Vorhersehbarkeit hat Grenzen

Beim Entwerfen wirtschaftlicher Szenarien überschlagen sich in Deutschland zurzeit die Meinungsbildner. Nach Informationen von Gunnar Sohn, Chefredakteur des Online-Nachrichtendienstes „Neue Nachricht“, sind Wirtschaftswissenschaftler aber nur bescheidene Philosophen, wenn es um die Verortung des konjunkturellen Schicksals geht.

„Nachdem wir alle die Geschwindigkeit und die Dramatik des wirtschaftlichen Absturzes unterschätzt und zu lange an zu optimistischen Voraussagen festgehalten haben, will man dieses Mal nicht hinter der Realität hinterherhinken. Schon allein weil die Wirtschaftsinstitute von Regierung, Politik und Medien ihrer Fehlprognosen wegen mit einer Mischung von Enttäuschung, Kritik, Vorwürfen bis hin zu Häme und Schadenfreude überschüttet wurden“, sagt Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Um aus dem auch für die eigene Existenz nicht ungefährlichen Fahrwasser der Fehlprognosen herauszufinden, würden sich Konjunkturforscher wie Banken verhalten. „Nachdem letztere Kredite zu fahrlässig und zu leichtfertig vergeben haben und für ihr Fehlverhalten in der Öffentlichkeit gnadenlos abgestraft und an den Pranger gestellt wurden, sind sie jetzt über Gebühr risikoscheu geworden und sehen sogar in der einfachen Kreditfinanzierung von gängigen Geschäftsabwicklungen für kerngesunde deutsche Mittelständler mehr Gefahren als Chancen“, so Straubhaar. Wer sich jetzt sehr pessimistisch äußere, werde kaum geprügelt werden, wenn es nicht so schlimm kommen sollte.

Wenn sich herausstellen sollte, dass es für wirtschaftliche Projektionen kaum eine solide Zahlenbasis gibt, könnten die mit viel Brimborium vorgestellten Vorhersagen als staatlich alimentierte Kaffeesatzleserei entzaubert werden. Udo Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer IT-Beratungshauses Harvey Nash, gibt deshalb zu bedenken: „Man darf nicht vergessen, dass die Wirtschaftsprognosen nicht auf harten Fakten beruhen, sondern das Ergebnis mathematischer Modelle sind.“ Ein Prozent nach oben oder nach unten – genauer lässt sich das Wirtschaftswachstum laut Ulrich Fritsche, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, nicht vorhersagen.

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