Tanz auf dem Vulkan

Ab sofort immer mittwochs: Informationen und Denkanstöße rund ums Thema Nachhaltigkeit. In der zweiten Ausgabe geht es um das leidige Thema Greenwashing.
Greenwashing ist schlecht fürs Image. ©Adobe Stock

Mann-o-mann! Haben Sie am vergangenen Freitag zufällig „ZDF Magazin Royale“ gesehen? Diesmal widmete sich Jan Böhmermann dem Touristikkonzern Tui und warf dabei unter anderem einen Blick auf den Umweltbericht von Tui Cruises.

Dort ist nachzulesen, dass der CO2-Ausstoß pro Kreuzfahrtschiff-Passagier von 2018 auf 2019 um 7,87 Prozent gesunken sei. Was ja soweit ganz schön ist – wäre da nicht der Fakt, dass die Zahl der TUI Cruises-Schiffe im selben Zeitraum stieg und sich somit die Menge der klimaschädlichen Emissionen insgesamt um 10,86 Prozent erhöhte. In einem eingeblendeten Interview mit der ARD machte die Vorsitzende der Geschäftsführung von Tui Cruises, Wybcke Meier, dazu eine äußerst schlechte Figur, denn sie setzte zunächst an, die Frage nach steigenden Emissionen ehrlich zu beantworten – und brach dann ab. Siehe Minute 25:30 in der Sendung.

Da drängen sich mehrere Fragen auf: Hält man Konsument*innen eigentlich für doof? Ist es noch immer nicht in die Führungsetagen von Unternehmen vorgedrungen, dass Greenwashing erstens irgendwann rauskommt und zweitens gar nicht gut fürs Image ist? Und, nicht zu vergessen, auch gar nicht gut für den Planeten. Letzteres wird übrigens von Führungskräften oft als nachrangig betrachtet, wie Europa Bendig in ihrer aktuellen absatzwirtschaft-Kolumne schreibt: „Sie sehen Nachhaltigkeit immer noch vorrangig als Reputationsrisiko an, das es (durch das Marketing) zu managen gilt.“

Moralischer Bankrott

Fürwahr, ein Reputationsrisiko droht, wenn man täuscht, lügt und betrügt. Einen moralischen Bankrott jedenfalls erlitt Fynn Kliemann nach dem ebenfalls von Jan Böhmermann aufgedeckten Maskenbetrug. Eine lesenswerte Chronik vom Werdegang Fynn Kliemanns findet sich hier.

Mit dem sympathischen Influencer Kliemann, der so gern die Vokabeln „fair produziert” und „nachhaltig“ im Munde führte, hatten sich viele Unternehmen geschmückt – darunter Viva con Agua und About You, Sanity Group und Toom, Berentzen, EWE und Nordpool. Die ist er jetzt ebenso los wie seinen 2020 verliehenen Nachhaltigkeitspreis. „Weil er unlautere Methoden angewendet und uns mit Greenwashing hintergangen hat, erkennen wir ihm den Preis ab“, schreibt die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis.

Nicht nur Reputation, sondern 1,5 Millionen Dollar Strafe kostete ein Fall von, nennen wir es: Reinwaschung über Bande. Dafür hatte der Finanzdienstleister BNY Mellon Investment Adviser die ESG-Angaben (die die ökologische, soziale und unternehmerische Unternehmensführung bewerten) von Fonds nicht wie angegeben vernünftig geprüft. Dafür, so meldete das „Handelsblatt“ Anfang der Woche, hat ihn die amerikanische Börsenaufsicht nun mit der Geldbuße belegt.

Ändert das was?

Es fragt sich allerdings: Wird es dem Finanzdienstleister schaden, dass er nicht so genau hingeguckt hat? Wird ein*e einzig*e Kreuzfahrtpassagier*in weniger an Bord gehen, weil die Emissionen steigen? Ehrlich gesagt: Im Moment sieht es nicht so aus. Schließlich überlappt sich die eng mit dem Thema Klimakrise verbundene Nachhaltigkeitsdiskussion mit der Corona-Pandemie und dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Marktforscher*innen vom Rheingold Institut haben sich angesichts all der Krisen in ihrem Webinar #16: „Psychologische Zeitenwende – wie Marken jetzt agieren können“ damit beschäftigt, wie die Menschen hierzulande mit all dem Unbill umgehen. Eine Bewältigungsstrategie sieht laut Rheingold so aus: „Tanz auf dem Vulkan: Diese Umgangsform ist von der unbewussten Angst getrieben, alles was Freude macht, könnte nicht mehr lange möglich sein. Ob die Gaskrise durch den Krieg, Reiseeinschränkungen durch neue Virus-Mutationen oder Flug- und Fleischverbote wegen des Klimawandels – all dies führt zu einem ‚Besser-jetzt-als-nie-mehr‘ Verhalten.“

Der junge Mann jedenfalls, der in Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ eine Tui-Reise nach Kreta gewann, hat sie nach kurzen moralischen Bedenken angenommen. Was meinen Sie: Kann man ihm das übel nehmen?

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

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