„Nachhaltigkeit kann sexy sein“

Vier Jahre war der Blogger Sascha Pallenberg Head of Digital Transformation bei Daimler, dann ist er ausgestiegen. Im Green Wednesday erzählt er, warum er vom „Jetset-Business“ genug hatte und wie er sich jetzt für den Klimaschutz engagiert.
Sascha Pallenberg
Sascha Pallenberg: "Wir brauchen Manager*innen als Treiber in Sachen Nachhaltigkeit". ©Aware

Herr Pallenberg, vor eineinhalb Jahren sind Sie von Daimler zum Start-up Aware gewechselt, um gegen den Klimawandel zu kämpfen. Muss man aus dem Marketing aussteigen, um Nachhaltigkeit zu leben?

Wir brauchen Manager*innen als Treiber in Sachen Nachhaltigkeit. Ohne sie schaffen wir die grüne Transformation nicht. Aber ich streite nicht ab, dass es in einem Konzernumfeld schwierig ist, so konsequent etwas umzusetzen, wie ich es mit Aware versuche. Für mich zählt, dass ich die größte Herausforderung für die Menschheit, die Klimakrise, jetzt direkt angehen kann.

Kürzlich ähnelte ein Post von Ihnen auf LinkedIn einer Selbstanklage: „Dem Jetset-Business ein ‚Cheerio‘ gewünscht und endlich die Entscheidung für die wertegetriebene Karriere getroffen, die ich all die Jahre zuvor zwar kommuniziert, aber nicht umgesetzt habe“.

Die Corona-Zeit hat bei mir viel verändert. Seit 14 Jahren lebe ich in Taiwan, war dort aber am Stück nie länger als sechs Wochen, weil ich permanent unterwegs war. Im Januar zur CES nach Las Vegas, im Februar zum Mobile World Congress nach Barcelona, im März zur SXSW nach Austin… Ich habe das als Privileg verstanden und durchaus auch geliebt. Corona war wie eine Vollbremsung. Das lässt dich über Dinge nachdenken. Ich habe erkannt, dass selbst dieser Traumjob – ich bin nach wie vor ‚Daimler-Fanboy‘ – keine Erfüllung für mich ist.

Warum?

Ich wollte direkte Veränderung bewirken. In der Autoindustrie kommen, je nach Modell, bis zu 7000 Komponenten von globalen Zulieferern. Diesen riesigen Verbund müssen die Konzerne auf Nachhaltigkeit prüfen, wenn sie auf null Emissionen kommen wollen. Das geht nicht von heute auf morgen. Wenn ich beim Daimler mit Vertreter*innen von NGOs gesprochen habe, war es oft schwer, ihnen verständlich zu machen, wie komplex Umsteuern ist mit über 20 Marken und mehr als 300.000 Mitarbeiter*innen weltweit.

Im Start-up sind die Wege kürzer, die Risiken dafür größer. Was macht Aware so spannend für Sie, dass Sie den Karrierebruch gewagt haben?

Zum einen das Team. Ich war schon während meiner Daimler-Zeit im Advisory Board von Aware. Lena Schrum und Kim Fischer sind Frauen mit einem großen Netzwerk, einer guten Idee und der nötigen Energie und Leidenschaft, sie umzusetzen. Das Gefühl war: Wenn wir drei uns zusammentun, dann klappt das.

Was ist inhaltlich das Besondere?

Der holistische Ansatz. Beim Kampf gegen den Klimawandel müssen wir möglichst viele Menschen mitnehmen. Das versuchen wir mit unserem Kernprodukt, der Academy. Wir bieten Masterclasses zu Themen an wie Ressourceneffizienz, Energieinnovation und Green Deal. Wir zeigen, wie toll Nachhaltigkeit ist, was für ein Gewinn sie sein kann und dass man sie branchenübergreifend denken muss. Auch wenn es ungewohnt klingen mag: Nachhaltigkeit kann sexy sein!

Heißt konkret?

Zum Beispiel Design, das sich an den Abläufen in der Natur orientiert, wie es Lars Krückeberg von Graft Architects vormacht. Hans Elstner, der CEO von Room, zeigt, wie man virtuelle Events so konzipiert, dass Begegnungen denen in der realen Welt kaum nachstehen.

Praktisch. Aber warum nachhaltig?

Weil es Menschen davor bewahrt, quer durch Europa zu fliegen.

Sie selbst jedoch stehen als Marke eher für digitale Transformation und Social-Media-Marketing.

Tatsächlich ist das nicht so. Vor 20 Jahren hab‘ ich angefangen, aus Taiwan kleine, extrem stromsparende Minirechner zu importieren. 2006 beschrieb eines meiner Blogs „Cool Green Gadgets“ – Gadgets, die uns helfen, nachhaltiger zu werden. Beim Daimler, parallel zur digitalen Transformation, war für mich die wichtigste Aufgabe zu kommunizieren, wie der Konzern die Antriebswende schafft, hin zur E-Mobilität. Insofern war Nachhaltigkeit auch früher für mich ein zentrales Thema.

In Ihrem Post bekennen Sie sich zu „sehr heuchlerischen Positionierungen“ in Ihrem früheren Leben.

Okay, es war damals nicht mein Hauptfokus, Menschen an Nachhaltigkeitsthemen heranzuführen. Letztendlich habe ich physische Produkte beworben, deren Herstellung einen negativen Impact auf den Planeten hat, so lange wir nicht in einer hundertprozentigen Kreislaufwirtschaft leben. Das war nicht ansatzweise so konsequent wie das, was ich jetzt tue. Das gilt auch für meine persönliche Ökobilanz. Früher bin ich im Jahr 500.000 Meilen geflogen. Jetzt bin ich eher im Vermeidungsbusiness. Ich bin im Mai zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren nach Deutschland geflogen und elf Wochen geblieben.

Es gibt Leute, die würden sagen, 10.000 Kilometer Flugstrecke sind auf keinen Fall nachhaltig.

Jeder, der fliegt, bietet eine gewisse Angriffsfläche. Aber ich gleiche seit 2015 meine Flüge aus und versuche sie runterzufahren.

Was das Bewerben von Produkten angeht – auch eine digitale Lernplattform verbraucht Ressourcen.

Ich glaube, dass die digitale Transformation den größten Hebel bietet, damit Business klimaneutral wird. Welche Ressourcen fließen denn in eine solche Plattform? Server und Endgeräte müssen gebaut werden, es wird Strom benötigt. Das sind relativ gut zu kalkulierende Impacts, die sich reduzieren und ausgleichen lassen: Webseiten und Serverzentren mit Ökostrom betreiben, Menschen dazu anhalten, ihre Geräte länger zu nutzen.

Letztlich unterscheidet sich Ihr Job vielleicht gar nicht so sehr von dem, den Sie bei Daimler gemacht haben?

Natürlich bin ich im positiven Sinne in der Abteilung Attacke. Ich versuche, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Herausforderungen zu erklären. Ich habe aber jetzt die Möglichkeit, progressiver zu kommunizieren und noch stärker den Finger in die Wunde zu legen.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem späteren Leben noch einmal eine Konzernfunktion zu übernehmen?

Das Leben hat mich gelehrt, dass man nie „nie“ sagen soll. Ich bin aber mit meinem jetzigen Leben verdammt glücklich und würde mir die Freiheit gern bewahren.

Eine gute Woche noch, liebe Leser*innen, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

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