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So verändert sich der Lebensmittelhandel in Europa

Die zunehmende Verlagerung des Handels mit Lebensmitteln ins Internet stellt die etablierten Einzelhandelsunternehmen in ganz Europa vor große Herausforderungen. © Gorillas

Die europäischen und deutschen Lebensmitteleinzelhändler profitierten bei ihren Umsätzen im Jahr 2020 von der Covid-19-Pandemie. Allerdings hinterlässt der zunehmende Anteil des Online-Handels auch nachhaltig Spuren bei den Margen.

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Die europäischen und deutschen Lebensmitteleinzelhändler gehören mit einem Umsatzplus im Jahr 2020 von 5,3 Prozent in Europa und sogar 7,9 Prozent in Deutschland zu den Profiteuren der Covid-19-Pandemie.

Der zunehmende Anteil des Online-Handels hinterlässt allerdings auch nachhaltig Spuren bei den Margen. Die Pandemie hat den Übergang zum elektronischen Handel in Europa klar beschleunigt, insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel: In den fünf wichtigsten Märkten liegt der E-Commerce-Anteil jetzt zwischen drei Prozent (Deutschland, Spanien) und elf Prozent (Großbritannien) des Lebensmittelumsatzes. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Euler Hermes zum europäischen Lebensmitteleinzelhandel.

E-Commerce drückt Margen

“Der Lebensmitteleinzelhandel gehört ganz eindeutig zu den Krisengewinnern”, sagt Aurélien Duthoit, Branchenexperte für den Einzelhandel bei Euler Hermes. “Mehr Mahlzeiten zu Hause und der florierende Verkauf von Haushalts- und Körperpflegeprodukten haben zu einem satten Umsatzplus in ganz Europa geführt. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Denn die Zunahme beim Online-Handel drückt auf die Margen und hinterlässt einen bitteren digitalen Beigeschmack.”

Die positive Entwicklung beim Umsatz werde sich laut Euler Hermes auch 2021 fortsetzen, “wenngleich mit der schrittweisen Wiedereröffnung von Bars und Restaurants etwas langsamer”. Im ersten Halbjahr 2021 verzeichneten die europäischen Lebensmitteleinzelhändler 2,4 Prozent mehr Umsätze, die deutschen sogar 3,6 Prozent.

Im gleichen Zeitraum ist die Nutzung des elektronischen Handels für Lebensmittel in Europa sprunghaft angestiegen. “Die Verbrauchergewohnheiten haben sich durch die Pandemie nachhaltig geändert”, sagt Duthoit: “Diese Entwicklung lässt sich nicht einfach zurückdrehen und stellt den Handel vor große Herausforderungen – auch im Lebensmitteleinzelhandel.” Der Experte von Euler Hermes schätzt, “dass jedes Prozent der Lebensmittelverkäufe, das sich ins Internet verschiebt, 13,6 Milliarden Euro Umsatz und im schlimmsten Fall bis zu 1,9 Milliarden Euro Gewinn gefährdet”. Dies seien vier Prozent des Gesamtgewinns in den europäischen Top-5-Märkten.

Risiken für deutsche Lebensmitteleinzelhändler

In Deutschland ist die Durchdringung des E-Commerce im Lebensmitteleinzelhandel im europäischen Vergleich laut Euler Hermes mit drei Prozent relativ niedrig. In Frankreich und Großbritannien sei die Bedrohung “deutlich größer”.

Dennoch bestünden auch in Deutschland Risiken: “Die deutschen Lebensmitteleinzelhändler sind bis dato relativ zögerlich beim Ausbau ihrer Online-Angebote, so dass sich negative Margen im E-Commerce bisher weniger stark auswirken als in anderen europäischen Märkten mit einer höheren Durchdringung”, sagt Duthoit.

Aber: Jedes Prozent der Einkäufe, das sich ins Internet verschiebt, gefährde auch in Deutschland immerhin rund 2,4 Milliarden Euro an Umsätzen und Gewinne zwischen 87 und 324 Millionen Euro. “Der zögerliche Ausbau des E-Commerce lässt zudem die Türen weit offen für neue Marktteilnehmer. Diese könnten künftig genau in die kaum besetzte Online-Lücke stoßen und den etablierten Marktteilnehmern das Wasser abgraben”, warnt Duthoit.

In den vergangenen Monaten gab es eine wachsende Zahl von Initiativen zwischen Lebensmitteleinzelhändlern und einer Reihe von so genannten Lebensmitteltechnologieunternehmen. Einige Beispiele:

  • Spezialisten für die Auslieferung von Lebensmitteln wie Deliveroo, Just Eat und Delivery Hero expandieren über Fertiggerichte hinaus.
  • Persönliche Einkaufsspezialisten wie Everli mit freiberuflichen Mitarbeitern kaufen für Kunden in den Geschäften ein und liefern nach Hause.
  • Quick-Commerce-Unternehmen wie Gorillas, Getir und Cajoo betreiben urbane Lager mit einem im Allgemeinen begrenzten Produktsortiment, versprechen aber eine superschnelle Lieferung.
  • Zudem können E-Commerce-Logistikdienstleister, die alles von Software bis hin zu Lagerausstattung anbieten wie beispielsweise Ocado etablierten Einzelhändlern eine kosteneffiziente Logistik verschaffen.

Herausforderungen durch E-Commerce

Die zunehmende Verlagerung des Handels mit Lebensmitteln ins Internet stellt die etablierten Einzelhandelsunternehmen in ganz Europa zusammengefasst laut Euler Hermes vor die folgenden Herausforderungen:

Einerseits bietet E-Commerce Einzelhändlern die Chance, durch einen stärkeren Fokus auf Bequemlichkeit und Service Marktanteile zu gewinnen. Andererseits laufen Unternehmen, die sich dem digitalen Wandel nur langsam oder zögerlich stellen, Gefahr, Marktanteile zu verlieren.

Die Entwicklung könne zudem eine große Gefahr für die Rentabilität darstellen. Denn der Online-Verkauf von Lebensmitteln sei – unabhängig von der Art der Zustellung (Click and Collect oder Lieferung) – mit Verlusten verbunden. Die Kosten steigen, da ein Teil der Dienstleistungswertschöpfungskette (in der Regel Kommissionierung, Kasse und Lieferung) vom Kunden an den Einzelhändler zurückverlagert wird, während die damit verbundenen Kosten nicht vollständig durch die Dienstleistungsentgelte kompensiert werden können.

Unter der Annahme einer durchschnittlichen Ebit-Marge von 3,7 Prozent für den Lebensmitteleinzelhandel in Europa (gewichteter Durchschnitt des Sektors im Jahr 2020) geht die Euler-Hermes-Studie somit davon aus, dass jedes Prozent der Lebensmittelverkäufe, das künftig online getätigt wird, einen Gewinn von mindestens 500 Millionen Euro bedroht – wenn die Margen im Online-Lebensmittelhandel bei null lägen, was allerdings optimistisch ist. Bei einer Marge von -minus fünf Prozent wären es 1,2 Milliarden Euro und im schlimmsten Fall (Ebit-Marge von minus zehn Prozent) könnten die Gewinneinbußen auf bis zu 1,9 Milliarden Euro ansteigen.

absatzwirtschaft+

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