Suche

Anzeige

Sammeltaxi-Selbstversuch: Alles Moia, oder was?

Frank Puscher will künftig öfter mit Moia durch die Hamburger City fahren. © Puscher

Soeben hat das Hamburger Verwaltungsgericht dem Sammeltaxi-Anbieter Moia verboten, seine Flotte auf 500 Autos auszudehnen. Wie schade, meint absatzwirtschaft-Mitarbeiter Frank Puscher, der den Dienst kurz nach dem offiziellen Start in Hamburg getestet hat.

Anzeige

Dienstag, 20.12 Uhr, Hamburg, Jarrestraße: Mein Sohn und ich sind auf dem Heimweg von unserem Lieblings-Vietnamesen. Es gibt diese Momente, in denen man stolz ist, Vater eines fast 20-Jährigen zu sein. Nämlich dann, wenn er mich in meinem ureigensten Terrain schlägt – in diesem Fall: „digitale Transformation“.

Mein Sohn: „Guck mal, da kommt ein Moia“

Ich: „Ein was?“

Sohn: „Ein Sammeltaxi, ich glaube die sind von VW“.

Der Erwachsene staunt nicht schlecht, als der schwarz-goldene Van lautlos vorbei gleitet.

„Vollelektrisch“, schlaumeiert der Spross, der sich aktuell zum Programmierer ausbilden lässt.

Dienstag, 20.46 Uhr, Beethovenstraße: Moia wird gegoogelt. Ich bin nur noch gelegentlich in Hamburg, daher ist mir die Launch-Kampagne entgangen. Tatsächlich hat das VW-Start-up per Plakat nach Fahrern gesucht. Die Hamburger selbst dürften den Start des Dienstes am 15. April wohl nicht übersehen haben. Die Autos selbst kann man nicht übersehen, auch wenn es bislang nur 100 in der Millionenstadt gibt. In Hannover (nahe Wolfsburg!) rollen die Vans ebenfalls und bieten Ridesharing, eine Mitfahrgelegenheit, an.

Seit 15. April sind die Sammeltaxis in der Hansestadt unterwegs. ©Moia

Mittwoch, 9.12 Uhr, Beethovenstraße: Die App ist übers heimische Wlan in Sekundenschnelle aufs Android-Phone geladen. Die Benutzerführung könnte intuitiver nicht sein. Persönliche Daten eingeben, Kreditkarte hinterlegen (einziges Zahlungsmittel bisher) und natürlich den Standort freigeben. In zwei Minuten bin ich für Moia einsatzbereit. Die App fragt mich, ob sie die ermittelte Anschrift als Startadresse eintragen soll. Man kann mehrere solcher Adressen eintragen, dann wird die Fahrtbuchung noch einfacher.

10.42 Uhr: Ich habe fertig gefrühstückt und den ersten Artikel geschrieben. Jetzt geht es ins Büro. Die App wird gestartet und es erscheint sofort die Karte mit dem Standort und der Frage nach einem Ziel. Ich will zur Feldstraße. Das dauert um diese Zeit – egal mit welchem Verkehrsmittel – immer eine halbe Stunde, inklusive entweder Weg zur Haltestelle oder Parkplatzsuche.

Die App fragt, ob ich jetzt fahren will oder in fünf oder in zehn Minuten. Ich entscheide mich für „jetzt“ und hier zeigt die Moia-App echten Niedersachsen-Humor: „Dein Moia kommt um 10.52“. Ergo in genau zehn Minuten.

10.47 Uhr: Ich hole noch kurz ein Brötchen beim Bäcker und stelle mich an die Straße. Moia holt einen nicht immer vor der Haustür ab, sondern lenkt den Fahrgast auch mal zur nächsten Straßenecke zum Einsteigen. So lassen sich die Routen optimieren, vor allem in Vierteln mit vielen Einbahnstraßen, wie in Altona.

In meinem Fall möchte Moia, dass ich auf die andere Straßenseite wechsele. Das ist lustig, denn dort gibt es nur einen Bauzaun und eine Großbaustelle. Außerdem ist die Beethovenstraße zur Zeit Einbahnstraße. Da nutzt es wenig, wenn ich auf der linken Seite der Fahrbahn stehe. Ich bleibe trotzig stehen.

