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Mehrweg, Recycling, Kreisläufe: Was tun gegen Verpackungsmüll?

Mehrweg
Das seit Anfang 2019 gültige Verpackungsgesetz sieht eine Mehrweg-Zielmarke von 70 Prozent bei Getränken vor. © Imago

Der Kaffee zum Mitnehmen, das Abendessen vom Lieferservice, der Joghurt in kleinen Einzelportionen und die neue Jeans im Netz bestellt: Das ist bequem, produziert aber immer mehr Abfall. Umweltschützer sehen Handlungsbedarf – auch bei den Bürgern.

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Es ist ein Rekord, über den sich kaum jemand freut: Fast 19 Millionen Tonnen Verpackungsmüll haben die Deutschen im Jahr 2018 produziert, so viel wie nie zuvor. Verteilt auf alle Bundesbürger macht das 227,5 Kilo pro Kopf, nochmal ein Kilo mehr als im Vorjahr, wie das Umweltbundesamt am Dienstag vorrechnete. Private Verbraucher hatten daran erneut einen Anteil von 47 Prozent, also knapp der Hälfte. Sie produzierten über 8,9 Millionen Tonnen Verpackungsmüll oder 107,7 Kilo pro Kopf.

Das Umweltbundesamt (UBA) kann noch nicht angeben, wie sich die Corona-Krise auf den Verpackungsverbrauch ausgewirkt hat – die Daten für 2018 sind die neuesten offiziellen. “Aufgrund der geschlossenen Geschäfte und Restaurants ist allerdings abzusehen, dass vor allem mehr Serviceverpackungen für Essen und Getränke verbraucht worden sind”, teilte die Behörde mit.

Konsumgewohnheiten, Verpackungstrends, Online-Einkauf

Woran liegt es? Neben dem Wirtschaftswachstum dürften vor allem die Konsumgewohnheiten der Bürger zum Anstieg beitragen, aber auch ein Trend bei Herstellern zu wiederverschließbaren Verpackungen, Dosierhilfen und generell aufwendigeren Verschlüssen.

“Diese Funktionen können zwar dazu beitragen, Ressourcen durch zielgerichtetes Dosieren zu schonen oder Lebensmittelabfälle zu vermeiden”, räumte das UBA ein. “Zusätzliche Funktionen sind jedoch häufig mit einem zunehmenden Materialverbrauch verbunden.” Dazu kämen Trends zu kleineren Portionen, zum Online-Einkauf und zu Essen und Trinken “to go”, also zum Mitnehmen.

Recycling: offizielle Quote viel höher als tatsächlicher Wert

Was passiert mit dem Verpackungsmüll?

In Deutschland fällt zwar viel davon an, es wird davon aber auch viel recycelt – 2018 waren es rund 69 Prozent. Je nach Material sind die Unterschiede groß: Bei Stahl sind es 91,9 Prozent, bei Aluminium 90,1, bei Papier und Karton 87,7 Prozent und bei Glas 83 Prozent. Verpackungsmüll aus Kunststoff wurde dagegen nur zu 47,1 Prozent wiederverwertet, aus Holz sogar nur zu 25,3 Prozent.

Offiziell sind die Recyclingquoten in Deutschland zwar relativ hoch. Sie täuschen jedoch darüber hinweg, dass sie sich lediglich auf die Anlieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht aber auf den wirklich recycelten Output beziehen, wie beispielsweise der sogenannte “Plastikatlas 2019” der Heinrich Böll Stiftung in Zusammenarbeit mit dem BUND herausarbeitet.

Im “Plastikatlas” heißt es im Weiteren: “Nimmt man die Gesamtmenge der anfallenden gebrauchten Kunststoffprodukte – im Fachjargon “Post-Consumer” genannt – als Grundlage, wird in Deutschland nur etwa 15,6 Prozent zu Rezyclat verarbeitet. 7,8 Prozent sind mit Neukunststoff vergleichbar. Diese Menge wiederum macht 2,8 Prozent der in Deutschland verarbeiteten Kunststoffprodukte aus. Von einer Kreislaufwirtschaft kann kaum gesprochen werden.”

Lösungsansatz Mehrweg

Was ist zu tun? “Verpackungen sollten vermieden werden, bevor sie überhaupt anfallen”, mahnte UBA-Präsident Dirk Messner. Und hat gleich ein paar Vorschläge: Mehrwegbecher etwa für Kaffee müssten die Regel werden, und wer Essen mitnehme, sollte das in Mehrwegbehältern tun können.

“Die Flut an Pizzakartons und Kaffeebechern in Mülleimern und Parks hätte so ein Ende.” Hersteller sollten Verpackungen möglichst einfach gestalten, damit sie gut zu recyceln seien, und Mehrwegverpackungen verwenden. “Am besten werden gleich recycelte Rohstoffe zur Herstellung verwendet”, sagte Messner.

So sieht man das auch im Bundesumweltministerium. “Es ist immer sinnvoller, nicht Abfälle entstehen zu lassen, sondern möglichst Verpackungen auch öfter zu verwenden”, sagte der Parlamentarische Staatssekretär Florian Pronold (SPD).

Mehrweg für Online-Handel?

Mehrweg müsse laut Pronold in verschiedenen Bereichen gestärkt werden, vor allem auch im Online-Handel. Das sei der am stärksten wachsende Bereich im Verpackungsmarkt und der Trend zum Bestellen im Netz lasse sich nicht zurückdrehen, sagte Pronold.

Letzteres dürfte stimmen – jedenfalls erwartet der Bundesverband Paket und Expresslogistik im November und Dezember etwa 420 Millionen Paketzustellungen, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Pronold sprach am Dienstag bei einer Mehrweg-Konferenz, die die Deutsche Umwelthilfe organisiert hatte. Dabei ging es nicht nur, aber vor allem um den Getränke-Bereich – wo Mehrweg-Flaschen seit Jahren auf dem Rückzug sind. 2018 lag ihr Anteil noch bei 41,2 Prozent, wie das UBA kürzlich mitgeteilt hatte – ein Prozentpunkt weniger als im Vorjahr.

Regionale Kreisläufe und Mehrwegquote für den Handel

Ob das für sich genommen schon automatisch ein Umweltproblem ist, ist umstritten – auch Pronold erklärte, dass der Trend zu individualisierten Flaschen, die zwischen Schleswig-Holstein und Bayern hin und her gekarrt werden müssten, sich schlecht auf die Ökobilanz auswirke. Gebe es regionale Kreisläufe und kurze Transportwege, sei Mehrweg aber in der Regel im Vorteil.

Was wird schon getan?

Das seit Anfang 2019 gültige Verpackungsgesetz sieht eine Mehrweg-Zielmarke von 70 Prozent bei Getränken vor – die unter anderem erreicht werden soll, indem an Supermarktregalen steht, ob es sich um Einweg- oder Mehrwegflaschen handelt. Pronold sagte, wenn der Trend sich nicht aufhalten lasse und im Handel nicht “deutlich mehr Mehrweg angeboten” werde, müsse man aus seiner Sicht über Quoten nachdenken, die dies dem Handel vorschreiben.

Das Verpackungsgesetz sieht auch steigende Recyclingquoten vor sowie finanzielle Anreize für Hersteller, ihre Verpackungen recyclingfreundlich zu gestalten. Eine echte Bilanz, wie das Gesetz wirkt, gibt es aber noch nicht. Umweltschützer halten es für unzureichend – und fordern unter anderem, über eine Einweg-Abgabe bestimmte Verpackungen zu verteuern, die Müllberge zu verkleinern.

he/dpa

absatzwirtschaft+

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