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Autoindustrie hat ein „Europa-Problem“

Die Einschätzungen des Weltwirtschaftswachstums wurden in den vergangenen Wochen von nahezu allen wichtigen Prognose-Instituten nach unten korrigiert. In der Europäischen Union steigen die Risiken für eine weitere Verschärfung der Schuldenkrise. Für den Automarkt in West-Europa rechnet Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer daher mit einer fortgesetzten Rezession. Das Jahr 2013 werde nach Prognosen des von ihm geleiteten CAR-Centers Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen die niedrigsten Absatzzahlen seit 1993 aufweisen.

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Wurden im Jahr 2000 noch 14,78 Millionen Pkw in West-Europa verkauft, werden es nach Prognose des CAR-Centers Automotive Research in diesem Jahr noch 12,1 Millionen Pkw sein. Auch 2013 werde die schwierige Lage in Südeuropa zu weiter sinkenden Absatzzahlen führen. Dudenhöffer erwartet für das kommende Jahr lediglich 11,9 Millionen Pkw-Verkäufe. Das lasse an 1993 erinnern, als in West-Europa 11,3 Millionen Pkw veräußert wurden. Gegenüber dem Jahr 2005 fehlten in West-Europa 2013 rund 2,7 Millionen Pkw-Verkäufe.

Die Auswirkungen der Schuldenkrise seien mindestens bis 2015 zu spüren, denn dann würden im West-Europa immer noch weniger Pkw als im Jahr 2011 verkauft. Folglich liegt nach Einschätzung der Automobil-Experten ein Europa-Problem vor. „Während der Weltmarkt in diesem Jahr um 5,2 Prozent steigt, gehen die Verkäufe in West-Europa um 5,4 Prozent zurück“, sagt Dudenhöffer. Insbesondere die ersten sechs Monate des Jahres 2012 seien für den weltweiten Anstieg der Pkw-Verkäufe auf knapp 66 Millionen Stück ausschlaggebend. Gleichzeitig bremse die Schuldenkrise in Europa das Weltwirtschaftswachstum und damit die erwarteten Pkw-Verkäufe im Jahr 2013.

Südeuropas Autoindustrie nachhaltig geschädigt

Besonders stark seien die Südländer von dem Markteinbruch betroffen. Von dem Rückgang der Pkw-Verkäufe von 2,7 Millionen Fahrzeugen von 2005 bis 2013 entfielen 2,12 Millionen Verkäufe auf die Südländer. Da die lokalen Autobauer Fiat, PSA, Renault und Seat große Marktanteile in den Südländern haben, werde die südeuropäische Autoindustrie besonders betroffen. Zusätzlich sei Spanien Produktionsland für Audi, Ford, General Motors (GM) und Volkswagen. Damit würden nicht nur die Produktionsstätten der Autobauer, sondern auch die Zulieferbetriebe „vor Ort“ von dem lang anhaltenden Nachfrageausfall getroffen.

Dudenhöffer konkretisiert: „Während international tätige Zulieferer wie Valeo und Faurecia relativ gut durch die Krise gehen und beide im ersten Halbjahr 2012 ihren weltweiten Umsatz um mehr als zwölf Prozent steigern konnten, haben es die Mittelständler in den Südländern schwer. Faurecia und Valeo erzielen über 40 Prozent ihres Umsatzes außerhalb Europas und beliefern auch deutsche Autobauer.“ Nach seiner Einschätzung könnten bei langer Krise bis zu 25 Prozent der Zulieferunternehmen ausscheiden. Die europäische Autoindustrie werde damit durch die Krise nachhaltig verändert. Die Autoindustrie in Deutschland, Österreich, Schweden, Ost-Europa könne nach der Krise die von den Südländern verlorenen Volumen übernehmen. Die europäische Autoindustrie nach 2015 werde somit deutlich anders aussehen: Die Nordländer würden stärker, Südeuropa verliere an Bedeutung.

VW unter den Krisen-Gewinnern

Den Analysen des CAR-Centers Automotive Research zufolge gehört der Volkswagen-Konzern zu den großen Krisen-Gewinnern. Unverständlich seien daher etwa die Äußerungen des VW-Kommunikationschefs, der gedroht habe, dass VW aus dem Herstellerverband ACEA austritt, falls Fiat-Chef Marchionne wegen seiner Äußerungen zum Rabattkampf nicht zurücktritt. In der sensiblen Situation könne es gefährlich werden, Stimmungen aufzuheizen. Gemeinsam mit Porsche bewege sich die VW-Gruppe heute auf 25 Prozent Marktanteil in Europa zu. Nach der Krise sei ein Marktanteil von 30 Prozent nicht ausgeschlossen. „Die VW-Gruppe ist bereits heute doppelt so groß wie die nächst folgende Gruppe PSA in Europa mit zwölf Prozent Marktanteil“, sagt Dudenhöffer. Sie bewege sich damit in den Bereich einer marktbeherrschenden Stellung.

Gruppen wie Fiat müssten aufgrund der Verschiebung von neuen Fahrzeugen, etwa des Punto, mit weiter sinkenden Marktanteilen rechnen. So würden etwa der Grande Punto und Bravo erst im Jahr 2014 in den Markt kommen. Zusätzlich bewege sich die VW-Gruppe deutlich nach Frankreich und habe sogar in einem Einzelmonat mehr Fahrzeuge verkauft als Renault. Dabei besitze die VW-Gruppe mit Porsche Salzburg die französische Autohandelsgruppe PGA Motors, die unter anderem Peugeot, Citroen und Renault verkauft. Noch stärker sei die Marktbeherrschung der VW-Porsche-Gruppe in Deutschland mit 38 Prozent Marktanteil in den ersten sechs Monaten. In Österreich habe die VW-Gruppe mit Porsche 36 Prozent Marktanteil. Der schwache Euro-Kurs werde der VW-Gruppe zusätzliche Gewinne aus den Exporten in die Kasse spülen. Dies gelte insbesondere für Audi und Porsche, die erheblich vom schwachen Euro profitieren. VW gewinne in der Krise damit mehrfach gegenüber seinen europäischen Wettbewerbern.

Automärkte außerhalb Europas gleichen aus

Entgegen der Situation in Europa entwickeln sich die Automärkte in den USA, China, Japan, Russland und Indien den Wissenschaftlern zufolge im Jahr 2012 gut. Allerdings seien in diesen Ländern die Auswirkungen der Schuldenkrise Europas in der zweiten Jahreshälfte und im Jahr 2013 zu spüren. Das Wachstum verlangsame sich. Länder wie Russland seien von ihren Energie- und Rohstoffexporten von Europa abhängig. Auch aus diesen Gründen ist deutlich langsameres Wachstum in Russland zu erwarten. Als Fazit stellt Dudenhöffer fest: „Das Jahr 2012 bleibt für die Autoindustrie dank eines guten ersten Halbjahres erfolgreich. In der zweiten Jahreshälfte wird das Wachstum deutlich schwächer und 2013 wird für die weltweite Autoindustrie nur dünnes Wachstum bringen. Unterstellt bei unserer Prognose ist, dass die Schuldenkrise in Europa nicht eskaliert.“

Lesen Sie hierzu auch den Beitrag über eine Studie des Nürnberger Marktforschungsinstituts Puls. Eine Umfrage unter 1.000 Autokäufern ergab, dass eine Sättigung des Automobilmarktes eher nicht zu erwarten ist. Zu beobachten sei eine Beschleunigung des Fahrzeugwechsels, was zu einem Marktwachstum führen könne.

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