Wettrüsten mit Schneekanone – der Kampf der Mega-Skigebiete

Immer größer, immer komfortabler: Im Kampf um deutsche und niederländische Urlauber fusionieren Österreichs Skigebiete wie andernorts Konzerne. Die Seilbahnbetreiber investieren Milliarden. Ein Hindernis: die einheimische Bevölkerung.
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Kritischer Konkurrenzdruck der Skigebiete: "Nur ein Drittel der Skigebiete kann gut allein wirtschaften." (© Unsplash)

Von Carsten Hoefer und Christiane Oelrich, dpa

Es ist ein Wettrüsten mit Seilbahn und Schneekanone: Österreichs Skigebiete haben seit der Jahrtausendwende eine zweistellige Milliardensumme ausgegeben, um Winterurlauber bei der Stange zu halten, insbesondere aus Deutschland und den Niederlanden. Allein für die laufende Saison haben die österreichischen Seilbahnen nach Angaben ihres Fachverbands mehr als 750 Millionen Euro in neue Bahnen und Lifte, Beschneiung, Pistenraupen und dergleichen investiert – eine Rekordsumme.

Der Trend geht zum Mega-Skigebiet. In Tirol wird über die Umweltverträglichkeit eines 130 Millionen Euro schweren Projekts gestritten, das inoffiziell „Gletscherehe“ heißt. Dieser Zusammenschluss der Skigebiete Pitztal und Sölden sieht die Bebauung zweier bislang unberührter Gletscher in 3000 Metern Höhe vor. Die Alpenvereine in Deutschland und Österreich wollen diese Fusion in Schnee und Eis verhindern.

Umweltschützer kritisieren Skitourismus

Umweltschützern ist der Skitourismus seit jeher ein Dorn im Auge, weil Gondeln, Sessellifte und Pisten die wilde Gebirgslandschaft stören, die Beschneiung den Wasserhaushalt verändert. Doch die Seilbahnbetreiber reagieren lediglich auf die Wünsche ihrer Gäste.

Die österreichischen Seilbahnen befragen regelmäßig 30.000 Menschen nach ihren Wünschen und Präferenzen. Für 56 Prozent ist die Größe des Skigebiets ein ausschlaggebender Faktor, wie Ricarda Rubik vom Fachverband der Seilbahnen Österreichs sagt. Und für 40 Prozent ist die Schneesicherheit wichtig. Das befördert sowohl Fusionen als auch die künstliche Beschneiung.

Über die Landesgrenze von Tirol und Salzburg erstreckt sich der „Skicircus Saalbach Hinterglemm Leogang Fieberbrunn“ mit 270 Pistenkilometern. Der Zusammenschluss mit den Nachbarn in Zell am See, Kaprun und am Kitzsteinhorn vergrößert den Skizirkus auf mehr als 400 Kilometer. Und künstlich beschneit werden inzwischen etwa 70 Prozent der österreichischen Pisten. Anfang des Jahrtausends waren es erst 30 Prozent.

Skigebiete sind auf Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen

Damit haben die Österreicher die Nase vor der eidgenössischen Konkurrenz. In der ohnehin teuren Schweiz haben die Wirtschaftskrise vor zehn Jahren und der starke Franken massive Probleme verursacht. Die Gästezahlen waren seit 2008/09 praktisch rückläufig. Die vergangenen beiden Winter waren indes schneereich und ein Lichtblick. Wegen des Konkurrenzdrucks durch Nachbarländer hätten die Seilbahnen die Preise kaum erhöhen und daher kaum investieren können, sagt Andreas Keller vom Verband Seilbahnen Schweiz. „Nur ein Drittel der Skigebiete kann gut allein wirtschaften“, sagt er. Die anderen seien auf Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen, etwa günstige Darlehen oder Beteiligungen.

Immer mehr Skigebiete experimentieren mit dynamischen Preisen, darunter Zermatt, Gstaad und St. Moritz. Wer früh bucht, bekommt Rabatt, trägt aber das Risiko, bei schlechtem Wetter auf dem Skipass sitzenzubleiben. Wer kurzfristig bucht, zahlt mehr als früher. Bei manchen hat das viel Geld in die Kassen gespült. „Knapp 50 Prozent der Mehrtageskäufer haben im Vorfeld diese Tickets gebucht – das war eine große Überraschung für uns“, sagte Markus Meili vom Vorstand der Oberengadiner Bergbahn im Fernsehen. „Als wir über die Festtage bei Preisen über 100 Franken waren, hat das natürlich nicht nur Applaus ausgelöst.“ 100 Franken für einen Tagespass, das sind etwa 91 Euro.

Skigebiete in den Bayerischen Alpen leiden unter Konkurrenzdruck

Auch die vergleichsweise winzigen Skigebiete in den Bayerischen Alpen investieren für ihre Verhältnisse hohe Summen, um Schritt halten zu können – subventioniert von der Staatsregierung in München. So wurde 2019 bei Berchtesgaden für rund 57 Millionen Euro eine neue Gondelbahn auf den Jenner am Königssee fertig.

Dabei zielen die Bayern hauptsächlich auf heimische Tagesgäste, nicht auf Urlauber aus dem Norden jenseits des „Weißwurst-Äquators“. „Wir werben mehr mit Skifahren dahoam“, sagt Peter Lorenz, Geschäftsführer zweier oberbayerischer Skigebiete am Brauneck bei Lenggries und am Spitzingsee, die zusammen gerade einmal 54 Kilometer Pisten bieten.

Einen Rüstungswettlauf mit Tirol und Salzburg könnten die Bayern ohnehin nie gewinnen, die weiß-blaue Bergwelt ist dafür zu klein und zu niedrig. „Am Brauneck haben wir keine 20 Prozent Urlaubsgäste“, sagt Lorenz. In der Tat geht es in bayerischen Skigebieten im Vergleich zur Konkurrenz südlich der Staatsgrenze eher beschaulich zu, auch die Tickets sind billiger.

Doch würden die bayerischen Skigebiete gar nichts investieren, bestünde die Gefahr, dass auch Tagesgäste sich umorientieren. Von der Grenze ist es nicht weit ins Zillertal oder nach Kitzbühel. Und im Vergleich zu den modernen österreichischen Anlagen sind manche bayerischen Seilbahnen Museumsstücke, die den Charme der fünfziger und sechziger Jahre versprühen.

Aber auch in Österreich mehren sich die Zeichen, dass die Skizirkusse an ihre Grenzen stoßen. Die Belastung durch Urlaubs-, Transit- und Güterverkehr geht vielen Tirolern so auf die Nerven, dass dies zum politischen Großthema geworden ist. In einer Umfrage der „Tiroler Tageszeitung“ sprachen sich kürzlich 70 Prozent der 600 Befragten gegen die Gletscherehe aus. Der Grund: touristische Übererschließung.