Homo temporalis: Das Leben – ein Zeitkontingent?

Wie ist es gerade so um Ihre Zeit bestellt? Mein Biorhythmus läuft noch nicht auf Winterzeit und ich hoffe sehr auf ein Ende der Zeitumstellung, wie in der EU vor zwei Jahren beschlossen – doch wie immer, wenn es um Zeit geht, herrscht Uneinigkeit. Grund genug, mal der Frage nachzugehen: Welche Narrative rund um die Zeit gewinnen an Bedeutung?
Unsere Maximierungs- und Beschleunigungskultur wurde durch die Corona-Pandemie abrupt auf Halt gesetzt. ©Unsplash/Kevin Ku

Von Europa Bendig

Winterzeit, Sommerzeit, chronologische Zeit oder Biozeit? Die Pandemie war ein harter Eingriff in das persönliche und gesellschaftliche Zeitgefühl – und für viele ein Augenöffner: Unsere Maximierungs- und Beschleunigungskultur wurde abrupt auf Halt gesetzt und für ein paar Monate durch eine verstörende, aber auch heilsame Stille ersetzt.

So mancher hat während des Lockdowns in den blauen Himmel gestarrt und sein Zeitkonzept zugunsten eines regenerativeren Lebens und Arbeitens neu überdacht. 40 Prozent der Mitarbeiter*innen wollen den Job kündigen, Teilzeit arbeiten, meditieren. Und immer mehr Menschen beschäftigen sich mit ihrer Ruhe, ihrem Schlaf, ihren Auszeiten …

Zeit eine lebensdienliche Qualität geben

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen: Stille und Besinnung, so unproduktiv sie zunächst scheinen, sind als Konzept auch in den oberen Führungsetagen der Unternehmen angekommen. In Interviews mit Führungskräften hören wir neuerdings viel über „ein Einplanen bewusst unproduktiver Zeiten“.

„Denkzeiten“ und „Zeiten des informellen Austauschs“ gelten heute unter Führungskräften nicht mehr als Zeitverschwendung, sondern sind wichtige Reflexionszeiten, um sich und anderen Orientierung geben zu können. Denn die Zeit richtig zu nutzen heißt in Zukunft nicht, mehr Output in immer weniger Zeit zu produzieren, sondern der Zeit – auch der Arbeitszeit – eine lebensdienliche, regenerative Qualität zu geben.

Eigentlich wollen wir das ja auch alle. Nur hat die lebensdienliche, regenerative Zeit leider einen mächtigen Feind. Nein, nicht die Beschleunigung, auch wenn die Auswirkungen der Digitalisierung unser Zeitverständnis zutiefst verändert haben. Es ist das Phänomen „Halbwertszeit“. Zeitkontingente und Deadlines machen alles zum Projekt. Menschliche Leistungen werden in Zeitabschnitte zerteilt, bewertet und belohnt. Sogar Missionen sind ein temporärer Einsatz: „Die nächsten fünf Jahre meiner Lebenszeit widme ich dieser wichtigen Aufgabe, aber ohne Verlängerungsoption.“ Die Arbeit im Unternehmen wird so zu einer linearen, endlichen Episode mit festem Verfallsdatum. Danach hat man Zeit für eine neue Option.

Das Leben ist kein Kanban-Board

Doch das Leben ist kein Kanban-Board. Die dynamisch-agile, aber temporäre Denke macht uns zunehmend ziellos, laugt uns aus, ohne uns neue Energie und Sinnquellen durch Verbindungen zu uns selbst, zu anderen und der Welt aufzuschließen.

Ich glaube, Führungskräfte müssen in dynamischen Zeiten nicht „die Linie halten“, sondern Raum geben. Zum Beispiel für Ruhe, Austausch und für verschiedene Geschwindigkeiten der menschlichen Entwicklung, Iteration, Produktivität und Genese. Ein regenerativer Umgang mit menschlichen Energien wäre der Anfang eines neuen, zyklischen und regenerativen Zeit- und Wirtschaftsverständnisses – und kein schlechter Vorsatz für 2022.

Europa Bendig ist Managing Director der Hamburger Research- und Transformations-Agentur Sturm und Drang.

Die Kolumne erschien zuerst in der Dezember-Printausgabe der absatzwirtschaft.

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