10.50 Uhr: Das Moia-Icon erscheint in der Karte. Das Fahrzeug ist in der Nähe. Ich muss grinsen, weil das Auto eine falsche Abzweigung nimmt, die eben nur funktioniert, wenn hier keine Baustelle ist.

10.51 Uhr: Prompt kommt die Nachricht in der App: „Sorry, wir sind spät dran. Dauert noch drei Minuten“. Mein Journalistenherz freut sich: Es ist eine Kunst, gute Fehlermeldungen in Software zu hinterlegen. Viele übersehen, dass das auch eine Art Dialogmarketing ist. Der Moia-Ton ist freundlich, sympathisch.

10.55 Uhr: Da rollt der Elektro-Van die Straße hinauf. Ich mache drei Fotos. Er stoppt direkt vor mir und die Schiebetür gleitet elektrisch beiseite. Die Tür ist riesig, so könnte man auch bequem mit Gepäck einsteigen, wenn man welches hätte. Das ist vor allem dann praktisch, wenn der nachfolgende Verkehr nicht am Moia vorbei kommt. Es geht einfach schneller.

Mit drei Minuten Verspätung rollt das Moia-Sammeltaxi vor. ©Moia

10.56 Uhr, Bachstraße: Wir rollen. Wir, das sind „MF“, „FP“ und Kemal (Name geändert). Kemal ist der überaus nette Fahrer, der sich zuerst einmal für die Verspätung entschuldigt. Es mag nach Klischee klingen, aber ich glaube nicht, dass ich so etwas in den letzten Jahren mal von einem Taxifahrer gehört habe.

„MF“ ist mein Mitfahrer. Er stellt sich nicht vor, aber sein Kürzel ist genauso wie meines auf dem Bord-Display zu sehen. Es steht neben der Zieladresse und der geschätzten Ankunftszeit.

Wie in der U-Bahn zeigt das Display die Reihenfolge der Ausstiege und die geschätzte Fahrzeit. ©Puscher

10.58 Uhr, Winterhuder Weg: Kemal fragt, warum ich das Auto fotografiert habe. Ich antworte, ich sei Journalist und würde darüber schreiben. Er überlegt kurz und dann fragt er mich, warum wir Journalisten immer alles so negativ sehen müssen. Immer wenn Journalisten mit ihm sprechen, fragen sie, ob Taxifahrer ihren Job verlieren wegen Moia. „Aber wir sind doch keine Konkurrenz”, sagt er.

„MF“ und ich schauen uns an und lachen laut. Nein, mit diesem riesigen Platzangebot, dieser Freundlichkeit und dem aktuellen Einstiegs-Sonderangebot von fünf Euro pro Fahrt ist Moia eher konkurrenzlos.

Taschen und Koffer finden neben dem Fahrer Platz. ©Moia

Fun-Fact: „MF“ ist wie ich Schwabe. Und dass wir uns in der Luxuskarosse zu Sonderangebotskonditionen begegnen, hat etwas Bezeichnendes.

11.08 Uhr, Steindamm: „MF“ kennt sich sehr gut aus mit E-Mobilität. Wir diskutieren technische Details wie Akku-Größe und Ladezeiten. Kemal ist in seinem Element: „Ich darf euch das nicht sagen, aber glaubt mir, das Ding lädt so schnell, dass ihr das nicht glauben würdet.“

Wir duzen uns. Und wir reden vom Moment des Einsteigens bis zum Ende der Fahrt. Moia nennt sich selbst „Social Movement“. Ich fand das ziemlich anmaßend, als ich es gelesen habe, aber für diese Fahrt stimmt es auf jeden Fall.

11.12 Uhr, Amsinckstrasse: „MF“ hat sein Ziel erreicht und steigt aus. Natürlich ist die Fahrt bereits per App bezahlt. Kein Wechselgeld, keine Quittung, einfach aussteigen und “Tschüß” sagen. Kurz bleibt „MF“ mit seinem iPhone-Kabel an der Ladebuchse hängen und lacht. Jeder Sitz hat eine und ein kleines herausziehbares Minitischchen, auf dem man das Mobilgerät ablegen kann. Wlan gibt es auch, aber dafür habe ich gar keine Zeit, bei der ganzen Kommunikation.

