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Start-up-Serie: Weißwurst, Tech und altes Geld

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Partys sind Mangelware – der Münchner Gründer arbeitet lieber

Auch Werk1 hat zum Aufbau der Szene kräftig beigetragen. 2013 mit Mitteln des Freistaats zunächst vorsichtig auf einer Etage gegründet ist der Inkubator zu einem Kristallisationspunkt der Szene geworden. „Letzter Unort Münchens“ nennt Werk1-Geschäftsführer Franz Glatz das Viertel nahe dem Ostbahnhof. Nahezu jeden Tag gibt es Pitches, Talks, Lounges und was das einschlägige Denglisch-Arsenal sonst noch hergibt. Neuerdings wird auch eine „Afterwerk-Party“ veranstaltet, was bemerkenswert ist, weil derlei Angebote selten sind. „Die Berliner feiern, wir arbeiten“, hört man oft.

Was so nicht stimmt, wie der Erfolg von „Bits and Pretzles“ zeigt, einem Gründerfestival, das auf dem Oktoberfest endet und im vergangenen Jahr fast 5 000 Teilnehmer anzog. Es gibt auch eine „Start-up Alm“, auf der Gründer Ideen entwickeln, abendlicher Absturz inbegriffen. Aber die Tendenz ist klar: Selbst ein Weißwurstfrühstück muss Nutzen bringen. „Münchner Gründer sind ernsthaft“, sagt Dorothea Utzt, Regionalsprecherin Bayern des Bundesverbands deutsche Start-ups. „Sie können es sich schon wegen der hohen Mieten nicht erlauben, herumzuspielen.“ Laut Immobiliendienstleister Colliers liegt die Spitzenmiete für Büros derzeit bei fast 34 Euro pro Quadratmeter. Nur Frankfurt ist teurer.

Wie viele Start-ups es in der Stadt gibt, weiß keiner genau, einige tausend werden es schon sein, die sich weitläufig über Stadt und Landkreis verstreuen. Sabine Engel etwa sitzt mit ihren 15 Mitarbeiterinnen unweit der Donnersberger Brücke in einem unspektakulären Bürohaus, um die Ecke ist die Innere Mission. Engel, 30 Jahre, ist mit ihrem Start-up Miomente 2013 von Stuttgart nach München gezogen, der Agenturszene wegen. Das Portal für kulinarische Events versteht sich als Vertriebskanal für Kochschulen, Winzer, Profi-Griller und Barista-Pädagogen und sein Erfolg steht und fällt mit gutem Onlinemarketing. „Ich hab in München gefunden, was ich brauchte“, sagt Engel. Wenn sie sich etwas wünscht, dann ist das günstiger Büroraum. Derzeit gibt es nur wenige subventionierte Angebote, wie das Münchner Technologiezentrum und Gate Garching.

Bodenständiges und Innovatives gehen in München eine interessante Partnerschaft ein. Es ist Geld in der Stadt, nicht zuletzt altes Geld. Während in Berlin laut Start-up-Monitor des Bundesverbands Deutsche Start-ups fast jedes dritte junge Unternehmen mit Venture-Capital finanziert ist, ist es in München nur jedes fünfte. Dafür spielen hier Business-Angels eine große Rolle: Vermögende Mittelständler und erfolgreiche Manager, die gern Mentoren spielen, wie der frühere Microsoft-Deutschlandchef Jürgen Gallmann, der zum Netzwerk von Baystart-up gehört, der Unternehmer Falk Strascheg mit seinem Family-Office Extorel oder Benedict Rodenstock aus der Brillendynastie, der die VC-Gesellschaft Astutia führt.

Die Hochschulen sind Münchens größtes Plus

Herren wie diese treffen sich gern im Kaufmanns-Casino, einer Münchner Institution: einem  1832 gegründeten Unternehmerclub am Odeonsplatz, dessen Räume mit Kronleuchtern und goldgerahmten Ölbildern aussehen, als sei die Zeit stehen geblieben. Gründer, die sich dort zum Lunch einfinden dürfen, haben es so gut wie geschafft. „Viel höher kann man nicht mehr kommen“, sagt Tobias Mazet, Gründer des Start-ups Miflora. Ähnlich begehrt ist nur eine Einladung zum Unternermertag am Tegernsee, ver-
anstaltet von der Investmentfirma Mountain Partners. Um die muss man sich bewerben – und kräftig zahlen, angeblich 1 000 Euro und mehr.

Auch etwas außerhalb, in Garching, ist die Tech-Szene zu Hause. Zum Beispiel sitzt hier Unternehmer-TUM, das Gründerzentrum der Technischen Universität. Es ist die größte universitäre Einrichtung dieser Art in Deutschland, zu über 90 Prozent privat finanziert, etwa von BMW-Großaktionärin Susanne Klatten. Der Clou ist der 1 400 Quadratmeter große Maker Space, in dem auch das einzige deutsche Team werkelt, das an Elon Musks Hyperloop-Wettbewerb beteiligt ist. Vor eineinhalb Jahren ist man in den Neubau eingezogen, schon ist er zu klein, eine Erweiterung wird gebaut (siehe Interview).

Patrick Esslinger, der Gründer von Nanoku, steht am Eingang des Garchinger Zentrums. Dort findet heute ein Kongress über Deutschlands Gründerzukunft statt. Neben ihm sein Kompagnon Alexander Meissner, der zum Gründen eigens aus Johannesburg, Südafrika, nach München gezogen ist. „Solche Möglichkeiten wie hier hat man nirgendwo anders“, findet er. Kennengelernt haben sich die beiden im Manage&More-Programm von UnternehmerTUM, einem Inkubator. In einem Monat läuft ihre Zeit dort ab. „Wir sind an dem Punkt, wo wir denken, dass aus unserer Firma etwas Großes entstehen kann“. Höchste Zeit, Mitarbeiter und Räume zu suchen, „eventuell auch im Werk1“, sagt Esslinger. Auf jeden Fall aber in München: „Die Szene wächst.“

Dabei zählen die Hochschulen aus Sicht von Martin Junker zu den wichtigsten Pluspunkten. „Es gibt hier extrem gute Gründer und Absolventen“, sagt der Seriengründer und Investor. Deshalb hat er für sein Unternehmen Venture Stars, das sich Company-Builder nennt, München als Standort gewählt. Es ist ja nicht so, als ob sich die Münchner mit nur einem Gründerzentrum zufriedengeben würden. Auch die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hat eins, die Universität der Bundeswehr, die Hochschule für angewandte Wissenschaften. Und alle arbeiten zusammen. Es gibt, zum Beispiel, die gemeinsame Denkfabrik 4Entrepreneurship, eine gemeinsame „Social Entrepreneurship Akademie“ und das Center for Digital Technology and Management von LMU und TUM. „Jeden Freitag gibt es einen Koordinierungs-Call“, sagt Unternehmer-TUM-Geschäftsführer Helmut Schönenberger. „Das ist ziemlich einmalig. Woanders hauen sich Hochschulen die Köpfe ein.“

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