet sich als Kommunikationsplattform geradezu an. Was gibt es dort rund um den Quatsch Comedy-Club?

HERMANNS: Jenseits der normalen Homepage arbeiten wir mit der Telekom schon sehr lange zusammen. Das Telekom-Video-Portal heißt „3 min“, in dem wir exklusive Clips direkt aus dem Club online stellen und die man dort abrufen kann. Hier können wir Comedians im Vergleich zur Fernsehshow noch etwas ungefilterter bringen und der User hat beinahe das Gefühl, in der ersten Reihe zu sitzen.

Was machen Sie in Sachen Social Media?

HERMANNS: Wir haben ein Profil bei Myspace und Gruppen bei Facebook und Xing, die wir für unsere Kommunikation nutzen. Aber wir verlassen uns auch darauf, dass sich die Leute bei Facebook erzählen, dass sie einen schönen Abend hatten. Ich finde Social Media am besten, wenn die User selbst untereinander kommunizieren, als wenn man selbst vorgibt, tausende von Freunden zu haben.

Aber manchmal muss man die Menschen anmoderieren…

HERMANNS: Ja klar, wir arbeiten auch an einem neuen Online-Tool, mit dem wir witzige Filme ins Büro senden können. Was ich am Internet toll finde, ist, dass man direkt an die Menschen herankommen kann – auch an die, die Humor durchaus in der Mittagspause mal gebrauchen können. In solche Lücken stoßen wir gerne vor.

Was ist für Sie die mit Abstand wichtigste Marketing-Maßnahme?

HERMANNS: Das wichtigste Tool ist immer noch die Live-Show, also das Produkt selbst. Die Leute kommen, sitzen, lachen, gehen und kommen wieder. Und das in einer Zeit, wo jedes Format, ob aus dem TV- oder Audio-Bereich auch in digitaler Form existiert, die man herumschicken kann. Damit bekommt das Live-Geschäft einen ganz großen Luxusfaktor. Die nicht wiederholbare persönliche Erfahrung wird immer wertvoller und daher sind wir froh, dass wir auf dieser Seite arbeiten, auf der es keinen Datenklau gibt.

Auf welcher Basis entscheiden Sie, welcher Standort als nächstes eröffnet wird?

HERMANNS: Das kommt auf die Partner an, die wir schon haben oder gewinnen können. Unser Partner in London, der Comedystore, mit dem wir eng verbunden sind, macht gerade seinen ersten Club in Mumbai auf. Das ist der erste indische Comedy Club und dort sind ja auch wieder Deutsche. Also könnten wir dann auch unseren Club dorthin bringen. Übrigens ist das witzig: Jahrelang haben wir die Engländer beneidet, weil die überall auf der Welt auftreten konnten. Und langsam schicken die deutschen Unternehmen auch genug Mitarbeiter ins Ausland, sodass es sich für uns lohnt hinterherzukommen.

Das klingt nach weltweiter Expansion?

HERMANNS: Genau. Und das obwohl uns erklärt wird, die Deutschen hätten keinen Humor. Als wir das erste Mal in London gespielt haben, dachten wir, wir kommen als die deutschen Botschafter der guten Laune. Aber in jedem Interview wurden wir immer nur zu Hitler und Fußball befragt. Doch die Weltmeisterschaft 2006 hat da einiges bewegt. Ich würde aber immer noch nicht mit jedem Pressevertreter in London reden.

Warum?

HERMANNS: Bei der Sun müsste ich zum Beispiel fürchten, wieder mit einem Hunnenhelm und einer großen Wurst abgebildet zu werden.

Apropos Zeitung. Wie ist Ihr Mediennutzungsverhalten?

HERMANNS: Tageszeitungen, Sonntagszeitungen und Magazine, dazu ein wenig Internet und beim TV eher ausländische als deutsche Ware. Derzeit schaue ich alles, was in Amerika auf dem Schirm ist.

Das Gespräch führte Christian Thunig.

Thomas Hermanns ist Gründer, Erfinder und Moderator des Quatsch Comedy Clubs. Der 47-Jährige ist drei Mal mit dem deutschen Comedy-Preis ausgezeichnet worden. Als Dachmarke vereint der Quatsch Comedy Club eine TV-Show sowie zwei Live Clubs in Berlin und Hamburg und verfügt über eine 20-jährige Expertise im Comedy-Segment. Gegründet 1992, hat das Team um Thomas Hermanns die Stand Up Comedy in Deutschland etabliert. Zahlreiche Top-Comedians wie Michael Mittermeier oder Cindy aus Marzahn, die heute deutschlandweit das Publikum begeistern, haben ihre Premiere auf der Bühne des Quatsch Comedy Clubs gefeiert.

Mehr zu Thomas Hermanns auch unter
www.pool-position.net/859.0.html

Kommunikation

Gamescom 2017: Mehr Fläche, mehr Aussteller, mehr Internationalität

Vom 22. bis 26. August 2017 startet die neunte Auflage der Gamescom in Köln. Mit 910 Ausstellern erreicht das weltweit größte Event für Computer- und Videospiele ausstellerseitig eine neue Größendimension und setzt eine neue Rekordmarke in puncto Ausstellerzahl. mehr…

Werbeanzeige

Absatzwirtschaft Newsletter

absatzwirtschaft Newsletter schon abonniert?

Newsticker

Vom Wu-Tang Clan bis hin zum kleinen Snapchat-Geist: Wie das Logo, so die Marke

Viele Markenzeichen großer deutscher Firmen haben eine lange Tradition. Gingen früher allerdings die…

„Ohne Vielfalt ziemlich langweilig“: Warum Edeka ausländische Ware aus den Regalen verbannt

Eine Edeka-Filiale in der HafenCity zeigt, warum Rassismus keinen Platz in ihren Filialen…

Die elf wichtigsten Fähigkeiten, die ein Social-Media-Redakteur im Jahr 2017 haben muss

Nicht selten entscheiden mittlerweile Social-Media-Redakteure über Erfolg oder Misserfolg einzelner Stücke. So wichtig…

Werbeanzeige

Werbeanzeige