11.18 Uhr, Holstenwall: Ich liebe diese erhöhte Sitzposition im Van mit Rundumblick und viel Platz. Der Moia hat sechs Sitzplätze für Passagiere, schicke weiße Ledersitze mit guter Beinfreiheit und Platz für Taschen und Rucksäcke dazwischen.

Das Display zeigt: „FP“ – Feldstraße – 4 Minuten.

Weiße Ledersitze, viel Beinfreiheit und eine USB-Steckdose: Moia punktet mit komfortablem Luxus. ©Moia

Kemal weist darauf hin, dass die App noch viel besser wird und das bald noch viel mehr Moias in Hamburg herumfahren werden. Wenige Stunden später wissen wir, dass das Verwaltungsgericht dieses „viel mehr“ als insgesamt 200 definiert hat und dass Moia meint, das Oberverwaltungsgericht möge doch bitte nochmal darüber nachdenken.

„Die App hat leider noch keine Trinkgeld-Funktion“, bemängelt der Fahrer. Clever, der Kemal, für den der Moia-Job der erste richtige Fahrerjob ist. Ein paar Mal sei er Limousine gefahren, aber nichts Festes. „Und Taxi“? Mit weit geöffneten Augen schaut er mich entsetzt an, als habe ich das Wort ausgesprochen, das nicht genannt werden darf.

11.22 Uhr, Feldstraße: Pünktlich wie eine schwäbische Eieruhr fährt die Edelkarosse vor meinem Büro vor. Ich krame zwei Euro aus der Hosentasche, weil es ja noch keine Trinkgeld-Funktion gibt, steige beschwingt aus und belästige einen halben Tag lang jeden mit der Geschichte von meiner schönen Fahrt zur Arbeit.

Blickfang: Man streitet derzeit, ob in Hamburg 200 oder 500 Moias auf Dauer fahren sollen. ©Moia

11.26 Uhr, Feldstraße: Beim ersten Abrufen meiner E-Mails ist die Rechnung von Moia schon dabei. Fünf Euro mit einer ausgewiesenen Mehrwertsteuer von 80 Cent.

Mittwoch, 14.13 Uhr, Feldstraße: Ich schlage der absatzwirtschaft vor, ein Stück über Moia zu machen, und erzähle der liebenswerten Chefredakteurin von meinen Erlebnissen. Sie ärgert sich, dass sie im falschen Stadtviertel wohnt, beauftragt aber freudig einen kleinen Text.

Donnerstag, 12.46 Uhr, Intercity 2217 nach Köln: Die Moia-App mag nicht starten, weil der Standortfinder mich und das Internet nicht finden kann.

Gott sei Dank habe ich noch etwas zum Nörgeln gefunden. Ich nehme Kemals Hinweis auf die Misanthropie der Presse durchaus ernst, aber mal ganz ehrlich: Für Friede-Freude-Eierkuchen habe ich mir diesen Beruf nicht ausgesucht. Ich werde noch häufiger Moia fahren. Erstens, weil ich unbedingt noch ein paar Fehler im System finden muss. Und zweitens, weil es verdammt viel Spaß gemacht hat.

Anzeige

Kommunikation

Amazon Music

Amazon-Music-Chef: “Voice ist unser Wachstumsmotor”

Amazon Music will im Markt des Musikstreamings weiter wachsen. Im Interview mit absatzwirtschaft erklärt Michael Höweler, Head of Amazon Music Germany, wie er die Lücke zu Spotify und Co. schließen will. mehr…



Newsticker

Amazon-Music-Chef: “Voice ist unser Wachstumsmotor”

Amazon Music will im Markt des Musikstreamings weiter wachsen. Im Interview mit absatzwirtschaft…

Studien der Woche: Diskriminierte Autofahrer und Technik-Angst

Marktforschung und Wirtschaft veröffentlichen täglich neue Studien, die für Unternehmen und Marketer wichtig…

Bifi, Milka, Frosch: Die Top10 der deutschen Sechs-Sekünder

Wie können Marken effektive Botschaften in sechssekündigen Videos platzieren? Deutschlands Top 10 in…

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

  1. Vielen Dank für den lesenswerten und kurzweiligen Artikel. Bin kürzlich ebenfalls MOIA gefahren und meine Erfahrungen decken sich mit dem Erlebten des Autors. Vom Hamburger Osten der Stadt bis in den Westen, 45 Min. Fahrzeit für 5,- Euro – dank des Startangebots natürlich. Ich war sofort Fan.

    Umso bedauerlicher, dass ich leider schon mehrfach erlebt habe, dass keine MOIAs verfügbar waren. Nur zwei von sechs Versuchen waren bisher erfolgreich. “Sorry, probiere es später wieder” kam als Meldung. Das nervt ein wenig und es ist schlimm, dass Deutschland derart Innovationsfeindlich aufgestellt ist.

    So wie wir in Deutschland derzeitig unterwegs ist in Sachen neuer Mobilitätskonzepte, Netzausbau, IoT und Innovationen habe ich das Gefühl, dass wir mit Hilfe von Regularien und Gesetzen in diesem Land Selbstmord begehen aus Angst vor dem Tod.

    1. Hallo,
      eine Fahrtdauer von 45 min für 5,- €….. Das kann doch kein vernünftig denkender Mensch als gut bezeichnen ?
      Das wären 6,66 in einer Stunde. Alleine der Fahrer verdient das Doppelte. Von den exorbitant teuren Fahrzeugen die ganz sicher im sechstelligen Bereich kosten pro Stück – und da wird keine 1 vorne stehen – dem Strom Verbrauch, der Wartung und des Administrativen Wasserkopfes der Moia Führung ganz zu schweigen.
      Der mega Konzern VW bezahlt das Minus (noch) alles aus seiner Portokasse. Nur wielange denn …?! VW ist nicht von der Caritas.
      Um auch nur einigermnaßen in die Nähe der schwarzen Zahlen zu kommen, müßten die einen Sunden Umsatz von 40€ plus erwirtschaften – jede Stunde. Auch Mittags in der schwachen Zeit.
      Fakt aber ist, das sie momentan eine Auslastung von 0,6 fahrten pro Stunde haben. Ganz toll…
      Einmal die Augen auf machen und selber gucken. Die Moias sind leer. Leer, leer, leer.
      Selbst in Hannover wo sie schon weit über 1 Jahr fahren – leer !
      Google kann einem hier helfen…. Berichte gibt es genug.
      Moia ist eine Kopfgeburt, mehr nicht. Theoretisch vielleicht ganz gut, aber das wahre Leben ist eben nicht theoretisch.
      Nicht alles ist Gold was glänzt, auch wenn die Wagen so aussehen mögen.

      frank

  2. Naja, also eine “niedliche Geschichte” wurde hier verfasst, mit persönlichen Details ausgeschmückt….
    Moia ist angeblich keine Konkurrenz zum Taxi, trotzdem wird der “böse” Taxifahrer zitiert der sich sich nicht für´s zu spät kommen entschuldigt ( vielleicht kommen sie nur seltenst zu spät… ?! ), und dem Moia fahrer gegenüber “darf” man das Wort auch nicht erwähnen – aber nein, Moia hat mit Taxen nichts zu tun, alles klar.
    Wer sich einmal die Frage gestellt hat die Erwachsene sich überlicherweise stellen sollten, nämlich warum Taxifahrer nicht alle steinreich sind bei deren Preisen, und sich dann weiter überlegt, wie eine Moia Fahrt von einer halben Stunde ( wie oben ) mit 10,- € auch nur annähernd finanziert werden sollte ( Wo doch alleine der Fahrer seinen Arbeitgeber schon rund 16,- € die Sunde kostet… ), der kann nur nur dem Ergenis kommen: Das ist eine Traum und Phantasiewelt das “Konstrukt” Moia.
    Man überläßt Moia nicht nur seinen namen, seine Adsresse oder Bankverbindung – nein, man übergibt Moia auch freiwillig seine Fahrtzeiten und Ziel Daten. Moia = VW.
    Einem durch und durch aufrichtigen Konzern, der natürlich immer nur das Beste für seine Kunden möchte.
    Also, ich finde auch Naivität sollte irgendwann mal eine Grenze haben.

    Frank

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige